Der editierte Text

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April 5, 1935
Professor Paul Tillich (Details anzeigen),
Union Theological Seminary
New York City (Details anzeigen).

Mein lieber Herr Paulus (Details anzeigen):

Ich konnte während des Semesters keine Zeit finden, mich zu Deiner Korrespondenz mit Eugen Rosenstock (Details anzeigen) zu äussern. Ich will auch heute nicht versuchen, aud die vielen Fragen einzugehen, die in Eueren Briefen berührt wurden, sondern mich beschränken auf eine Auseinandersetzung mit dem Problem, in dem unsere Auffassungen wahrscheinlich am weitesten auseinandergehen. Es handelt sich um die Beziehungen zwischen Religion und Sozialismus, oder zwischen Christentum und Sozialismus.

(1) DU bringst das Christentum und ide sozialistische Bewegung zunächst dadurch in Verbindung, dass Du ihre gemeinsame soziologische Grundlage aufweist; dort handle es sich um eine Bewegung, die in ihren Anfängen wenigstens vom ländlichen Proletariat getragen wurde. (was übrigens von der neueren Geschichstforschung, wie ich höre, angezweifelt wird)hier um eine Bewegung des industriellen Proleteariats. Beide erleben sich so wohl gegen die wirtschaftliche Oberschicht als gegen den kleinbürgelichen Nationalismus. Ich halte es für falsch, aus der Ähnlichkeit der soziologische Struktur irgend eine Vergleichbarkeit der geistigen oder religiösen Zielsetzung oder gar eine Rechtfertigung der sozialistischen Bewegung ableiten zu wollen. Entscheidend ist ja nicht, wer sich erhebt und dass sine Erhebung stattfindet, sondern wofür und in welchem Zeichen und in welchem Zeitpunkt eine Gruppe sich organisiert, erhebt, kämpft. Ich kann nicht glauben, dass die Seligsprechung der Armen etwas mit soziologischen Kategoerien zu tun schaffen hat. Das Proletariat, ein Begriff, den Du vom Marxismus hernimmst, ist eine soziologische Abstraktion, die allerdings unter andern auch „Arme“, vielleicht sogar in grosser Masse, umfassen mag. Wenn Du davon sprichst, das das Proletariat oder gar die in der sozialistischen Bewegung organisierte Arbeiterschaft im philosophischen Sinn „in der Negativitär der Existenz“ stehe, so bist Du Dir vielleicht nicht immer bewusst, dass Du damit wiederum philosophisch einen marxistischen Begriff umschreibst, der sich so wenig wie alle anderen ähnlichen nationalökonomischen oder gesellschaftswissenschaftlicher Begriff mit der lebendigen Wirklichkeit, mit der es die Religion zu tun hat, decken kann. Vielleicht richtet sich Rosenstock (Details anzeigen)s Vorwurf, dass Du den Jargon des deutschen Säkularismus gebrauchst, gegen diese Operation mit marxistischen Begriffen in einer völlig anderen Ebene. Ueber die Richtigkeit oder Nützlichkeit marxistischer Willensgedanken und Denkhypothesen möchte ich hier nicht diskutieren. Sie teilen ihre Fragwürdigkeit mit aller und jeder Wissenschaft und unterliegen dem Wechsel, dem alle wissenschaftlichen Hypothesen ausgesetzt sind. Es scheint mir nur angebracht, zur Vorsicht zu warnen, wo auf sie religiöse und ethische Entscheidungen aufgebaut werden.|

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Professor Tillich (Details anzeigen)5. April 1935

Du sprichst von dem Gegensatz zwischen Christentum und Sozialismus zwar auch, indem Du erklärst, „dass verhängnisvollerweise das städtische Proletariat ausserhalb der Kirche politisch organisiert“ sei. Dass Du einen so unwesentlichen Gegensatz betonst, ist vielleicht aufschlussreich. Der wirkliche Gegensatz liegt doch darin, dass es sich das eine Mal um eine politische Bewegung handelt, die auf Grund eines Programms sozialer und wirtschaftlicher Reform zum Angriff gegen ein bestehendes politisches und soziales Ordnungssystem ansetzt, währennd das andere Mal eine religiöse Bewegung primär gerade nicht in den Machtkampf um die diesseitigen Ordnungen eintritt.

