Brief von Fedor Stepun an Paul Tillich und Hannah Tillich vom 27. März 1935

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Der editierte Text

| Luzern (Details anzeigen), den
27. März 1935

Liebe Freunde (Details anzeigen) (Details anzeigen)!

Zuerst möchte ich mich entschuldigen, dass wir auf die vielen Briefe immer wieder geschwiegen haben. Selbstverständlich hat das teilweise seinen Grund darin, dass man nicht so frei von der Leber weg schreiben kann, wie man das gerne möchte, dazu kam auch noch ein Weiteres: seit sehr langer Zeit hatte ich es vor in der Schweiz (Details anzeigen) zu sprechen. Das Herauskommen aus Deutschland (Details anzeigen) zum Zwecke der Vorträge ist aber, wie ihr wisst nicht mehr ganz einfach. Die Sache geht durch drei Instanzen: Rektor, sächs. Bildungsministerium und Reichsaussenamt. Bei mir speziell war die Sache auch noch weniger sicher, als wie sie sein könnte; denn alle drei Stellen sind sich darüber klar, dass ich in keiner Weise so eine Art Vertretung des neuen Deutschland (Details anzeigen) sein kann. Als mir der Rektor (Details anzeigen) sagte ich täte am besten mich in der Schweiz (Details anzeigen) und auch in Paris (Details anzeigen) (Paris (Details anzeigen) war geplant, musste aber fallen gelassen werden weil das neue Semester bereits am 1. April angeht) beim Botschafter zu melden und ihn zu fragen, was ich zu tun und zu lassen habe, sah ich mich gezwungen zu antworten, ich könne mich in Bezug auf das „lassen“ beraten lassen, nicht aber auf da „tun“. Unter all diesen Umständen schien es mir nicht angebracht, mit Euch zu korrespondieren und vor allem auch nicht Paul (Details anzeigen) seine Frage zu beantworten, ob ich nicht ins Ausland gehe und ob wir und dort event. nicht sehen könnten. Ich bin ja ein alter revolutionärer Spatz und traue darum revolutionären Situation sehr viel mehr Ränke zu, als es nach Aussen den Schein hat. Nun bin ich bereits seit dem 7. ds. in der Schweiz, habe von der „Aufgebotbewegung“ aus (eine mich sehr lebhaft interessierende Bewegung, die auf christlicher konfessioneller, aber doch ökumenischer Basis eine berufsständige Ordnung aufzubauen versucht in zwei-einigem Kampf gegen die Dämonie des ideokratischen Faschismus und gegen das Philistertum kapitalistischer wie auch sozialistischer Prägung) 12 Vorträge gehalten und zwar, wie ich ruhig sagen kann mit recht gutem Erfolg; denn in Fribourg (Details anzeigen) und Luzern (Details anzeigen) musste ich noch je einen zweiten Vortrag halten und 3 Anfragen habe ich abgelehnt aus Zeitmangel. Heute gehe ich wieder nach Dresden (Details anzeigen) zurück. Die Situation ist ja in Deutschland (Details anzeigen), wie Ihr wisst gerade jetzt wieder aufgeregt. Die Pfarrer der Bekenntnisbewegung sind vor ein paar Tagen verhaftet gewesen und der katholischen Kirche macht man auch Schwierigkeiten. Ich gehe im guten Glauben zurück, dass meine Vorträge hier in Deutschland (Details anzeigen) nicht unangenehmer aufgefallen sind als meine Persönlichkeit überhaupt, und dass ich nicht vor ein Forum gezogen werde, vor dem ich mich für meinen Kampf gegen die Dämonie eines jeden exzentrischen Totalitätsanspruchs zu verteidigen haben werde. Ich habe ja ausschließlich über russische Dinge gesprochen, sie aber immerhin als Symptom und Diagnose der gesamten westeuropäischen Lage zu deuten versucht. Das Kapitel des Nationalsozialismus wurde im Rahmen des Schateff-Problems aus den „Dämonen“ von Dostojewski (Details anzeigen) in aller Kürze, aber, wie ich denke, auch in einiger Prägnanz behandelt.

