Der editierte Text

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Lieber Tillich (Details anzeigen),

inzwischen werden Sie meine Karte 1 vom 12.2 und meinen Brief 2 vom 15.2. und von Hinrichs (Details anzeigen) die ThBl 1935 Nr. 1 und Nr. 2 und „Deutsches Volkstum“ Febr. 1935 erhalten haben. Ich hatte Hinrichs (Details anzeigen) gebeten, Ihnen auch Emmanuel Hirsch (Details anzeigen), Christliche Freiheit und politische Bindung .. zu schicken. Hinrichs (Details anzeigen) fragte, ob das wirklich ? nötig sein, da doch anzunehmen sein, daß Hirsch selbst Ihnen ein Exemplar schicken werde. Ich habe nun gestern die Hirsch'sche Broschüre erhalten und nehme sicherlich mit Recht an, das Hirsch, der es nunmehr ablehnt, mit Ihnen selbst zu reden, nicht daran denkt, Ihnen seine ja nicht Ihnen, sondern Stapel (Details anzeigen) gegebene „Antwort“ zu schicken. Damit keine Zeit verloren geht, schicke ich Ihnen sofort mein eigenes Exemplar, und zwar mit derselben Post als Drucksache.

Es erscheint als eine selbstverständliche Notwendigkeit, daß Sie sofort in den ThBl eine kräftige Antwort auf Hirschs „Antwort“ geben, unter Einbeziehung eines kräftigen Hiebes auf den Allerweltsschinpfer Stapel. Ueber das Echo, das Ihr Offener Brief ausgelöst, habe ich implicite durch meine Zusammenstellung in den ThBl 1935 Nr. 1 unterrichtet. Es wird immer deutlicher, dass es gut und richtig und damit notwendig war, über das genannte Echo so genau zu berichten. Bevor Hirsch mit seiner „Antwort“ auf den Plan getreten ist, habe ich dafür gesorgt, daß urbi et orbi klar gemacht wird, wie unsagbar einsam – wirklich mit Recht einsam – Hirsch dasteht, wenn doch ganz und halb verständige Theologen in so großem Ausmaß Ihnen zustimmen. Diese bemerkenswerte Phalanx kann jetzt nicht mehr wegdiskutiert werden. Das jetzt mancher auf Stapels und Hinrichs neueste Ergüsse hin es mit der Angst zu tun kriegen mag, braucht einen nicht weiter zu beschäftigen. Hinrichs hat mir am 14.12 zu Stapels Brief im „Deutschem Volkstum“ Febr. 1935 geschrieben:„Sachlich bringt mein Brief ebensowenig wie seine erste Notiz in der Diskussion eine Förderung, so daß sich wohl ein Eingehen darauf erübrigt.“ Sicherlich sollten die Zuständekomplexe in der deutschen evangelischen Theologie und Kirche so sein, daß Sie und ich uns mit einem gar nicht einlassen. Aber der Mann hat nun mal einen großen Einfluß, den es zu brechen gilt. Wenn das äußerlich nicht gelingt – damit muß natürlich nach der Lage der Dinge gerechnet werden –, so bedeutet das etwas wie finis theologiae et ecclesiae. Man muß sich schon etwas pathetisch ausdrücken. Stapel und Hirsch, auftretend in derselben „Hanseatischen Verlagsanstalt“, loben sich gegenseitig in die Höhe. Und die früheren Todfeinde Gogarten (Details anzeigen) und E.M. Müller (Details anzeigen) treten zusammen mit ihnen auf. Für jeden Kundigen handelt sich bei solchen Bündnisse um nichts anderes als um politische Verbindung und Verfilzung, die durch allerlei Pseudotheologie, deren Meister gerade Stapel ist, vernebelt zu werden droht. Für die weniger Kundigen gibt es in solchem wüsten Nebel keine Klarheit mehr, wenn sie nicht durch deutliche Kampfworte aufgerüttelt werden, aber durch echte Kampfworte, wie sie nun gerade Ihnen zur Verfügung stehen. Unsereiner ist solchen Kampf und solchen Dienst der Sache schuldig. Und wenn jetzt allenthalben eine wirklichkeitsnahe Theologie verlangt wird – oft werden dabei olle Kamellen nur mit einer Etikette versehen –, nun, so dürfen sich gerade ThBl nach dem klaren Ruf Ihres Offenen Briefes am allerwenigsten einer rechten Wirklichkeitsnähe entziehen. Mit dem Sachlichen hängt das Taktische, das füglich im Dienste des Sachlichen steht, zusammen: Stapel und Genossen wollen den ThBl durch das traurige Mittel der politischen Denunziation – dabei hat Hirsch immer hin noch ein bißchen mehr Hemmungen als der im Grunde hemmungslose Stapel – den Garaus machen. Bevor ich mich in der Januar-Nummer für Stapel geäußert hatte – er hatte diese Nummer, wenn ich recht sehe, ziemlich verspätet zu Gesicht bekommen –, operierte er schon wieder mit neuen Giftpfeilen. Demgegenüber gibt es für das Weiterbestehen der ThBl nur eine erfolgreiche Methode: wir müssen uns wehren, ohne uns auch nur einen Augenblick zu verkriechen. Wenn Stapel dumm-dreist-frech die ThBl an die Seite des „Neuen Tage-| buchs“ usw. stellt, so darf man sich erst recht nicht verkriechen.