Du bringst die sozialistische Bewegung noch in anderer Weise in unmittelbare Beziehung zum Christentum und damit zur Religion, indem Du deutest als einen Versuch „ der christlichen Verkündigung, objektiven Ausdruck in Institutionen sozialer Gerechtigkeit zu geben.“ Die „sozialistische Bewegung“ (die sonzialdemokratische ?, die kommunistische?, beide?) wäre von allen anderen azd Veränderung des Bestehenden gerichteten bewegungen abgehoben dadurch, dass sie in Ueberwindung christlicher Spiritualisierungauf die Verwirklichung des Reiches Gottes gerichtet wäre. Ich sehe nicht, wie der Nachweis geführt werden könnte, dass dies in einem besonderen Masse Sinn und Intention des wirklichen proletarischen Sozialismus wäre. Ich glaube, dass auch hier sich die Behauptung lediglich darauf stützen kann, dass das Proletariat nach marxistischer Geschichtsdeutung sich in einer ausnahmsweisen und auserwählten Position befindet. Wenn Du diese Anschauung in Deine Kairos-Lehre übernimmst, so tust Du es im Vertrauen auf die wissenschaftliche Meinung von Marx (Details anzeigen) oder den auf ihn sich stützenden Soziologen.

Ich würde behaupten, dass der Kampf um soziale Gerechtigkeit oder weiter gefasst, der Aufstand derjenigen, die soziale Ungerechtigkeit erleiden, nocht notwendig und nie schlechthin gerechtfertigt ist, und dass deshalb dieser Kampf nie Sache der Kirche sein kann.|

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Professor Tillich (Details anzeigen)5. April 1935

Eine spiritualistische Religion kann den Kampf um die Gerechtigkeit immer und überall bejahen, denn ihr kann es gleichgültig oder sogar erwünscht sein, dass damit unter Umständen die Ordnungen dieser Welt zerstört werden. Wer aber in die Verantwortung eintritt um die diesseitige soziale Ordnung, weiss, dass Ungerechtigkeit und viele andere Übel (unter Umständen oder immer, ich komme darauf zurück) ertragen werden müssen oder sogar zwangsmässig erzwungen werden müssen. Es könnnte sein, dass ein Kampf um eine gerechte Ordnung in Hungersnot, Chaos, Kreg oder in Zustände viel ärgerer Ungerechtigkeit führen würde. Es kommt dabei natürlich ganz auf den konkreten Fall an. In der Weltpolitik pflegt man ja darauf hinzuweisen, dass unter Umständen Friede vor Gerechtigkeit geht. Ob ein sozialistische Kampf der Industriearbeiterschaft, selbst wenn sein Ziel soziale Gerechtigkeit sein sollte, vom Gesichtspunkt verantwortlicher Sorge um den Bestand und die Entwicklung diesseitiger Ordnung heute gerechtfertigt ist, kann man mit Bestimmtheit natürlich nie entscheiden. Man kann nur sein Urteil bilden auf Grund wirtschaftstheoretischer, soziologischer und ähnlich fragwürdiger Ueberlegungen.

Aus dieser Betrachtung geht aber schon hervor, dass unter Umständen, wenn nicht immer, auch die Gegenwehr der „herrschenden Schichte“ ihre Rechtfertigung hat und daher von der religiösen Ebene her in ein ganz anderes Lich rückt als vom Gesichtspunkt der Kampfpartei des Aufstandes. Auch wenn diese Gegewehr gleichzeitig Sonderinteressen dient (was übrigens auch für die Kämpfe der Arbeiterschaft gilt), so kann sie trotzdem sogar im höheren Recht stehen, wenn der Kampf um die Erhaltung des Bestehenden oder um die Erzwingung der vorhandenen Ordnung die Gemeinschaft vor groesseren Uebeln, vor Auflösung, Elend, politischer Barbarei, gegenseitiger Vernichtung beschützt. Die von Dir verdammten „Kapitalisten und Nationalisten“ sind also nicht schon deshalb religiös verdammt, weil sie dem „Kampf um soziale Gerechtigkeit“ nötigenfalls sogar mit dem Schwert entgegentreten, selbst dann nicht wenn se damit zugleich ihr Eigentum und ihre Privilegien beschützen.