Von den deutschen Emigranten habe ich niemanden gesehen| und mich auch mit ihrer Presse nicht beschäftigt. (ich hatte auch nur sehr wenig Zeit)m doch haben mir auch nicht gerade sehr deutschfreundliche Menschen hier gesagt, dass die deutsche Emigration nicht das Niveau der russischen haben soll, und dass eine irgendwie wesentliche und tief fundierte, Ressentimentfreie Analyse der deutschen Lage in dieser Literatur nicht anzutreffen wäre. Dafür habe ich recht viele Schweizer gesehen und zwar in allen Gegenden des Landes, welches alle 100km etwas anderes ist, wie landschaftlich so auch geistig-typologisch, und habe, aufrichtig gesagt, unendlich wenig Sympathie für das heutige Deutschland feststellen können. Es wiederholt sich ganz dasselbe Bild und zeigte sich ganz dieselbe Richtung und zeigte sich ganz dieselbe Haltung, wie wir sie im vorigen Herbst in Schweden und Norwegen zu beobachten in der Lage waren. Die grosse Gefahr für Deutschland sehe ich vor allem darin, dass das Ausland Deutschland gegenüber denselben Fehler macht, den es Russland gegenüber gemacht hat. Man unterscheidet viel zu wenig das heutige Regime und die eigentliche Volkssubstanz, die nationalsozialistische Maske und das nationale Gesicht, das deutsche Wesen und den hitlerischen Sündenfall, sodass ich beim Verkehr hier trotz meinem Russentum so etwas sie geistigen deutschen Patriotismus erlebe und immer wieder die oben geschilderten Verwechslungen aufzuheben mich verpflichtet fühle. Es ist bei allen solchen eruptiven Zuständen, wie sie heute in Deutschland (Details anzeigen) und Russland in Erscheinung treten, sehr schwer, sich von zwei Extremen nicht verleiten zu lassen: einmal, das System als tote Maske für das wahre Gesicht zu halten. (Ich habe, ich weiss nicht woher, gehört, dass Paulus zur Zeit auch in Europa ist, wahrscheinlich wird er dieselben Erfahrungen und Eindrücke nach Amerika zurückbringen).

In Genf (Details anzeigen) habe ich deutsch nicht gesprochen, wohl aber russisch, und bei dieser Gelegenheit drei Tage sehr intensiv mit Kullmann gesprochen. Er zeigte mir die Räume des Völkerbunds. Wir standen an den Stühlen des grossen Rats. er stützte sich auf den Stuhl, in dem Briand gesessen hat, und ich auf irgendeinen andern, der eine ebensolche bedeutende Geistigkeit öfters in seinen Armen gehalten hat. Er erzählte mir über die verschiedenen Sitzungen über das Verhältnis der Nationen zueinander und des Ensembles der Siegerstaaten zu Deutschland und hat mir mit einer so eindrucksvollen Klarheit die Situation der letzten Jahre geschildert, dass ich zum ersten Mal jeden Glauben an die Idee des Völkerbundes verloren habe. Ich hatte immer die Vorstellung, dass bis zu einem gewissen Grade der Völkerbund so etwas wie der Vatikan der säkularisierten Welt sei, oder sein könnte, habe aber nach den langen Diskussionen mit Kullmann absolut begriffen, dass mein Glaube nur allzu naiv gewesen ist und dass es sich schließlich nur um eine Kanzlei der grossen Staaten und der Staatsverbände handelt. Meine Frage, ob die Siegerstaaten es nicht verstanden hätten, dass Deutschland nach dem Kriege mit einem zu knappen Schicksal herausgekommen ist und dass ein Volk nur dann leben kann, wenn eine bestimmte Identität zwischen seinem Schicksal und seinem Antlitz besteht, musste mit Kullmann mit einem klaren Nein beantworten. Auf mein weiteres Eindringen, ob es dann zu Brünings Zeiten nicht möglich gewesen wäre, Deutschland wirtschaftlich und politisch so einzurichten, dass vor der nationalen Erhebung bewahrt geblieben wäre. musste er ebenfalls mit einem eindeutigen| Nein beantworten. Dies alles hat mich zu der klaren Einsicht gebracht, oder vorsichtiger gesagt, der klaren Einsicht näher gebracht, dass der Lauf der Dinge in Deutschland doch ein schicksalhafter Lauf gewesen ist, trotz all der Willkür der zur Zeit herrschenden Ideokratie. Ich denke die ganze Zeit ununterbrochen darüber nach, ob denn Menschen unserer Haltung es nicht einmal dazu bringen könnten, das gegenseitige nationale Verständnis politisch zu repräsentieren und institutionelle auch zu festigen. Es ist wahrlich ein tragisches Geschick – vielleicht noch mehr – ein metaphysisches Gesetz der Welt, dass alles Gute und Wahre erst bei 100° C kocht, wogegen alles Irrige und Böse bereits bei 25° den Siedepunkt erreicht hat. Es scheint mir heute nichts so wesentlich zu sein als eine bewusste nationale Internationale und transnationale Zusammenschliessung alle der wirklich positiven Kräfte der Welt um den Siedungsgrad des Guten herabzusetzen. Konkret handelt es sich um eine Fühlungnahme zwischen allen religiösen (d.h. christlichen) freiheitsgläubigen (d.h. wahrhaft schöpferischen) Sozialisten der Welt und einen Kampf gegen alle die uns umlagernden Dämonen und Philiströsitäten. Ich glaube, dass heute überall Ansätze für diese Haltung vorhanden sind und dass sie nur sorgsam gepflegt werden müssen, um Blüte und Frucht zu tragen. Ich denke jetzt daran, in einem Buch eine topographische Karte dieser positiven Geistigkeit fertigzustellen und den Plan der von mir hier angedeuteten Aktion zu skizzieren. Ich weiss, ich werde es nicht machen können, es wird das grosse dazu nötige Wissen und der Sammelfleiss fehlen, doch will ich den Anfang machen, vielleicht kommen dann andere nach. Es würde mich sehr interessieren zu wissen, wie die Dinge in der amerikanischen Welt liegen, die ich so gut wie gar nicht kenne. Der religiöse Sozialismus wahrer Prägung unserer Neuburg, des säkularisieren Esprit, der noch religiös fundiert ist, die Bewegung von Jaques Maritin (Details anzeigen) und vieles in England (Details anzeigen) scheint mir der Sphäre der potentiellen Zukunft anzugehören, die realisiert werden kann, wenn wir alle nicht versagen. Ich fühle, wie utopisch das alles klingt, aber ich weiss auch, dass Utopien nicht am wenigsten Stosskraft in der Welt gehabt haben.

