<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="L10180.xml" xml:base="https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at" prev="L10179.xml" next="L10181.xml">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Fedor Stepun an Paul Tillich und Hannah Tillich vom 27. März 1935</title>
            <author ref="#">Fedor Stepun</author>
            <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 189(42)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#">Fedor Stepun</persName>
               <date when="1935-03-27">27.03.1935</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__">Korrespondenz mit Fedor Stepun</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L10172.xml">Brief von Marie Feislein an Paul Tillich vom 12. März 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L10187.xml">Brief von Arnold Wolfers an Paul Tillich vom 5. April 1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10179.xml">Brief von Elisabeth Tillich an Paul und Hannah Tillich vom 26. März 1935</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10181.xml">Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 27. März 1935 [PS]</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1935-03-27"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-07-23">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><rs ref="#" type="place">Luzern</rs>, den <dateline><date when="1935-03-27">27. März 1935</date></dateline>
               <salute>Liebe <rs ref="#tillich_person_id__1923" type="person"><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Freunde</rs></rs>!</salute>
            </opener>
            <p>Zuerst möchte ich mich entschuldigen, dass wir auf die vielen Briefe immer wieder
               geschwiegen haben. Selbstverständlich hat das teilweise seinen Grund darin, dass man
               nicht so frei von der Leber weg schreiben kann, wie man das gerne möchte, dazu kam
               auch noch ein Weiteres: seit sehr langer Zeit hatte ich es vor in der <rs ref="#" type="place">Schweiz</rs> zu sprechen. Das Herauskommen aus <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> zum Zwecke der Vorträge ist aber, wie ihr wisst
               nicht mehr ganz einfach. Die Sache geht durch drei Instanzen: Rektor, sächs.
               Bildungsministerium und Reichsaussenamt. Bei mir speziell war die Sache auch noch
               weniger sicher, als wie sie sein könnte; denn alle drei Stellen sind sich darüber
               klar, dass ich in keiner Weise so eine Art Vertretung des neuen <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> sein kann. Als mir der <rs ref="#" type="person">Rektor</rs> sagte ich täte am besten mich in der <rs ref="#" type="place">Schweiz</rs> und auch in <rs ref="#" type="place">Paris</rs> (<rs ref="#" type="place">Paris</rs> war geplant, musste aber fallen gelassen werden weil das
               neue Semester bereits am 1. April angeht) beim Botschafter zu melden und ihn zu
               fragen, was ich zu tun und zu lassen habe, sah ich mich gezwungen zu antworten, ich
               könne mich in Bezug auf das <q>lassen</q> beraten lassen, nicht aber auf da
                  <q>tun</q>. Unter all diesen Umständen schien es mir nicht angebracht, mit Euch zu
               korrespondieren und vor allem auch nicht <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paul</rs> seine Frage zu beantworten, ob ich nicht ins Ausland gehe
               und ob wir und dort event. nicht sehen könnten. Ich bin ja ein alter revolutionärer
               Spatz und traue darum revolutionären Situation sehr viel mehr Ränke zu, als es nach
               Aussen den Schein hat. Nun bin ich bereits seit dem 7. ds. in der <rs>Schweiz</rs>,
               habe von der <q>Aufgebotbewegung</q> aus (eine mich sehr lebhaft interessierende
               Bewegung, die auf christlicher konfessioneller, aber doch ökumenischer Basis eine
               berufsständige Ordnung aufzubauen versucht in zwei-einigem Kampf gegen die Dämonie
               des ideokratischen Faschismus und gegen das Philistertum kapitalistischer wie auch
               sozialistischer Prägung) 12 Vorträge gehalten und zwar, wie ich ruhig sagen kann mit
               recht gutem Erfolg; denn in <rs ref="#" type="place">Fribourg</rs> und <rs ref="#" type="place">Luzern</rs> musste ich noch je einen zweiten Vortrag halten und 3
               Anfragen habe ich abgelehnt aus Zeitmangel. Heute gehe ich wieder nach <rs ref="#" type="place">Dresden</rs> zurück. Die Situation ist ja in <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs>, wie Ihr wisst gerade jetzt wieder aufgeregt. Die Pfarrer der
               Bekenntnisbewegung sind vor ein paar Tagen verhaftet gewesen und der katholischen
               Kirche macht man auch Schwierigkeiten. Ich gehe im guten Glauben zurück, dass meine
               Vorträge hier in <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> nicht unangenehmer
