Der editierte Text

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New York 606#, 22nd Street Dezember 1.

Ihr Lieben!

Unser erster Bericht ging etwa 10 Tage nach unserer Ankunft fort. Nun sind wir schon genau 4 Wochen hier und manches, was erster, überraschender Eindruck war, ist schon Gewohnheit geworden. Auch haben die Tage eine gewisse Regelmäßigkeit bekommen, sodaß es nicht mehr sinnvoll ist, Euch einen Bericht in zeitlicher Abfolge zu geben. An seine Stelle mag ein Querdurchschnitt durch unsre gegenwärtige Existenz treten.

Das wichtigste ist nach wie vor die Bemühung um die englische Sprache. Am besten geht es mit Erdmuthe (Details anzeigen). Sie ist in der Horace-Mann-Schule 1 und lernt dort das Englische rein mit dem Ohr, also nicht wie wir durch Bücher und auswendig lernen. Sie kann uns darum schon manchmal in der Aussprache korrigieren. Außerdem lassen wir ihr von 2 Lehrerinnen etwas Nachhilfeunterricht im Englischen geben. Sie ist vorläufig in der untersten Klasse, soll aber, sobald sie noch etwas mehr Englisch kann, in die nächsthöhere Klasse, die ihr eigentlich zusteht, versetzt werden. Ihr selbst ist das sehr schmerzlich, da sie sich schon an die entzückenden Kinder ihrer Klasse gewöhnt hat. Wir haben eine Freistelle mit einer kleinen Zuzahlung in der an sich sehr teuren Schule bekommen. Die Schule ist wundervoll in ihrer Art, Disziplin ohne Willensbrechung durchzuführen. Es gibt keine Bänke, sondern Tischchen mit Stühlen, oder die Kinder sitzen auf der Erde im Kreis um die Lehrerin herum. Die Kinder arbeiten teilweise jedes für sich, ohne daß eine Beeinträchtigung der sehr guten Disziplin entstünde, Spielstunden wechseln mit Arbeitsstunden ab, es wird viel gemalt und der ganze Unterricht scheint für alle Kinder ein reines Vergnügen zu sein. Ich hörte klagen, daß zu wenig wirkliches Wissen vermittelt würde, aber das können wir bis jetzt nicht beurteilen. Jedenfalls ist es für den Anfang das beste, was Erdmuthe (Details anzeigen) hätte finden können.

Erdmuthe (Details anzeigen) spielt viel mit dem 3 jährigen Jungen unseres alttestamentlichen Kollegen B e w e r (Details anzeigen), der ein Bonner Theologe ist 2 und in seiner Familie deutsch spricht. Im übrigen ist sie selig über den Fotografenapparat, den ihr ihre Patentante, Frau Wolfers (Details anzeigen), z.Zt. Yale-Universität (Details anzeigen), neulich geschenkt hat. Wir schicken Euch demnächst einige von ihr selbst aufgenommene Bilder on uns und unserer Umgebung.

Hannah (Details anzeigen) lernt Englisch vor allem durch Gespräche mit Professorenfrauen und 15 Studenten. Auch spricht sie viel mit der Negerfrau, die uns täglich 2 Stunden bedient. Hannah versteht schon einigermaßen Tischunterhaltungen u.s.w. Mir wird das am schwersten, dafür kann ich schon ganz gut wissenschaftliche Bücher lesen, weiß einige Vokabeln und beginne jetzt mit der Vorbereitung meiner englischen Vorlesungen. Ich habe täglich 2 Studenten und höre mehrere Vorlesungen, dazu Vorträge und Gottesdienste. Und doch ist es immer wieder schwer, englisch zu verstehen, weil die Laute so ganz anders sind, als alles, was man lernen kann. Ein Fehler ist, daß wir so viel unter Deutschen und deutsch sprechenden Leuten sind, und zuhause auch deutsch sprechen. Man müßte eigentlich von früh bis spät das Ohr an die feinen Differenzen der englischen Vokalisation gewöhnen.

| Neulich haben wir zum ersten mal den Kreis der new school for social research (Details anzeigen) bei einem englischen Diskursionsabend kennen gelernt. Es waren einige alte Bekannte dabei und wir saßen nachher noch lange zusammen. Die meisten dieser Professoren in dieser Fakultät, an die ich zuerst auch kommen sollte, wohnen weiter draußen in einer Art Kolonie zusammen. Doch sind wir ganz froh, da wir von vorneherein unter Amerikanern leben und in die sprzifisch amerikanischen Universitätskreise hineinkommen. Die new school muß noch um ihre Verwurzelung in der amerikanischen Bildungswelt kämpfen.