Damit stosse ich aber auf eine noch grundsätzlichere Fragestellung:

Du bringst Christentum und Sozialismus in einer innere Verbindung zu gemeinsamer Kampffront gegen die „Kapitalisten und Nationalisten“, weil sie, wie Du sagst, nur contra definitionem herrschen und verfolgen, während die letzteren es per definiionem tun. (Es ist kein Zufall, dass Du damit in dier Nähe einer Auffassung rückst, die Alexander Rüstow (Details anzeigen) mir gegenüber diese Tage zum Ausdruck gebracht hat. Er sagt, Feudalismus sei Herrschaft, die die Gewalt ausdrücklich bejaht und verherrlicht. Ich hoffe ihm in allernächster Zeit antworten zu können und hoffe damit auch meinen Standpunkt Dir gegenüber von anderer Seite her nochmals klären zu können. Alexander (Details anzeigen) geht, wie Du weisst, davon aus, dass die Menschen vor etwas 5000 Jahren in einer wesensgemässen Struktur, die weder Herrschaft noch Gewalt kannte, gelebt hatten und erst durch den Sündenfall der Ueberlagerung in die Ungerechtigkeit und Not |

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Professor Tillich (Details anzeigen)5. April 1935

des Feudalismus geraten seien. Deine Auffassung, und, wenn ich nicht irre, die christliche betrachten den Sündefall als ein vorgeschichtliches Ereignis, so dass der Mensch in der Geschichte und bis an das Ende der Zeiten in gesellschaftlichen Zustand der Sünde, und das heisst der Tragik, der Ungerechtigkeit, der staatlichen Zwangsordnung und der Herrschaft zu leben verdammt ist. Nach dieser für alles Diesseitige pessimistischen Auffassung würde der Christ trotzdem unausgesetzt aufgedordert sein, den Kampf zu führen um die wesensgemässe, gerechte, herrschafts- und zwanglose Ordnung der Gemeinschaft. Nach dieser Auffassung muss es solche geben, die es auf sich nehmen, per definitionem zu herrschem, aber nicht solche, die das Unwesensgemässe, das tragischerweise ihre Herrschaftsfunktion in einer Welt der Sünde an sich hat, nun auch glorifizieren. Anders ausgedrückt, die chrsitliche Auffassung verlangt das Paradoxon eines schlechten Gewissens gegenüber dem, was doch notwendig ist, also eine innere Gebrochenheit, die die Selbstvergötzung ausschliesst. Sie kann aber nicht Anstoss nehmen daran, dass die Herrschenden, wie ich sie nun einmal nennen will, ihre eigene Stellung und Aufgabe bejahen und für die Erhaltung derselben unter Umständen sogar ihr eigenes und anderes Leben opfern. Die Stellung der Aufständischen ist nicht wesentlich anders. Sie müssen ebenso innerlich gebrochen sein. Wenn sie ihren Kampf um das Recht und die Gerechtigkeit absolut setzen, so werden sie zu Zerstörern. Indem der politische Gegner ihnen als Teufel erscheint, vergehen sie sich gegen die Ordnungen, die in der historischen Zeit jeweils Schicksal sind.

Es würde mir scheinen, dass die Kirche die Aufgabe haben müsste, dieses Paradoxon beiden Parteien (und es gibt grundsätzlich nur die beiden) gegenüber zu symbolischen Ausdruck zu bringen, und dass es ihre Aufgabe wäre, jene Kraft des Protestesk von der Du sprichst, gegenüber beiden lebendig zum Ausdruck zu bringen.