               aufgefallen sind als meine Persönlichkeit überhaupt, und dass ich nicht vor ein Forum
               gezogen werde, vor dem ich mich für meinen Kampf gegen die Dämonie eines jeden
               exzentrischen Totalitätsanspruchs zu verteidigen haben werde. Ich habe ja
               ausschließlich über russische Dinge gesprochen, sie aber immerhin als Symptom und
               Diagnose der gesamten westeuropäischen Lage zu deuten versucht. Das Kapitel des
               Nationalsozialismus wurde im Rahmen des Schateff-Problems aus den <q>Dämonen</q> von
                  <rs ref="#" type="person">Dostojewski</rs> in aller Kürze, aber, wie ich denke,
               auch in einiger Prägnanz behandelt.</p>
            <p>Von den deutschen Emigranten habe ich niemanden gesehen<pb n="2"/> und mich auch mit
               ihrer Presse nicht beschäftigt. (ich hatte auch nur sehr wenig Zeit)m doch haben mir
               auch nicht gerade sehr deutschfreundliche Menschen hier gesagt, dass die deutsche
               Emigration nicht das Niveau der russischen haben soll, und dass eine irgendwie
               wesentliche und tief fundierte, Ressentimentfreie Analyse der deutschen Lage in
               dieser Literatur nicht anzutreffen wäre. Dafür habe ich recht viele Schweizer gesehen
               und zwar in allen Gegenden des Landes, welches alle 100km etwas anderes ist, wie
               landschaftlich so auch geistig-typologisch, und habe, aufrichtig gesagt, unendlich
               wenig Sympathie für das heutige Deutschland feststellen können. Es wiederholt sich
               ganz dasselbe Bild und zeigte sich ganz dieselbe Richtung und zeigte sich ganz
               dieselbe Haltung, wie wir sie im vorigen Herbst in <rs>Schweden</rs> und
                  <rs>Norwegen</rs> zu beobachten in der Lage waren. Die grosse Gefahr für
               Deutschland sehe ich vor allem darin, dass das Ausland Deutschland gegenüber
               denselben Fehler macht, den es Russland gegenüber gemacht hat. Man unterscheidet viel
               zu wenig das heutige Regime und die eigentliche Volkssubstanz, die
               nationalsozialistische Maske und das nationale Gesicht, das deutsche Wesen und den
               hitlerischen Sündenfall, sodass ich beim Verkehr hier trotz meinem Russentum so etwas
               sie geistigen deutschen Patriotismus erlebe und immer wieder die oben geschilderten
               Verwechslungen aufzuheben mich verpflichtet fühle. Es ist bei allen solchen eruptiven
               Zuständen, wie sie heute in <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> und Russland in
               Erscheinung treten, sehr schwer, sich von zwei Extremen nicht verleiten zu lassen:
               einmal, das System als tote Maske für das wahre Gesicht zu halten. (Ich habe, ich
               weiss nicht woher, gehört, dass <rs>Paulus</rs> zur Zeit auch in <rs>Europa</rs> ist,
               wahrscheinlich wird er dieselben Erfahrungen und Eindrücke nach <rs>Amerika</rs>
               zurückbringen).</p>
            <p>In <rs ref="#" type="place">Genf</rs> habe ich deutsch nicht gesprochen, wohl aber
               russisch, und bei dieser Gelegenheit drei Tage sehr intensiv mit <rs>Kullmann</rs>
               gesprochen. Er zeigte mir die Räume des Völkerbunds. Wir standen an den Stühlen des
               grossen Rats. er stützte sich auf den Stuhl, in dem <rs>Briand</rs> gesessen hat, und
               ich auf irgendeinen andern, der eine ebensolche bedeutende Geistigkeit öfters in
               seinen Armen gehalten hat. Er erzählte mir über die verschiedenen Sitzungen über das
               Verhältnis der Nationen zueinander und des Ensembles der Siegerstaaten zu Deutschland
               und hat mir mit einer so eindrucksvollen Klarheit die Situation der letzten Jahre
               geschildert, dass ich zum ersten Mal jeden Glauben an die Idee des Völkerbundes
               verloren habe. Ich hatte immer die Vorstellung, dass bis zu einem gewissen Grade der
               Völkerbund so etwas wie der Vatikan der säkularisierten Welt sei, oder sein könnte,
               habe aber nach den langen Diskussionen mit Kullmann absolut begriffen, dass mein
               Glaube nur allzu naiv gewesen ist und dass es sich schließlich nur um eine Kanzlei
               der grossen Staaten und der Staatsverbände handelt. Meine Frage, ob die Siegerstaaten
               es nicht verstanden hätten, dass Deutschland nach dem Kriege mit einem zu knappen
               Schicksal herausgekommen ist und dass ein Volk nur dann leben kann, wenn eine
               bestimmte Identität zwischen seinem Schicksal und seinem Antlitz besteht, musste mit
               Kullmann mit einem klaren Nein beantworten. Auf mein weiteres Eindringen, ob es dann
               zu Brünings Zeiten nicht möglich gewesen wäre, Deutschland wirtschaftlich und
               politisch so einzurichten, dass vor der nationalen Erhebung bewahrt geblieben wäre.
