Der editierte Text

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99 Claremont-Avenue, New York City 4/17 35

Liebe Freunde,

unser letzter Rundbrief berichtete über unsere Erlebnisse im vorigen Sommer. Leider sind einige Exemplare bei einigen Leuten monatelang liegen geblieben. Ich bitte dringend, keinen Brief länger als eine Woche zu behalten.

Je länger wir hier sind, und je mehr wir in die Aufgabenfülle und menschlichen Beziehungen von Amerika (Details anzeigen) hereinkommen, desto schwieriger wird es uns, individuelle Korrespondenz durchzuführen und desto mehr müssen wir unsere Mitteilungen auf die Rundbriefe konzentrieren. Auch aus diesem Grunde bitten wir um schnelle Weitergabe.

Das Semester vor Weihnachten verlief verhältnismässig ruhig vom Standpunkt des Reisens aus. Sonst sehr überlastet mit Arbeit und Menschen. Ich hatte zwei Vorlesungen, beide natürlich englisch. Die erste über die moderne Entwicklung der europäischen Religionsphilosophie, die zweite über die Lehre vom Menschen. Jede zwei Stunden. In beiden Vorlesungen hatte ich je 25 - 30 Studenten, eine für den hiesigen Universitätsbetrieb hohe Anzahl. In Chicago (Details anzeigen), wo ich in dem Semester nach Weihnachten das Kolleg über die Geschichte der Religionsphilosophie vierstündig zu lesen hatte, hatten sich sogar vierzig Studenten angemeldet, so ziemlich die höchste Belegschaft in der Fakultät überhaupt. Wenn ich die amerikanischen Studenten mit den deutschen vergleiche, so fallen mir, für den guten Durchschnitt gesehen, folgende beide Punkte auf: Die deutschen Studenten sind geschichtlich und philosophisch besser ausgebildet, auch die Sprachkenntnisse, Lateinisch, Griechisch und Hebräisch sind verbreiteter als hier, wo man Theologie studieren kann ohne Hebräisch und Griechisch zu können. Das rein theoretische Interesse ist bei den deutschen Studenten intensiver, | dafür sind die amerikanischen Studenten menschlich reifer, dem Leben näher und in einem viel persönlicherem Verhältnis zu den Professoren. Typisch dafür ist, dass viele der Professoren mit dem Vornamen von den Studenten angeredet werden. Dieses Verhältnis wird auch dadurch unterstützt, dass die Studenten vielfach älter sind als in Deutschland (Details anzeigen), nach Jahren praktischer Tätigkeit auf Grund des damit verdienten Geldes zur Universität zurückkehren und den Doktorgrad erwerben. Der Zielpunkt alles ihres Denkens ist aber die Praxis. Nur von hier aus würdigen sie die theoretischen Probleme. Praxis bedeutet dabei nicht einfach Berufstätigkeit, sondern Gestaltung der Wirklichkeit. So gibt es in jeder theologischen Fakultät eine meistens recht grosse Abteilung für religiöse Erziehung und eine ebenso grosse für Sozialethik. Die zweite hat nur Zeit für die meisten Fakultäten die gleiche zentrale Bedeutung, die in Deutschland (Details anzeigen) die systematische Theologie hat. Die Frage der sozialen Gestaltung steht so sehr im Vordergrund des theologischen Interesses, dass die eigentlich theologischen Probleme häufig darunter leiden und ein Schweizer Student bei seiner Abschiedsrede sagte, er hoffe, dass die reine Theologie in den theologischen Fakultäten nicht ganz ausstürbe. Diesem Interesse verdanke ich selbst einen grossen Teil meiner hiesigen Tätigkeit, vor allen Dingen meiner ziemlich ausgedehnten auswärtigen Vertragstätigkeit. Dass ich ihm auch eine Reise nach Florida (Details anzeigen) verdanke, darüber später. Im übrigen ist die Lage beiden besten Studenten zur Zeit so, dass die naive Anwendung der Theologie für soziales und politisches Mandeln infolge der schweren Erschütterungen der Krise einigermassen ins Wanken geraten ist, so dass, wenn auch nur bei kleinen Gruppen ein gelockerter Boden auf für tiefere und grundsätzlichere Probleme vorhanden ist. Das war die Voraussetzung für einen wenn auch begrenzten Erfolg meiner Lehre vom Menschen. Ich habe sie in vier Vorlesungen, die ich auf Grund einer alten und berühmten Vorlesungsstiftung in der vorigen Woche an der Theologischen Fakultät der Yale (Details anzeigen)-Universität | gehalten habe, zum erstenmal zusammenfassend und systematisch dargeboten. Die erste Vorlesung enthielt einen Überblick über die wissenschaftliche Entwicklung in Deutschland (Details anzeigen) und Europa vom Standpunkt der Anthropologie, vor allem also der Psychologie und Biologie einerseits, der Lebens- und Existentialphilosophie andererseits. Die zweite Vorlesung betraf die Lehre von der menschlichen Freiheit, wo ich vor allem die Forschungen von Gelb (Details anzeigen) und Goldstein (Details anzeigen) und meine eigenen religionsphilosophischen Analysen über Freiheit und Bedrohtheit der menschlichen Existenz entfaltet habe. Der dritte Vortrag bezog sich auf die wichtigsten Kategorien Kierkegaards (Details anzeigen) in der Existentialphilosophie und entwickelte zugleich meine Lehre von der tragischen und moralischen Schuld. Im vierten Vortrag versuchte ich unter dem Titel anthropologische Fragen und theologische Antworten eine Neuformulierung der christlichen Grunddogmen mit Hilfe der neugewonnenen Kategorien zu geben. Solche Dinge sind natürlich nur für wenige hier zugänglich. Es ist aber eine Hilfe, dass Leute wie James (Details anzeigen) und der von England gekommene Philosoph Whitehead (Details anzeigen) vielfach in ähnlicher Richtung arbeiten. Die Mehrheit der amerikanischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker hält aber heute noch an Pragmatismus und Empirismus fest, so dass man auch hier in eine oft sehr schwere Kampfsituation eintritt. In der Theologie drückt sich diese Kampfsituation in dem Gegensatz zwischen einem sehr radikalen Liberalismus mit Fortschrittsglauben und reiner Immanenzlehre aus, und den Angriffen aus, die von Barthianisch (Details anzeigen) beeinflussten Theologen zum Teil mit Unterstützung der alten Orthodoxie gegen den herrschenden Liberalismus sich richten. Namentlich in Chicago (Details anzeigen) hatte ich regelmässige und sehr leidenschaftliche Diskussionen mit den Liberalen, die sich nur langsam davon überzeugen liessen, dass ich weder Orthodoxer noch Barthianer (Details anzeigen) bin. Immerhin habe ich eine fast völlige Übereinstimmung gefunden mit Professor Niebuhr (Details anzeigen), dem hervorragendsten Theologen des Union Theological Seminarys hier und Professor Fack (Details anzeigen) in Chicago (Details anzeigen), früher Student in meinen ersten Berliner (Details anzeigen) Vorle-| ungen, jetzt schon seit acht Jahren o. Professor an einer der theologischen Fakultäten in Chicago (Details anzeigen). Beide sind sehr einflussreich in Amerika und fast uneingeschränkt Repräsentanten meiner eigenen Theologie. Niebuhr (Details anzeigen) ist zugleich Führer der religiös-sozialistischen Bewegung in Amerika (Details anzeigen), deren wesentlicher Unterschied von uns der ist, dass das Friedensproblem der allbeherrschende Mittelpunkt ihres Denkens ist. Ich mache in dieser Beziehung bei jeder Diskussion mit amerikanischen Theologen, Pfarrern und Studenten die gleiche mich überraschende Erfahrung, dass dies der Punkt ist, von dem aus in einer oft höchst primitiven Weise alle sozialen Probleme aufgerollt werden.

