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         <titleStmt>
            <title>Brief von Arnold Wolfers an Paul Tillich vom 5. April 1935</title>
            <author ref="#">Arnold Wolfers</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
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         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
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                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
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            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
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               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 110(1)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
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            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
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         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
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            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#">Arnold Wolfers</persName>
               <date when="1935-04-05">05.04.1935</date>
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__">Korrespondenz mit Arnold Wolfers</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L10180.xml">Brief von Fedor Stepun an Paul Tillich und Hannah Tillich vom 27. März 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L10191.xml">Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 26. April 1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10186.xml">Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. April 1935 [PS]</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10191.xml">Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 26. April 1935</ref></correspContext></correspDesc>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1935-04-05"/></creation></profileDesc>
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         <change who="MI" when="2026-08-03">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
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            <opener><dateline><date when="1935-04-05">April 5, 1935</date></dateline>
               <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Professor Paul Tillich</rs>,<lb/>
               Union Theological Seminary<lb/>
               <rs ref="#" type="place">New York City</rs>.
               <salute>Mein lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                  Paulus</rs>:</salute>
            </opener>
            <p>Ich konnte während des Semesters keine Zeit finden, mich zu Deiner Korrespondenz mit
            <rs ref="#" type="person">Eugen Rosenstock</rs> zu äussern. Ich will auch heute nicht versuchen,
            aud die vielen Fragen einzugehen, die in Eueren Briefen berührt wurden, sondern mich
            beschränken auf eine Auseinandersetzung mit dem Problem, in dem unsere Auffassungen wahrscheinlich
            am weitesten auseinandergehen. Es handelt sich um die Beziehungen zwischen Religion und Sozialismus,
            oder zwischen Christentum und Sozialismus.</p>
            <p>(1) DU bringst das Christentum und ide sozialistische Bewegung zunächst dadurch in Verbindung,
            dass Du ihre gemeinsame soziologische Grundlage aufweist; dort handle es sich um eine Bewegung,
            die in ihren Anfängen  wenigstens vom ländlichen Proletariat getragen wurde. (was übrigens
            von der neueren Geschichstforschung, wie ich höre, angezweifelt wird)hier um eine Bewegung 
            des industriellen Proleteariats. Beide erleben sich so wohl gegen die wirtschaftliche 
            Oberschicht als gegen den kleinbürgelichen Nationalismus. Ich halte es für falsch, aus der
            Ähnlichkeit der soziologische Struktur irgend eine Vergleichbarkeit der geistigen oder
            religiösen Zielsetzung oder gar eine Rechtfertigung der sozialistischen Bewegung ableiten
            zu wollen. Entscheidend ist ja nicht, wer sich erhebt und dass sine Erhebung stattfindet,
            sondern wofür und in welchem Zeichen und in welchem Zeitpunkt eine Gruppe sich organisiert,
            erhebt, kämpft. Ich kann nicht glauben, dass die Seligsprechung der Armen etwas mit
            soziologischen Kategoerien zu tun schaffen hat. Das Proletariat, ein Begriff, den Du vom
            Marxismus hernimmst, ist eine soziologische Abstraktion, die allerdings unter andern auch
            <q>Arme</q>, vielleicht sogar in grosser Masse, umfassen mag. Wenn Du davon sprichst, das