               musste er ebenfalls mit einem eindeutigen<pb n="3"/> Nein beantworten. Dies alles hat
               mich zu der klaren Einsicht gebracht, oder vorsichtiger gesagt, der klaren Einsicht
               näher gebracht, dass der Lauf der Dinge in Deutschland doch ein schicksalhafter Lauf
               gewesen ist, trotz all der Willkür der zur Zeit herrschenden Ideokratie. Ich denke
               die ganze Zeit ununterbrochen darüber nach, ob denn Menschen unserer Haltung es nicht
               einmal dazu bringen könnten, das gegenseitige nationale Verständnis politisch zu
               repräsentieren und institutionell<del rend="s">e</del> auch zu festigen. Es ist
               wahrlich ein tragisches Geschick – vielleicht noch mehr – ein metaphysisches Gesetz
               der Welt, dass alles Gute und Wahre erst bei 100° C kocht, wogegen alles Irrige und
               Böse bereits bei 25° den Siedepunkt erreicht hat. Es scheint mir heute nichts so
               wesentlich zu sein als eine bewusste nationale Internationale und transnationale
               Zusammenschliessung alle der wirklich positiven Kräfte der Welt um den Siedungsgrad
               des Guten herabzusetzen. Konkret handelt es sich um eine Fühlungnahme zwischen allen
               religiösen (d.h. christlichen) freiheitsgläubigen (d.h. wahrhaft schöpferischen)
               Sozialisten der Welt und einen Kampf gegen alle die uns umlagernden Dämonen und
               Philiströsitäten. Ich glaube, dass heute überall Ansätze für diese Haltung vorhanden
               sind und dass sie nur sorgsam gepflegt werden müssen, um Blüte und Frucht zu tragen.
               Ich denke jetzt daran, in einem Buch eine topographische Karte dieser positiven
               Geistigkeit fertigzustellen und den Plan der von mir hier angedeuteten Aktion zu
               skizzieren. Ich weiss, ich werde es nicht machen können, es wird das grosse dazu
               nötige Wissen und der Sammelfleiss fehlen, doch will ich den Anfang machen,
               vielleicht kommen dann andere nach. Es würde mich sehr interessieren zu wissen, wie
               die Dinge in der amerikanischen Welt liegen, die ich so gut wie gar nicht kenne. Der
               religiöse Sozialismus wahrer Prägung unserer Neuburg, des säkularisieren Esprit, der
               noch religiös fundiert ist, die Bewegung von <rs ref="#" type="person">Jaques
                  Maritin</rs> und vieles in <rs ref="#" type="place">England</rs> scheint mir der
               Sphäre der potentiellen Zukunft anzugehören, die realisiert werden kann, wenn wir
               alle nicht versagen. Ich fühle, wie utopisch das alles klingt, aber ich weiss auch,
               dass Utopien nicht am wenigsten Stosskraft in der Welt gehabt haben.</p>
            <p>Deinen Aufsatz gegen <rs ref="#" type="person">Hirsch</rs> habe ich mit Freude und
               völligem Einverständnis gelesen. Vielleicht entsinnst Du Dich, dass nach dem Abend,
               wo <rs ref="#" type="person">Ulich</rs>,<rs ref="#" type="person">Emanuel
               Hirsch</rs>, <rs ref="#" type="person">Kroner</rs> und Du (ich weiss nicht ob <rs ref="#" type="person">Hanna</rs> dabei war) bei uns waren, ich im Gegensatz zu
               allen sehr wenig von <rs ref="#" type="person">Hirsch</rs> entzückt war. Ich habe
               schon damals festgestellt, dass er religiös nicht sehr echt sei und dass er ausserdem
               ganz bestimmt Jude sei. Beides hat sich als richtig herausgestellt, wobei bei dem
               zweiten Moment selbstverständlich nur dies wesentlich ist, dass <rs ref="#" type="person">Hirsch</rs> immer bemüht war, sein Nichtariertum zu verbergen. Auch