Bei meinem Bericht über das Echo Ihres Offenen Briefes habe ich mit Absicht die „Jüdische Rundschau“ vom 1.1.35 fortgelassen. Man kann nicht gut auch noch die jüdische Frage mit behandeln. Stapel hat dafür gleich das jüdische Organ genannt. Das mag zunächst auf sich beruhen. In den letzten Tagen haben sich, was wichtiger ist, noch mal zwei Schweizer Zeitungen geäußert. Einmal die „Basler Nachrichten“ vom 17.2., Literaturblatt zu Nn46, unter der Ueberschrift „Der religioese Sozialismus“; ein ganz ordentliche Referat schließt mit dm Satz: „Es sei der Brief allen denen empfohlen, die das genaue Bild der geistigen Lage unserer Zeit recht zu sehen sich bemühen.“ Und dann die „Neue Zürcher Zeitung“ vom 19.2. Nr. 291, die ein gutes Referat so schließt: „Wem |:(sic):| es um die Klärung der theologischen und weltanschaulichen Fragen geht, die den Hintergrund der Zeitereignisse bilden, darf man auf die Antwort gespannt sein, die Hirsch geben wird. Bis heute wissen wir nur, dass die Zeitschrift „Deutsches Volkstum“ daraufhin – |:die Th. Bl.:| wie |:übrigens:| auch die „Christliche Welt“ – politisch wegen „Emigrantenkolonie“ denunzierte!“ An ein kurzes Referat über meinen kleinen Aufsatz über Barth (Details anzeigen)/Kittel (Details anzeigen) ist folgender Schlusssatz gehängt: „Den einen bleibt die eigene Christlichkeit ganz unproblematisch, trotzdem ein politischer Wind ihre Segel schwellt. Für die andren ist das Verhältnis des christlichen Anforderungen des Staates das drückendste Problem. Jene haben die Macht des totalitären Staates für sich, diese das Wagnis des Glaubens.“