            das Proletariat oder gar die in der sozialistischen Bewegung organisierte Arbeiterschaft
            im philosophischen Sinn <q>in der Negativitär der Existenz</q> stehe, so bist Du Dir vielleicht
            nicht immer bewusst, dass Du damit wiederum philosophisch einen marxistischen Begriff
            umschreibst, der sich so wenig wie alle anderen ähnlichen nationalökonomischen oder 
            gesellschaftswissenschaftlicher Begriff mit der lebendigen Wirklichkeit, mit der es die
            Religion zu tun hat, decken kann. Vielleicht richtet sich <rs ref="#" type="person">Rosenstock</rs>s
            Vorwurf, dass Du den Jargon des deutschen Säkularismus gebrauchst, gegen diese Operation
            mit marxistischen Begriffen in einer völlig anderen Ebene. Ueber die Richtigkeit oder
            Nützlichkeit marxistischer Willensgedanken und Denkhypothesen möchte ich hier nicht
            diskutieren. Sie teilen ihre Fragwürdigkeit mit aller und jeder Wissenschaft und unterliegen
            dem Wechsel, dem alle wissenschaftlichen Hypothesen ausgesetzt sind. Es scheint mir nur
            angebracht, zur Vorsicht zu warnen, wo auf sie religiöse und ethische Entscheidungen
            aufgebaut werden.<pb n="2"/></p>
            <p>-2-<lb/><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Professor Tillich</rs><date when="1935-04-05">5. April 1935</date></p>
            <p>Du sprichst von dem Gegensatz zwischen Christentum und Sozialismus zwar auch, indem Du
            erklärst, <q>dass verhängnisvollerweise das städtische Proletariat ausserhalb der Kirche
            politisch organisiert</q> sei. Dass Du einen so unwesentlichen Gegensatz betonst, ist
            vielleicht aufschlussreich. Der wirkliche Gegensatz liegt doch darin, dass es sich das
            eine Mal um eine politische Bewegung handelt, die auf Grund eines Programms sozialer und
            wirtschaftlicher Reform zum Angriff gegen ein bestehendes politisches und soziales Ordnungssystem
            ansetzt, währennd das andere Mal eine religiöse Bewegung primär gerade nicht in den Machtkampf
            um die diesseitigen Ordnungen eintritt.</p>
            <p>Du bringst die sozialistische Bewegung noch in anderer Weise in unmittelbare Beziehung
            zum Christentum und damit zur Religion, indem Du deutest als einen Versuch <q> der
            christlichen Verkündigung, objektiven Ausdruck in Institutionen sozialer Gerechtigkeit
            zu geben.</q> Die <q>sozialistische Bewegung</q> (die sonzialdemokratische ?, die kommunistische?,
            beide?) wäre von allen anderen azd Veränderung des Bestehenden gerichteten bewegungen 
            abgehoben dadurch, dass sie in Ueberwindung christlicher Spiritualisierungauf die 
            Verwirklichung des Reiches Gottes gerichtet wäre. Ich sehe nicht, wie der Nachweis
            geführt werden könnte, dass dies in einem besonderen Masse Sinn und Intention des
            wirklichen proletarischen Sozialismus wäre. Ich glaube, dass auch hier sich die Behauptung
            lediglich darauf stützen kann, dass das Proletariat nach marxistischer Geschichtsdeutung
            sich in einer ausnahmsweisen und auserwählten Position befindet. Wenn Du diese Anschauung 
            in Deine Kairos-Lehre übernimmst, so tust Du es im Vertrauen auf die wissenschaftliche
            Meinung von <rs ref="#" type="person">Marx</rs> oder den auf ihn sich stützenden
            Soziologen.</p>
            <p>Ich würde behaupten, dass der Kampf um soziale Gerechtigkeit oder weiter gefasst, der
            Aufstand derjenigen, die soziale Ungerechtigkeit erleiden, nocht notwendig und nie
            schlechthin gerechtfertigt ist, und dass deshalb dieser Kampf nie Sache der Kirche sein
            kann.<pb n="3"/></p>
            <p>-3-<lb/><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Professor Tillich</rs><date when="1935-04-05">5. April 1935</date></p>
            <p>Eine spiritualistische Religion kann den Kampf um die Gerechtigkeit immer und 
            überall bejahen, denn ihr kann es gleichgültig oder sogar erwünscht sein, dass damit 
            unter Umständen die Ordnungen dieser Welt zerstört werden. Wer aber in die Verantwortung
            eintritt um die diesseitige soziale Ordnung, weiss, dass Ungerechtigkeit und viele 
            andere Übel (unter Umständen oder immer, ich komme darauf zurück) ertragen werden müssen
            oder sogar zwangsmässig erzwungen werden müssen. Es könnnte sein, dass ein Kampf um eine
            gerechte Ordnung in Hungersnot, Chaos, Kreg oder in Zustände viel ärgerer 
            Ungerechtigkeit führen würde. Es kommt dabei natürlich ganz auf den konkreten Fall an.