                  <rs ref="#" type="person">Kroner</rs> hat mir die Richtigkeit meiner Diagnose
               durchaus abgestritten. Auch danke ich sehr für den zweiten Aufsatz, den ich gelesen
               habe. Beide Teile haben mich aufrichtig gefreut, besonders die vertiefte Einsicht in
               den Umstand, dass der notwendig gewordenen Integritätsprozess sich auch keinem
               anderen Territorium verwirklichen könnte als auf dem Territorium des nationalen
               autarkisch gesinnten Staates; auch ich bin in meinen Analysen immer mehr zu dieser
               Meinung gekommen und habe sie auch in den letzten Kollegs <q>Christentum und
                  Weltanschauung</q> des genaueren zu begründen versucht, dann aber weiter auch die
               ganz klare, wie übrigens absolut selbstverständliche Ablehnung des
               Totalitätsanspruchs des Staates. <pb n="3"/>Dabei war es mir besonders interessant zu
               sehen, wie glücklich Du die verschiedenen Konfessionen in Bezug auf die Abwehr dieses
               Anspruchs geschildert hast. Je mehr ich mich theoretisch mit dem Luthertum
               beschäftigt habe und je genauer ich den Kampf der Bekenntnisbewegung verfolgt haben,
               desto klarer wurde mir die Hoffnungslosigkeit der protestantischen Kampfsituation.
               Dieser unselige Gedanke, es gibt keine Autorität denn vor Gott, hat in meinen Augen
               die Versammlungen ihrer Stosskraft beraubt. Es war geradezu bizarr zu erleben, wie
               radikal man den Reichsbischof angriff und wie man sich zum Schluss bei Staat und
               Polizei dafür bedankte, dass dieselben die Radikalität dieses Angriffs erlaubt haben.
               Und ganz sonderbar, gerade diese angeblich rein religiöse und unpolitische Haltung
               verlieh allen Versammlungen einen ganz ausgesprochenen politischen Charakter, ja
               sogar noch mehr, sie verlieh ihnen, für mein russisches Ohr jedenfalls, den Charakter
               eines ganz unmöglichen Politizismus. Mir war immer klar, dass der Reichsbischof doch
               nur eine Art Laus (der Ausdruck Laus stammt aus dem gestrigen <rs ref="#" type="person">Dostojewski</rs>-Vortrag) in der Staatsperücke sei, und dass es
               absolut unsinnig ist, mit einem Stein auf die Laus loszuschlagen und dabei immer vor
               Angst zu beben, man könnte die Frisur verderben. Der Angriff gegen die Staatsfrisur,
               oder, wenn Du willst, auch gegen das Staatsoberhaupt, war nicht durchzusetzen; denn
               politisch vereinigt ja die Bekenntnisbewegung selbst in <rs ref="#" type="place">Dresden</rs> absolut verschiedene Richtungen. Der Generalsuperintendent <rs ref="#" type="person">Hahn</rs> steht den Nationalsozialisten gerade so nah, wie
               er kirchlich gegen ihn steht. <rs ref="#" type="person">Von Kirchbach</rs> ist
               immerhin Offizier und zum Schluss auch Antisemit. <rs ref="#" type="person">A.E.</rs>
               ist politisch überhaupt unklar. Andere stehen oder standen jedenfalls sehr viel mehr
               links. So ist denn auch bei der These, dass alle Obrigkeit von Gott ist, aus der
               religiösen Ablehnung der Ideokratie kein politisches Kapital zu schlagen, was aber
               doch klar zur Folge hat, dass diese Ideokratie das geistige Kapital des Christentums
               immer wieder zusammenschlagen wird. Die Formulierung, die ich einmal gehört habe, es
               käme darauf an, den nationalsozialistischen Staat vor die Entscheidung zwischen
               Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung zu stellen, übersieht die
               Grundstruktur der Gegenwart, d.h. die Tatsache, dass der nationalsozialistische Staat