Deinen Aufsatz gegen Hirsch (Details anzeigen) habe ich mit Freude und völligem Einverständnis gelesen. Vielleicht entsinnst Du Dich, dass nach dem Abend, wo Ulich (Details anzeigen),Emanuel Hirsch (Details anzeigen), Kroner (Details anzeigen) und Du (ich weiss nicht ob Hanna (Details anzeigen) dabei war) bei uns waren, ich im Gegensatz zu allen sehr wenig von Hirsch (Details anzeigen) entzückt war. Ich habe schon damals festgestellt, dass er religiös nicht sehr echt sei und dass er ausserdem ganz bestimmt Jude sei. Beides hat sich als richtig herausgestellt, wobei bei dem zweiten Moment selbstverständlich nur dies wesentlich ist, dass Hirsch (Details anzeigen) immer bemüht war, sein Nichtariertum zu verbergen. Auch Kroner (Details anzeigen) hat mir die Richtigkeit meiner Diagnose durchaus abgestritten. Auch danke ich sehr für den zweiten Aufsatz, den ich gelesen habe. Beide Teile haben mich aufrichtig gefreut, besonders die vertiefte Einsicht in den Umstand, dass der notwendig gewordenen Integritätsprozess sich auch keinem anderen Territorium verwirklichen könnte als auf dem Territorium des nationalen autarkisch gesinnten Staates; auch ich bin in meinen Analysen immer mehr zu dieser Meinung gekommen und habe sie auch in den letzten Kollegs „Christentum und Weltanschauung“ des genaueren zu begründen versucht, dann aber weiter auch die ganz klare, wie übrigens absolut selbstverständliche Ablehnung des Totalitätsanspruchs des Staates. | Dabei war es mir besonders interessant zu sehen, wie glücklich Du die verschiedenen Konfessionen in Bezug auf die Abwehr dieses Anspruchs geschildert hast. Je mehr ich mich theoretisch mit dem Luthertum beschäftigt habe und je genauer ich den Kampf der Bekenntnisbewegung verfolgt haben, desto klarer wurde mir die Hoffnungslosigkeit der protestantischen Kampfsituation. Dieser unselige Gedanke, es gibt keine Autorität denn vor Gott, hat in meinen Augen die Versammlungen ihrer Stosskraft beraubt. Es war geradezu bizarr zu erleben, wie radikal man den Reichsbischof angriff und wie man sich zum Schluss bei Staat und Polizei dafür bedankte, dass dieselben die Radikalität dieses Angriffs erlaubt haben. Und ganz sonderbar, gerade diese angeblich rein religiöse und unpolitische Haltung verlieh allen Versammlungen einen ganz ausgesprochenen politischen Charakter, ja sogar noch mehr, sie verlieh ihnen, für mein russisches Ohr jedenfalls, den Charakter eines ganz unmöglichen Politizismus. Mir war immer klar, dass der Reichsbischof doch nur eine Art Laus (der Ausdruck Laus stammt aus dem gestrigen Dostojewski (Details anzeigen)-Vortrag) in der Staatsperücke sei, und dass es absolut unsinnig ist, mit einem Stein auf die Laus loszuschlagen und dabei immer vor Angst zu beben, man könnte die Frisur verderben. Der Angriff gegen die Staatsfrisur, oder, wenn Du willst, auch gegen das Staatsoberhaupt, war nicht durchzusetzen; denn politisch vereinigt ja die Bekenntnisbewegung selbst in Dresden (Details anzeigen) absolut verschiedene Richtungen. Der Generalsuperintendent Hahn (Details anzeigen) steht den Nationalsozialisten gerade so nah, wie er kirchlich gegen ihn steht. Von Kirchbach (Details anzeigen) ist immerhin Offizier und zum Schluss auch Antisemit. A.E. (Details anzeigen) ist politisch überhaupt unklar. Andere stehen oder standen jedenfalls sehr viel mehr links. So ist denn auch bei der These, dass alle Obrigkeit von Gott ist, aus der religiösen Ablehnung der Ideokratie kein politisches Kapital zu schlagen, was aber doch klar zur Folge hat, dass diese Ideokratie das geistige Kapital des Christentums immer wieder zusammenschlagen wird. Die Formulierung, die ich einmal gehört habe, es käme darauf an, den nationalsozialistischen Staat vor die Entscheidung zwischen Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung zu stellen, übersieht die Grundstruktur der Gegenwart, d.h. die Tatsache, dass der nationalsozialistische Staat nicht nur Staat, sondern Parteistaat ist, also Ideokratie und weltanschauliches Priestertum bedeutet. Natürlich stimmt das nicht für die vielen Spezialisten und sachkundigen Menschen, die an zweiter Stelle stehen und das Entscheidende überall schaffen, es stimmt nicht für die Reichswehr, für die Wirtschafts= und Finanzführer; aber diese haben heute keinen eigenen Halt, und die gegen die Partei und ihre Weltanschauung kämpfende Bekenntnisbewegung, meiner Ansicht nach, weder siegen noch symptomatisch und stellvertretend leiden. Ob sie aber zu einem solchen Angriff sich wird entscheiden können, ist mir nicht klar, trotzdem ja die letzten Ereignisse auf diese Entschlusskraft hinzuweisen scheine.