            In der Weltpolitik pflegt man ja darauf hinzuweisen, dass unter Umständen Friede
            vor Gerechtigkeit geht. Ob ein sozialistische Kampf der Industriearbeiterschaft, selbst
            wenn sein Ziel soziale Gerechtigkeit sein sollte, vom Gesichtspunkt verantwortlicher
            Sorge um den Bestand und die Entwicklung diesseitiger Ordnung heute gerechtfertigt ist, 
            kann man mit Bestimmtheit natürlich nie entscheiden. Man kann nur sein Urteil bilden auf Grund
            wirtschaftstheoretischer, soziologischer und ähnlich fragwürdiger Ueberlegungen.</p>
            <p>Aus dieser Betrachtung geht aber schon hervor, dass unter Umständen, wenn nicht immer,
            auch die Gegenwehr der <q>herrschenden Schichte</q> ihre Rechtfertigung hat und daher
            von der religiösen Ebene her in ein ganz anderes Lich rückt als vom Gesichtspunkt der
            Kampfpartei des Aufstandes. Auch wenn diese Gegewehr gleichzeitig Sonderinteressen
            dient (was übrigens auch für die Kämpfe der Arbeiterschaft gilt), so kann sie trotzdem 
            sogar im höheren Recht stehen, wenn der Kampf um die Erhaltung des Bestehenden oder um
            die Erzwingung der vorhandenen Ordnung die Gemeinschaft vor groesseren Uebeln, vor
            Auflösung, Elend, politischer Barbarei, gegenseitiger Vernichtung beschützt. Die von
            Dir verdammten <q>Kapitalisten und Nationalisten</q> sind also nicht schon deshalb religiös
            verdammt, weil sie dem <q>Kampf um soziale Gerechtigkeit</q> nötigenfalls sogar mit
            dem Schwert entgegentreten, selbst dann nicht wenn se damit zugleich ihr Eigentum und ihre
            Privilegien beschützen.</p>
            <p>Damit stosse ich aber auf eine noch grundsätzlichere Fragestellung:</p>
            <p>Du bringst Christentum und Sozialismus in einer innere Verbindung zu gemeinsamer
            Kampffront gegen die <q>Kapitalisten und Nationalisten</q>, weil sie, wie Du sagst, nur
            contra definitionem herrschen und verfolgen, während die letzteren es per definiionem tun.
            (Es ist kein Zufall, dass Du damit in dier Nähe einer Auffassung rückst, die 
            <rs ref="#" type="person">Alexander Rüstow</rs> mir gegenüber diese Tage zum Ausdruck 
            gebracht hat. Er sagt, Feudalismus sei Herrschaft, die die Gewalt ausdrücklich bejaht
            und verherrlicht. Ich hoffe ihm in allernächster Zeit antworten zu können und hoffe 
            damit auch meinen Standpunkt Dir gegenüber von anderer Seite her nochmals klären zu
            können. <rs ref="#" type="person">Alexander</rs> geht, wie Du weisst, davon aus, dass die
            Menschen vor etwas 5000 Jahren in einer wesensgemässen Struktur, die weder Herrschaft noch
            Gewalt kannte, gelebt hatten und erst durch den Sündenfall der Ueberlagerung in die
            Ungerechtigkeit und Not <pb n="4"/> 
            </p>
            <p>-4-<lb/><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Professor Tillich</rs><date when="1935-04-05">5. April 1935</date></p>
            <p>des Feudalismus geraten seien. Deine Auffassung, und, wenn ich nicht irre, die christliche
            betrachten den Sündefall als ein vorgeschichtliches Ereignis, so dass der Mensch in der
            Geschichte und bis an das Ende der Zeiten in gesellschaftlichen Zustand der Sünde, und das
            heisst der Tragik, der Ungerechtigkeit, der staatlichen Zwangsordnung und der Herrschaft 
            zu leben verdammt ist. Nach dieser für alles Diesseitige pessimistischen Auffassung würde 
            der Christ trotzdem unausgesetzt aufgedordert sein, den Kampf zu führen um die
            wesensgemässe, gerechte, herrschafts- und zwanglose Ordnung der Gemeinschaft. Nach 
            dieser Auffassung muss es solche geben, die es auf sich nehmen, per definitionem zu
            herrschem, aber nicht solche, die das Unwesensgemässe, das tragischerweise ihre Herrschaftsfunktion
            in einer Welt der Sünde an sich hat, nun auch glorifizieren. Anders ausgedrückt, die 
            chrsitliche Auffassung verlangt das Paradoxon eines schlechten Gewissens gegenüber dem, 
            was doch notwendig ist, also eine innere Gebrochenheit, die die Selbstvergötzung ausschliesst.
            Sie kann aber nicht Anstoss nehmen daran, dass die Herrschenden, wie ich sie nun einmal nennen
            will, ihre eigene Stellung und Aufgabe bejahen und für die Erhaltung derselben unter
            Umständen sogar ihr eigenes und anderes Leben opfern. Die Stellung der Aufständischen
            ist nicht wesentlich anders. Sie müssen ebenso innerlich gebrochen sein. Wenn sie ihren
            Kampf um das Recht und die Gerechtigkeit absolut setzen, so werden sie zu Zerstörern.