Ich bemühe mich in Verbindung mit Kurt Goldstein (Details anzeigen), dem Frankfurter (Details anzeigen) und Berliner (Details anzeigen) Neurologen und Robert Ulrich (Details anzeigen), dem Dresdener (Details anzeigen) praktischen und theoretischen Pädagogen ein Zentrum für die anthropologische Problematik zustande zu bringen, wobei das frühere Frankfurter (Details anzeigen) Institut für Sozialforschung das jetzt mit der hiesigen Colombia-Universität in der gleichen Verbindung steht wie früher mit der Frankfurter (Details anzeigen) Universität wesentliche Unterstützung geben kann. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn von den Teilnehmern unserer Frankfurter (Details anzeigen) philosophisch-soziologischen Diskussionsabende genau 50% hier in New York (Details anzeigen) die Diskussion fortsetzen. Die deutsche Fakultät für politische Wissenschaften, die vor zwei Jahren hier gegründet wurde, hat es jetzt auf 17 Ordinariate gebracht, davon 15 deutsche, die ich alle von Deutschland (Details anzeigen) her kenne. Sie haben das Recht zur Doktorierung erhalten, und beginnen eine wichtige Rolle im amerikanischen Geistesleben zu spielen. Das alles bedeutet für mich natürlich neben der wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft eine sehr grosse persönliche Belastung, so dass ich es als eine Wohltat empfand, auf ein Vierteljahr vollkommen zu verschwinden, nämlich nach Chicago (Details anzeigen).