Aber nun zu Hirschs „Antwort“! Das Beste seiner Broschüre ist der gute Umschlag. Literarisch ist sein Offener Brief an Stapel ein mixtum compositum. Während Sie bei allem Gewicht einer Abhandlung einen wirklichen Brief geschrieben haben, hat das Hirsch überhaupt nicht fertig gebracht. Symptomatisch ist, daß Stapel schon im Voraus einen Dankbrief auf den an ihn gerichteten Brief geschrieben hat: ihm selbst ist offenbar der Hirsch'sche Erguß zu fade, sodaß er um die Wirkung bangt. Im übrigen ist es traurig-komisch – ich deutete das schon an –, wie sich diese beiden Leute gegenseitig in die Höhe loben. Was früher Hirsch und Holl (Details anzeigen) in diesem genre getan haben, das tun nun Hirsch und Stapel. Hirsch spielt den Mann, ist aber ein Weib. Zum Ganzen kann man nur sagen, daß er die Sache vernebelt und seine eigene Person demütig-hochmütig beweihräuchert. Sein Kampf gegen Ihre Zitate ist eine in der Sache gegenstandslose Mikrophilologie. Daß er, um nicht als von Ihnen abhängig zu erscheinen – halb gibt er's in allerlei Ihnen gewidmeten laudationes zu –, ruft er Fichte (Details anzeigen) als Ihren und seinen gemeinsamen Meister an (wobei dann noch nebenher ein Wort über ihren besonderen Meister Schelling (Details anzeigen) fällt). Das ist ein Kniff, der sein Kneifen verdecken soll. Es kommt nur drauf an, das Gefäß zu sehen, aus dem er seinen wässrigen Nebel nimmt. Auf S. 35 f hat er das Gefäß kurz gezeigt, indem er das allein entscheidend Wichtige in Klammern bringt:„Ich darf hier gleich anwendend bemerken: das in meiner Pflicht als deutscher Mann gegründete Verhältnis der Treue und Hingabe, in dem ich zu der Deutschland (Details anzeigen) jetzt erneuernden Bewegung und Macht stehe, hat darin seinen festen Halt und seine unverbrüchliche Heiligung, daß Führer und Bewegung und Regiment sich und das Volk unter den Herrn der Geschichte beugen, der uns alle zu Zucht und Ehre und Treue und Opfer und Wagnis im Ringen des Ganzen verpflichtet...“ Zu solchem Gerede ist jeder Kommentar eigentlich überflüssig. Man kann nur dreimal rufen: sic, sic, sic! Woher will der „deutsche Mann“, woher will gar der Theologe und Kirchenmann solchen „Glauben“ „unter Beweis stellen“? Woher will er den Vorwurf begegnen, daß er hier nichts anderen als einem irrigen politischen Urteil, besser Ressentiment folgt?! Unerhört oberflächlich ist Hirschs „Beweis“ für Deutschlands angeblich freie Theologie und Kirche, wenn er gegen Geismar-Kopenhagen auf §. 35 schreibt:„Ich hab zwischen meiner Stellung als Universitätslehrer im nationalsozialistischen Staat und als Lehrer und Prediger des Evangeliums noch keinen Widerstreit gemerkt, der mich gezwungen hätte, auf die erste zu verzichten.“ Ja, Herr Hirsch hat nichts, aber auch gar nichts gemerkt. Auf S. 55 läuft die sattsam bekannte Grammophonwalze, daß wir nun mit unserer christlich-deutschen Kultur vor dem Bolschewismus gerettet worden seien. Auf S.61 wird Hitler (Details anzeigen) als | der Mann eines „echten ehrlichen Gebetswortes“ hingestellt. Daß der Verkündiger des Evangeliums einen Menschen so beurteilen, so zu deuten unternimmt, ist nichts anderes als ein Sakrileg. Schließlich ist es dann nicht weiter verwunderlich, daß einer, der sich eines solchen Sakrilegs schuldig macht, zu sagen wagt: „So habe ich gar keine Sorge, daß je ein deutscher nationalsozialistischer Staatsmann das „eigentlich Christliche“ als einen Feind und Störer seines politischen Wollens ansehen werde...“ Das ist ein Sakrileg par excellence. Dabei ist peinlich verdächtig der Hinweis mit Anführungszeichen auf das „eigentlich Christliche“.