Ich habe in der Geschwindigkeit des Diktats vergessen (in einer Stunde geht mein Zug, der mich nach Deutschland (Details anzeigen) zurückbringt), dass ich über deinen Aufsatz geschrieben habe. Ich möchte abschliessend nur noch hinzufügen, dass er meiner Ansicht nach in Deutschland (Details anzeigen) ruhig abgedruckt werden könnte. Ich habe ihn jedenfalls an A.E. (Details anzeigen) weitergegeben und es ihm nahegelegt, den Aufsatz in den nächsten theologischen Blättern zu bringen. Dir kann dies keinesfalls schaden; eher nützen; denn die Ablehnung des Totalitätsanspruchs des Staates ist bei Dir wie bei uns allen selbstverständlich. Deine Integrationstheorie rechtfertigt Dich aber in den Augen der Regierung (falls Du daran denken solltest, ev. für einige Zeit oder für immer zurückzukehren) in einem Maasse, | welches Dir nicht unangenehm sein dürfte.

Was soll ich Dir och erzählen? Mir ist es in Deutschland (Details anzeigen) gut gegangen. Meine Kollegs waren wieder relativ ausgezeichnet besucht. 45 Studenten und gegen 25 Stadtzuhörer, also gegen 70, in einigen Fällen 80 Zuhörer. Auch habe ich in Dresden (Details anzeigen) acht öffentliche Vorträge gehalten. Der Vortrag über den „Geist russischer Frömmigkeit“ musste zweimal wiederholt werden. Es haben sich in Dresden (Details anzeigen) verschiedene literarische Salons aufgetan, in denen 80-100 Menschen verkehren. Die geistigen Schichten sind einander nähergerückt und es finden sich die Professorenschaft, das höhere Bürgertum, Theater und auch bestimmte Parteielemente harmonisch zusammen. Man kann natürlich nicht mit voller Stimme sprechen, aber immerhin, man kann im Flüsterton durchaus sich so zeigen, wie man ist. Der Rektor (Details anzeigen) wurde dieses Semester, wenn auch nicht gewählt, so doch auch nicht einfach, wie zu Anfang der Revolution, von oben her bestimmt. Es war eine Wahl, die aber für das Ministerium nicht verpflichtend ist, sondern nur orientierend. Das Ministerium verfährt mit uns äusserst liebenswürdig, man kann sagen, liebenswürdiger, als es Uhlich (Details anzeigen) getan hat. Wir arbeiten gerade an der Berufung des Volkswirtschaftlers und das Verfahren ist ganz traditionell bis jetzt verlaufen. Die letzten Resultate sehen wir nicht.