Ich weisse wohl, dass der Kampf berechtigt ist gegenüber dem, was Alexander (Details anzeigen) die feudalistische Haltung der Glorifizierung von Gewalt und Ungerechtigkeit nennt. Das darf uns aber nicht blind machen vor den Gefahren, die mit jeder Verabsolutierung des Aufstandes der Unrechtleidenden verbunden sind. Ich mache den „Linksbewegungen“ aller Schattierungen den Vorwurf, dass sie in ihrem Optimismus verblendet sind und glauben, dass mit dem Antritt ihrer Herrschaft das Ende der Herrschaft und der Tragik des gesellschaftlichen Lebens einsetzen wird.

Hach Alexander (Details anzeigen)s Auffassung würde allerdings dieser Glaube gerechtfertigt sein in dem Augenblick, in dem eine politische Bewegung von sich behaupten dürfte, dass sie das Mittel zur Überwindung der Notstände der Ueberlagerung besitzt. Kommen solche Linksbewegungen zur Herrschaft und müssen sie dennoch und contra definitionem herrschen, verfolgen, Gewalt anwenden, so tun sie es angeblich nur wegen der Schuld des Widerstandes der andern. Alle Ungerechtigkeiten werden jetzt erst recht glorifiziert, weil |

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Professor Tillich (Details anzeigen)5. April 1935

sie um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden. Es besteht die Gefahr, wie sich beim Kommunismus zeigt, dass die Brutalität nur grenzenloser wird; der Gegner muss vernichtet werden, weil er dem Reiche der Sündenlosigkeit im Wege steht. Die Herrschaft, die sich selbst bejaht, aber dabei von ihrer Verantwortlichkeit und Sündenhaftigkeit weiss, kann gemeinschaftlicher und gerechter sein als die Herrschaft, die im blinden Wahn ihres Optimismus sich selbst durch Vernichtung unzerstörbar und sich immer neu belebender Widerstände überflüssig machen will.

Lasse mich nochmals betonenm dass meine Ausführungen nichts darüber besagen, ob es im gegenwärtigen Zeitpunkt politische richtig sei, am „Aufstand“ teilzunehmen, oder Bestehendes gegen voreiligen oder unzeitgemässen oder utopischen Umsturz zu verteidigen. Wer sein politisches Lager seligspricht, wird auf jeden Fall dazu beitragen, den unausweichlichen Kampf bis in die letzten Tiefen zu vergiften. Er trägt Verantwortung dafür, dass er damit mehr als alle andern den Bestand der heutigen ebenso wie der kommenden Ordnungen in einer Weise gefährdet, die zu einem Höchstmass von Gewalt und Brutalität führen kann.

Nur eine spiritualistische Kirche kann den Aufstand an sich (das klingt bei Dir immer wieder durch oder die Herrschaft an sich (woe es bei Gogarten (Details anzeigen) der Fall ist) seligsprechen. Nur eine solche Kirche kann entweder den Zusammenburch aller weltlichen Ordnungen als Weg zum Seelenheil oder die schlechthinige ungebrochene Ueberlassung der weltlichen Ordnungen an den Teufel bejahen. Sollten nicht am Ende der religiöse Sozialismus und Gogarten (Details anzeigen)s religiöser Feudalismus Zwillingskinder des lutherischen Spiritualismus sein?

Mir den herzlichsten Grüsseb bin ich
Dein

Arnold (Details anzeigen)

P.S. Ich sende einen Durchschlag dieses Briefes an Eugen Rosenstock (Details anzeigen) und einen zweiten später zusammen mit einem Brief an Alexander Rüstow (Details anzeigen). Zwei weitere Durchschläge liegen hier zur Verfügung, falls Du noch andere in die Diskussion einbeziehen willst. Alexander (Details anzeigen) hat, ohne Wissen von einem solchen Vorschlag von mit an Eugen (Details anzeigen), der Mmeinung Ausdruck gegeben, dass solch ein Briefwechsel ein Anfang einer Zeitschrift bedeuten könnte.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
b
cTillich, Paul
d
e
fTillich, Paul
g
hTillich, Paul
i
j
kTillich, Paul
l
m
nTillich, Paul
o
p
q
r
s
t
u

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 110(1)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Fedor Stepun an Paul Tillich und Hannah Tillich vom 27. März 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 26. April 1935

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Arnold Wolfers an Paul Tillich vom 5. April 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10187.html, Zugriff am ????.

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