Neulich waren wir eingeladen bei dem größten amerikanischen Anthropologen, dem Prof. an der Columbia-University B o a s (Details anzeigen), ein fabelhafter Mensch, der ein Jahr mit einer Eskimofamilie in einer Schneehütte zusammengelebt hat, um die Eskimokiltur zu studieren. Er zeigte uns herrliche indianische Sachen. Wir überhaupt das Studium der sogen. Naturvölker hier noch im eigenen Lande betrieben werden kann. Es gibt im Südwesten noch Gegenden, wo sie ziemlich zahlreich und unangetastet leben. Hier haben wir noch keinen Indianer gesehen.

Neulich waren wir bei Hannahs (Details anzeigen) Verwandten, d.h. eigentlich bei der besten Freundin von Hannahs (Details anzeigen) Mutter. Sie zeigten uns das Geburtshaus und die Schule von Hannahs Mutter. Sie selbst wohnen auf der Höhe gegenüber dem mittleren Manhattan in herrlicher Lage am Hudson mit Blick auf den Hafen und die ganze Stadt.

Vor 2 Tagen war ich bei dem deutschen Generalkonsul, mit dem ich eine lange Unterhaltung hatte. Es ist hier großes Interesse für alle deutschen Dinge, besonders die kirchlichen. Es ist in den Kreisen der Professoren und Studenten das Hauptgesprächsthema. Was Ihr tut, ist für den ganzen Protestantismus von größter Wichtigkeit. Die theologische Problematik hier kommt meinen eigenen theologischen Problemen sehr entgegen. Die Krisis des soge. "sozialen Evangeliums",3 der eigentlichen Form des amerikanischen theologischen Liberalismus, ist die Voraussetzung für die gegenwärtige theologische Diskussion. In der Philosophie hat man ebenfalls starke Krisengefühle und weiß nicht recht, wohin man gehen soll. Man ist sehr gespannt auf meine Darstellung der Existentialphilosophie. Wahrscheinlich werde ich im Januar Vorträge in Chicago (Details anzeigen) haben. Gestern haben wir ein herrliches Stück amerikanische Landschaft kennen gelernt. Wir sind den Hudson aufwärts gegangen, am Ostufer zwischen Parks und Villen hindurch und dann am Westufer zurück zwischen schroffen Felsen und dem Wasser, das die Breite eines oberitalienischen Sees hat. Der Hudson ist geologisch mehr ein Meerbusen als ein Fluß. Er hat Ebbe, Flut und Wellen. Wir wurden auf dem Rückweg im Mondschein ganz eingefangen von dieser Landschaft, die uns europäisch, heimatlich berührte. Dazu dann allerdings das herrliche Lichtermeer von New York (Details anzeigen), auf das wir zugingen. An den Ufern überall Feuer mit lagernden Jungen und Mädchen, ganz wie deutsche Wandervögel. Am Meer waren wir noch einmal inzwischen, in einem als vornehm geltenden Badeort, fast eine Stunde von hier entfernt mit herrlichem offenen Ozean, aber einer völlig verhunzten Landschaft. Entsetzliche Gebäude, willkürlich hingesetzt, Teile des Strandes privatisiert, keine Spur von Einfühlung in die Landschaft. Man muß sehr weit fahren, um wirklich freie Meerlandschaft zu haben. Aber die Meerluft merken wir dauernd. Sie ist prikelnd, aufregend, ungeheuer weshselvoll. Gestern z.B. war noch neapolitanische Wärme, sodaß wir abend ohne Mantel am Fluß saßen, heute ist Frost und eisiger Wind.