               nicht nur Staat, sondern Parteistaat ist, also Ideokratie und weltanschauliches
               Priestertum bedeutet. Natürlich stimmt das nicht für die vielen Spezialisten und
               sachkundigen Menschen, die an zweiter Stelle stehen und das Entscheidende überall
               schaffen, es stimmt nicht für die Reichswehr, für die Wirtschafts= und Finanzführer;
               aber diese haben heute keinen eigenen Halt, und die gegen die Partei und ihre
               Weltanschauung kämpfende Bekenntnisbewegung, meiner Ansicht nach, weder siegen noch
               symptomatisch und stellvertretend leiden. Ob sie aber zu einem solchen Angriff sich
               wird entscheiden können, ist mir nicht klar, trotzdem ja die letzten Ereignisse auf
               diese Entschlusskraft hinzuweisen scheine.</p>
            <p>Ich habe in der Geschwindigkeit des Diktats vergessen (in einer Stunde geht mein Zug,
               der mich nach <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> zurückbringt), dass ich über
               deinen Aufsatz geschrieben habe. Ich möchte abschliessend nur noch hinzufügen, dass
               er meiner Ansicht nach in <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> ruhig abgedruckt
               werden könnte. Ich habe ihn jedenfalls an <rs ref="#" type="person">A.E.</rs>
               weitergegeben und <del rend="s">es</del> ihm nahegelegt, den Aufsatz in den nächsten
               theologischen Blättern zu bringen. Dir kann dies keinesfalls schaden; eher nützen;
               denn die Ablehnung des Totalitätsanspruchs des Staates ist bei Dir wie bei uns allen
               selbstverständlich. Deine Integrationstheorie rechtfertigt Dich aber in den Augen der
               Regierung (falls Du daran denken solltest, ev. für einige Zeit oder für immer
               zurückzukehren) in einem Maasse, <pb n="4"/> welches Dir nicht unangenehm sein
               dürfte.</p>
            <p>Was soll ich Dir och erzählen? Mir ist es in <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> gut gegangen. Meine Kollegs waren wieder relativ ausgezeichnet
               besucht. 45 Studenten und gegen 25 Stadtzuhörer, also gegen 70, in einigen Fällen 80
               Zuhörer. Auch habe ich in <rs ref="#" type="place">Dresden</rs> acht öffentliche
               Vorträge gehalten. Der Vortrag über den <q>Geist russischer Frömmigkeit</q> musste
               zweimal wiederholt werden. Es haben sich in <rs ref="#" type="place">Dresden</rs>
               verschiedene literarische Salons aufgetan, in denen 80-100 Menschen verkehren. Die
               geistigen Schichten sind einander nähergerückt und es finden sich die
               Professorenschaft, das höhere Bürgertum, Theater und auch bestimmte Parteielemente
               harmonisch zusammen. Man kann natürlich nicht mit voller Stimme sprechen, aber
               immerhin, man kann im Flüsterton durchaus sich so zeigen, wie man ist. Der <rs ref="#" type="person">Rektor</rs> wurde dieses Semester, wenn auch nicht gewählt,
               so doch auch nicht einfach, wie zu Anfang der Revolution, von oben her bestimmt. Es
               war eine Wahl, die aber für das Ministerium nicht verpflichtend ist, sondern nur
               orientierend. Das Ministerium verfährt mit uns äusserst liebenswürdig, man kann
               sagen, liebenswürdiger, als es <rs ref="#" type="person">Uhlich</rs> getan hat. Wir
               arbeiten gerade an der Berufung des Volkswirtschaftlers und das Verfahren ist ganz
               traditionell bis jetzt verlaufen. Die letzten Resultate sehen wir nicht.</p>
            <p>Es werden immer weniger und weniger gläubige Nationalsozialisten sicht- und lautbar.