Es werden immer weniger und weniger gläubige Nationalsozialisten sicht- und lautbar. Ich habe einen einzigen gefunden, der mit ein allerdings sehr knappes und klares Programm entwickelte. Nach 10 Jahren, wenn die Hitlerjugend erwachsen ist, Enteignung der Bourgoisie und Schließung der Kirchen. Von allen ideologischen Standpunkten scheint mir der Antisemitismus sich am festesten zu halten. Ich bin auch überrascht zu sehen, dass er in verfeinerter Form überall Anklang findet, auch bei Menschen, bei denen man es nicht erwartet hätte. Da Natascha (Details anzeigen) und ich uns sehr frei fühlen und frei verkehren bei allen Menschen, die uns menschlich nahestehen und anständig sind, so sind wir seht viel eingeladen gewesen. Ende Februar z.B. 12 Tage hintereinander. Das Judentum ist ziemlich isoliert. Bei Rechtsanwalt Salzburg (Details anzeigen) hat der frühere Dramaturg des Staatstheaters Karl Wolf (Details anzeigen) gesprochen. Wir waren die einzigen Reklame-Christen in der Gesellschaft; übrigens abgesehen von einem Parteimann, der mich in diesem Gettho-Milieu lebhaft begrüsste als alten Bekannten. Zu meinem Glück war es ein Beamter der geheimen Staatspolizei, der bei mir die Haussuchung durchzuführen geholfen hat. Die Situation war äusserst sonderbar und peinlich. Der Mann mit dem Hakenkreuz blieb den ganzen Abend bei den von ihm gut gehassten Juden, ass viele Butterbrote, trank Bier und unterhielt sich lebhaft, und es war gut, dass man ihn eingeladen hatte, denn sonst wäre die Gesellschaft von verantwortungslosen Parteielementen spontan aufgelöst worden. Eigentlich ist das Ganze eine Unmöglichkeit und doch ist es gegangen, die Revolution wird eben Alltag und der Alltag hat den grössten Magen von allen Existenzen. Nun muss ich schliessen. Zum Schluss will ich nur noch speziell Hanna (Details anzeigen) danken für ihre lieben Briefe, die wir bekommen haben, für die netten Erinnerungen an Nataschas (Details anzeigen)s tolle Augen und auch an mich. Ganz besonders soll ich auch von Nataschas (Details anzeigen), die zur Zeit in Paris (Details anzeigen) ist, grüssen und Euch von uns beiden sagen, dass wir mit Freuden den neuen Erdenbürger (Details anzeigen) erwarten, für den wir schon jetzt viel Glück wünschen wollen. Gott gebe, dass aus ihm doch nicht nur ein Amerikaner wird. Ich sehe hier in der Emigration immer wieder diese vaterlandslosen Kinder und fühle immer mehr die Realität des nationalen Antlitzes. Man muss auch sozial, auch national, auch epochal ein Ich sein, um überhaupt irgendein Du von ganzem Herzen zu lieben. Ich kann nun nicht weiterschreiben, die Uhr läuft, der Bahnhof hinter dem Fenster pfeift, und ich muss schliessen.

Wir umarmen Euch herzlichst, schicken viele Küsse und Glückwünsche, schreibt bitte das Mögliche, wenn wir nicht | gleich schreiben, ich will mich bessern und will auch gerne das Mögliche und Private aus Deutschland (Details anzeigen) schreiben, ohne die Gelegenheit einer Auslandsreise abzuwarten.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

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bTillich, Hannah
cTillich, Paul
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an
ao
ap
aq
ar
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at
au
av
aw
ax
ay
az

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 189(42)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Marie Feislein an Paul Tillich vom 12. März 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Arnold Wolfers an Paul Tillich vom 5. April 1935

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Fedor Stepun an Paul Tillich und Hannah Tillich vom 27. März 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10180.html, Zugriff am ????.

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