In Chicago (Details anzeigen) hatte ich einen Professor der Religionsphilosophie, der ein Quartal aussetzen wollte, zu vertreten. Ich wohnte im Quadrangle-Club | dem Ort, wo sich das Clubleben aller Fakultäten der Chicago (Details anzeigen)-University abspielt. Ich hatte ein sehr schönes Zimmer im oberen Stock, wo lauter vorübergehende oder dauernde Professorsungesellen wohnen und wo ich völlig einsam und ungestört sein konnte. Ein grosses Glück nach dem überwältigenden New Yorker (Details anzeigen) Betrieb (so hatten wir in den letzten Wochen vor Weihnachten vier Gesellschaften mit je 16 Leuten, wo wir Amerikaner und Deutsche mischten zum grossen Vergnügen aller Teilnehmer. Und doch hatten wir da mit höchstens zwei Drittel aller Leute erfasst.) Unterbrochen wurde die Chicagoer (Details anzeigen) Ruhe nur durch drei Reisen, eine nach Saint Louis (Details anzeigen) mit Vorträgen in einem deutsch-lutherischen Seminar, eine nach Detroit (Details anzeigen), um deutsche Freunde und die Fordwerke zu besuchen, eine nach Ann Arbor (Details anzeigen), der sehr hübsch gelegenen Staatsuniversität von Michigan (Details anzeigen), wo verschiedene Hamburger Professoren wirken und wir, da Faschingszeit war, sogar ein richtiges deutsches Kostümfest aufbauen konnten und eine Tagesschule nach Milwaukee (Details anzeigen), der Stadt der besonders deutschen Mitarbeiterschaft, sehr schön im Staate Wisconsin (Details anzeigen) im hügeligen Lande gelegen. Deutsch, sauber und anständig gebaut. In Saint Louis (Details anzeigen) der westlichste Punkt, den ich bisher erreicht habe, überschritt ich zum erstenmal den Mississippi, der sich breit und schmutzig gelb daherwälzt. Abgesperrt durch grauenvoll verfallende Negerviertel und Industrianlagen. In der Mitte der Altstadt das alte in bestem klassizistischem Stil erbaute Rat- und Gerichtshaus, auf dessen Freitreppen früher die Sklavenmärkte abgehalten wurden. Saint Louis (Details anzeigen) liegt am Ausläufer des Ozark-Gebirges, eines sehr weiten Mittelgebirges im Staate Missouris (Details anzeigen), durch das ich von dem Präsidenten des Seminars in wundervoller Autofahrt geführt wurde. In den entlegenen Tälern dieses Gebirges leben noch Nachkommen der ersten weissen Ansiedler, die niemals mit der übrigen Geschichte in Berührung gekommen sind und deren Religion auf das Niveau eines primitiven Aberglaubens zurückgesunken ist, das das Interesse aller Anthropologen erregt. Die Sprache ist das Shakespearesche Englisch.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aVereinigte Staaten von Amerika
bChicago, Illinois
cDeutschland
dDeutschland
e Nouvron-Vingré
f Nouvron-Vingré
gDeutschland
hAbaelard, Peter
iGoldstein, Kurt
jKrebs, Engelbert
kJames, William
lWhitehead, Alfred North
mBarth, Karl
nChicago, Illinois
oBarth, Karl
pNiebuhr, Reinhold
qProfessor Fack
rChicago, Illinois
sBerlin
tChicago, Illinois
uNiebuhr, Reinhold
vVereinigte Staaten von Amerika
wGoldstein, Kurt
xFrankfurt am Main
yBerlin
zRobert, Ulrich
aaDresden
abFrankfurt am Main
acFrankfurt am Main
adFrankfurt am Main
aeNew York City
afDeutschland
agChicago, Illinois
ahChicago, Illinois
aiChicago, Illinois
ajNew York City
akChicago, Illinois
al Nouvron-Vingré
amDetroit, USA
anAnn Arbor
aoMichigan, USA
apMilwaukee
aqWisconsin
arSaint Louis
asSaint Louis
atMissouri

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/219(19)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich an Unbekanntvom 17. April 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10188.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10188.pdf