               Ich habe einen einzigen gefunden, der mit ein allerdings sehr knappes und klares
               Programm entwickelte. Nach 10 Jahren, wenn die Hitlerjugend erwachsen ist, Enteignung
               der Bourgoisie und Schließung der Kirchen. Von allen ideologischen Standpunkten
               scheint mir der Antisemitismus sich am festesten zu halten. Ich bin auch überrascht
               zu sehen, dass er in verfeinerter Form überall Anklang findet, auch bei Menschen, bei
               denen man es nicht erwartet hätte. Da <rs ref="#" type="person">Natascha</rs> und ich
               uns sehr frei fühlen und frei verkehren bei allen Menschen, die uns menschlich
               nahestehen und anständig sind, so sind wir seht viel eingeladen gewesen. Ende Februar
               z.B. 12 Tage hintereinander. Das Judentum ist ziemlich isoliert. Bei Rechtsanwalt <rs ref="#" type="person">Salzburg</rs> hat der frühere Dramaturg des Staatstheaters
                  <rs ref="#" type="person">Karl Wolf</rs> gesprochen. Wir waren die einzigen
               Reklame-Christen in der Gesellschaft; übrigens abgesehen von einem Parteimann, der
               mich in diesem Gettho-Milieu lebhaft begrüsste als alten Bekannten. Zu meinem Glück
               war es ein Beamter der geheimen Staatspolizei, der bei mir die Haussuchung
               durchzuführen geholfen hat. Die Situation war äusserst sonderbar und peinlich. Der
               Mann mit dem Hakenkreuz blieb den ganzen Abend bei den von ihm gut gehassten Juden,
               ass viele Butterbrote, trank Bier und unterhielt sich lebhaft, und es war gut, dass
               man ihn eingeladen hatte, denn sonst wäre die Gesellschaft von verantwortungslosen
               Parteielementen spontan aufgelöst worden. Eigentlich ist das Ganze eine Unmöglichkeit
               und doch ist es gegangen, die Revolution wird eben Alltag und der Alltag hat den
               grössten Magen von allen Existenzen. Nun muss ich schliessen. Zum Schluss will ich
               nur noch speziell <rs ref="#" type="person">Hanna</rs> danken für ihre lieben Briefe,
               die wir bekommen haben, für die netten Erinnerungen an <rs ref="#" type="person">Nataschas</rs>s tolle Augen und auch an mich. Ganz besonders soll ich auch von
                  <rs ref="#" type="person">Nataschas</rs>, die zur Zeit in <rs ref="#" type="place">Paris</rs> ist, grüssen und Euch von uns beiden sagen, dass wir mit Freuden den
               neuen <rs ref="#" type="person">Erdenbürger</rs> erwarten, für den wir schon jetzt
               viel Glück wünschen wollen. Gott gebe, dass aus ihm doch nicht nur ein Amerikaner
               wird. Ich sehe hier in der Emigration immer wieder diese vaterlandslosen Kinder und
               fühle immer mehr die Realität des nationalen Antlitzes. Man muss auch sozial, auch
               national, auch epochal ein Ich sein, um überhaupt irgendein Du von ganzem Herzen zu
               lieben. Ich kann nun nicht weiterschreiben, die Uhr läuft, der Bahnhof hinter dem
               Fenster pfeift, und ich muss schliessen.</p>
            <p>Wir umarmen Euch herzlichst, schicken viele Küsse und Glückwünsche, schreibt bitte das
            Mögliche, wenn wir nicht <pb n="5"/> gleich schreiben, ich will mich bessern und will auch
            gerne das Mögliche und Private aus <rs ref="#" type="place">Deutschland</rs> schreiben, ohne
            die Gelegenheit einer Auslandsreise abzuwarten.</p>
            <closer>
               <salute>Herzlich die Euren</salute>
               <signed><rs ref="#" type="person"><hi rend="hand">Fedor Stepun</hi></rs></signed>
            </closer>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__1923">
                  <persName>Tillich, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1896-05-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Rotenburg a. d. Fulda</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1988-10-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>East Hampton, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119096102</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Tillich (17. Mai 1896 – 27. Oktober 1988) war eine deutsche und später US-amerikanische Zeichenlehrerin, Malerin, Schriftstellerin und Modell. Aufgewachsen im Pfarrhaus ihrer Eltern in Rotenburg an der Fulda, absolvierte sie von 1912 bis 1916 eine Ausbildung an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und arbeitete ab 1919 als Zeichenlehrerin in Berlin-Neukölln. 1920 heiratete sie den Maler Albert Gottschow, von dem sie sich nach kurzer Ehe und einem persönlichen Schicksalsschlag wieder trennte. 1924 ging sie die Ehe mit Paul Tillich ein, mit dem sie in Marburg, Dresden und Frankfurt lebte und 1933 in die USA emigrierte. Nach der Geburt zweier Kinder nahm sie Mitte der 1930er Jahre ihre künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer autobiographischen Schrift From Time to Time (1973), in der sie offen über ihr Leben und ihre Ehe berichtete; eine deutsche Ausgabe erschien erst 1993.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson></back></text>
</TEI>