            Indem der politische Gegner ihnen als Teufel erscheint, vergehen sie sich gegen die
            Ordnungen, die in der historischen Zeit jeweils Schicksal sind.</p>
            <p>Es würde mir scheinen, dass die Kirche die Aufgabe haben müsste, dieses Paradoxon beiden
            Parteien (und es gibt grundsätzlich nur die beiden) gegenüber zu symbolischen Ausdruck
            zu bringen, und dass es ihre Aufgabe wäre, jene Kraft des Protestesk von der Du sprichst,
            gegenüber beiden lebendig zum Ausdruck zu bringen.</p>
            <p>Ich weisse wohl, dass der Kampf berechtigt ist gegenüber dem, was 
            <rs ref="#" type="person">Alexander</rs> die feudalistische Haltung der Glorifizierung
            von Gewalt und Ungerechtigkeit nennt. Das darf uns aber nicht blind machen vor den Gefahren,
            die mit jeder Verabsolutierung des Aufstandes der Unrechtleidenden verbunden sind. Ich
            mache den <q>Linksbewegungen</q> aller Schattierungen den Vorwurf, dass sie in ihrem
            Optimismus verblendet sind und glauben, dass mit dem Antritt ihrer Herrschaft das Ende der
            Herrschaft und der Tragik des gesellschaftlichen Lebens einsetzen wird.</p>
            <p>Hach <rs ref="#" type="person">Alexander</rs>s Auffassung würde allerdings dieser Glaube
            gerechtfertigt sein in dem Augenblick, in dem eine politische Bewegung von sich behaupten
            dürfte, dass sie das Mittel zur Überwindung der Notstände der Ueberlagerung besitzt.
            Kommen solche Linksbewegungen zur Herrschaft und müssen sie dennoch und contra definitionem
            herrschen, verfolgen, Gewalt anwenden, so tun sie es angeblich nur wegen der Schuld des
            Widerstandes der andern. Alle Ungerechtigkeiten werden jetzt erst recht glorifiziert, weil
            <pb n="5"/></p>
            <p>-4-<lb/><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Professor Tillich</rs><date when="1935-04-05">5. April 1935</date></p>
            <p>sie um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden. Es besteht die Gefahr, wie sich beim
            Kommunismus zeigt, dass die Brutalität nur grenzenloser wird; der Gegner muss vernichtet 
            werden, weil er dem Reiche der Sündenlosigkeit im Wege steht. Die Herrschaft, die sich
            selbst bejaht, aber dabei von ihrer Verantwortlichkeit und Sündenhaftigkeit weiss, kann
            gemeinschaftlicher und gerechter sein als die Herrschaft, die im blinden Wahn ihres
            Optimismus sich selbst durch Vernichtung unzerstörbar und sich immer neu belebender 
            Widerstände überflüssig machen will.
            </p>
            <p>Lasse mich nochmals betonenm dass meine Ausführungen nichts darüber besagen, ob es 
            im gegenwärtigen Zeitpunkt politische richtig sei, am <q>Aufstand</q> teilzunehmen,
            oder Bestehendes gegen voreiligen oder unzeitgemässen oder utopischen Umsturz zu verteidigen.
            Wer sein politisches Lager seligspricht, wird auf jeden Fall dazu beitragen, den 
            unausweichlichen Kampf bis in die letzten Tiefen zu vergiften. Er trägt Verantwortung
            dafür, dass er damit mehr als alle andern den Bestand der heutigen ebenso wie der kommenden
            Ordnungen in einer Weise gefährdet, die zu einem Höchstmass von Gewalt und Brutalität
            führen kann.</p>
            <p>Nur eine spiritualistische Kirche kann den Aufstand an sich (das klingt bei Dir immer
               wieder durch oder die Herrschaft an sich (woe es bei <rs ref="#" type="person">Gogarten</rs> der Fall ist) seligsprechen. Nur eine solche Kirche kann entweder
               den Zusammenburch aller weltlichen Ordnungen als Weg zum Seelenheil oder die
               schlechthinige ungebrochene Ueberlassung der weltlichen Ordnungen an den Teufel
               bejahen. Sollten nicht am Ende der religiöse Sozialismus und  <rs ref="#" type="person">Gogarten</rs>s religiöser Feudalismus Zwillingskinder des lutherischen Spiritualismus sein?</p><closer>
               <salute>Mir den herzlichsten Grüsseb bin ich<lb/>Dein </salute>
               <signed><rs ref="#" type="person"><hi rend="hand">Arnold</hi></rs></signed>
            </closer>
         <postscript><p>P.S. Ich sende einen Durchschlag dieses Briefes an <rs ref="#" type="person">Eugen Rosenstock</rs>
         und einen zweiten später zusammen mit einem Brief an <rs ref="#" type="person">Alexander Rüstow</rs>.
         Zwei weitere Durchschläge liegen hier zur Verfügung, falls Du noch andere in die Diskussion
         einbeziehen willst.  <rs ref="#" type="person">Alexander</rs> hat, ohne Wissen von einem 
         solchen Vorschlag von mit an <rs ref="#" type="person">Eugen</rs>, der Mmeinung Ausdruck
         gegeben, dass solch ein Briefwechsel ein Anfang einer Zeitschrift bedeuten könnte.</p></postscript>
         </div>
      </body>
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                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson></back></text>
</TEI>