Vom Theologisch-Kirchlichen einmal abgesehen hat isch Hirsch in seinem Geleitwort recht gut einen „krummen Zililisten, der vermittelst des durchaus weiblichen Geräts der Schreibmaschine am geschichtlichen Geschehen Anteil nimmt“ genannt. Unerfindlich ist, warum die Schreibmaschine ein „durchaus weibliches Gerät“ sein soll. Ach, ich möchte einmal Hirsch gesehen haben, wenn er neben mir in Rußland (Details anzeigen) einen blutigen Sturmangriff hätte mitmachen sollen! Warum muß dieser keifende „krumme Zivilist“ so kriegerisch tun?

Daß er nicht die Unbekümmertheit hat, an Sie nun auch einen Offenen Brief zu schreiben, und daß er dabei Stapel zu seinem Beichtiger macht, ist eine klägliche Koketterie. Und Sie werden nun darauf verzichten können und müssen, ihm einen offenen Brief mit „Lieber Emanuel“ und „herzlichem Gruß“ zu widmen.

In summa: Ich schlage Ihnen vor, daß Sie mir sofort ein peinlich druckfertiges Manuskript schicken, das eine knappe, lapidare, scharfe Abfuhr für den herumspringenden, herumzappellnden, kreischenden Hirsch enthält. Ich werde mit dieser Abfuhr das theologische Publikum in der März/April-Doppelnummer der ThBl bekannt machen. In derselben Nummer wird Iwand-Riga (Details anzeigen) einen Aufsatz pro, aber dann auch Kontra Karl Barth (Details anzeigen) schreiben, dem er eine Haltung jenseits von Gesetz und Evangelium mit Recht vorhält. Bis dahin wird dann das März-Heft des „Deutsche Volkstums“ erschienen sein, wo sich ja wohl Herr Stapel noch einmal äußern dürfte. Vielleicht werde ich dann auch noch meinerseits ein kurzes Wort sagen. Implcite wird das Nötige in derselben Nummer der ThBl in meinem Vortrag (Bern (Details anzeigen), Dezember 1934) über „Reich, Kirche, Staat, Volk, eine sprachliche und biblische Erörterung“ zu lesen sein. Ich gehe dann sachlich auch auf Ihre briefliche Erörterung vom 23.1. ein. Zur vorläufigen Erläuterung heute nur noch dies: 1) „Dämonisch“ ist der Staat an sich: Röm. 13,1 wird von exousiai gesprochen und damit von den dämonischen Zwischenmächten; 2) hierzu muß klarer, als das bei Karl Barth geschieht, Stellung genommen werden, wenn man nicht einer doketischen Christologie und Ekklesiologie huldigen will.

Zum Schluß teile ich Ihnen noch etwas aus einem Briefe mit, den mir am 21.2. Landesbischof D. Th Wurm (Details anzeigen), Stuttgart (Details anzeigen), geschrieben hat: „Für die Zusendung der Nr. mit dem offenen Brief Tillichs an Hirsch bitte ich meinen besonderen Dank entgegennehmen zu wollen. Ich kann aus der Erfahrung der kirchlichen Praxis der entscheidenden These nur zustimmen. Wer hätte gedacht, daß wir einmal ein solches Repetiorium der Kirchen- und Dogmegeschichte bekommen würden wie heute? Keines der Probleme der Vergangenheit bis auf das Verhältnis der Confessoren und Lapsi bleibt und erspart; aber das ist auch das Große neben dem vielen Kleinen und Niederdrückenden“ Wurm (Details anzeigen) hat hier mehr gesagt, als er selbst schafft. Zum mindesten ist er in der Gefahr des turificatus, wenn nicht gar des libellaticus. Aber solche Leute wie den Wurm (Details anzeigen), der nun weitab ist von Hirsch, muß man stärken. Und dazu sollen Sie helfen.

Mit herzlichen Grüßen con Haus zu Haus

IhrK.L. Schmidt (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor?
2liegt nicht vor?

Register

a
bTillich, Paul
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t
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Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 182(30)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich vom 1. Dezember 1933
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Marie Feislein an Paul Tillich vom 12. März 1935

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 25. Februar 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10169.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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