| Die Stadt ist unsere immer wachsende Liebe und immer größere Versuchung Selbst Hannah (Details anzeigen) ist von ihr so gepackt, daß sie sich nur schwer entschließen konnte, heute diesen Brief zu schreiben, anstatt zum Times Square in ein Kino zu gehen. Wir haben inzwischen einiges Neue kennen gelernt. Die Südspitzue mit dem Blick auf die Freiheitsstatue4, Fähren und Schiffe bis hin aufs Meer. Die Brooklynbridge, die an 4 Seilen hängt, deren jedes aus über 5000 Drähten besteht und wo die Fußgängerbrücke hoch über der Schnellbahnbrücke und den Autos und Straßenbahnbrücken hingeht. Wir hatten bei dunstigem Wetter einen fatamorganahaften Blick auf die Wolkenkratzer der mittleren Stadt. Wir haben auch die Wallstreetgegend mit ihren Straßenschlünden und Bankwolkenkratzern kennen gelernt. Dann machten wir zu dreien eine Wanderung durch die Viertel, in denen die verschiedenen Nationen wohnen. Wir fingen an mit dem Türken-Armenier und Rumänenviertel, gingen dann durch italienische Quartiere zum Chinesenviertel, das eine in sich geschlossenen, wenn auch kleine Stadt darstellt und trotz einiger Aufmachung für Fremde höchst eigentümlich und faszinierend ist. Wir gerieten in ein echt chinesisches Lokal und aßen dort echt chinesisch, aber für meinen Geschmack nicht sehr beglükkend zu Mittag. Neben uns eine Gesellschaft von 20 bis 30 mit Stäben Reis essende Chinesen. Am erschütterndsten war der Eindruck der Riesenghettos, lange Straßenzüge ganz bedeckt mit Tischen für alte Sachen und durchflutet von ungeheuren Menschenmassen. Im Negerviertel, in das die Straßen, in denen wir wohnen, in ihrem Ostende sämtlich einmünden, waren wir einmal am Abend. Wir wurden von dem Berichterstatter einer großen Zeitung geführt, zuerst in ein großes Dinnerlokal, wo zum Dinner von 7 Uhr an eine äußerst prunkvolle Revue im Stile der ersten Jahre nach der ERevolution sich entwickelte. Als um 9 Uhr das Dinner zu Ende war, war auch die Revue aus und es wurde getanzt. Wir gingen in ein Vorort-Tanzlokal, in dem sich die gute Gesellschaft der näheren Umgebung ein Stelldichein gibt.

Von da in ein Negerkabaret, leider schon zu spät und kurz vor Schluß. Dann zuletzt in ein gewöhnliches besseres Aschinger (hier Childs genannt) in dem sich die ganz große Gesellschaft der fifth avenue nach ihren langweiligen Abendgesellschaften Sonnabend nachts von 3 Uhr an zu treffen pflegt. Das war vielleicht das Interessanteste äußerst prunkvoll, aber nicht so stilvoll wie teilweise in Frankf. (Details anzeigen) Wir waren auch in einer sogen. Burleske, die den kühnsten Pariser Fantasien nichts nachgibt, eine merkwüreige Sache für das Land der Puritaner. Die Kinos sind hiervuvielfach verbunden mit Varité und Revue. Außerdem gibt es im Film selber riesenhafte Revuesn. Wir sahen eine mit großen girls-Massen, die im Wasser die tollsten Figuren schwammen, (zum Schluß die amerikanische Flagge mit den Sternen, dazwischen kam einmal das Bild von Roosevelt (Details anzeigen),) und die mit einem fast unermeßlichen Aufwand an Mädchen, Wasserkünsten und raffinierter Aufnahmeart(teil-weise von oben, teilweise wie unter Wasser) ein kostspieliges Duplikat der üblichen großen Revue darstellten.

Gestern hörten wir den Troubadour5, gespieltvon der italienischen Operngruppe in Chikago (Details anzeigen), die bis zum Beginn der Metropolitan-Oper (Details anzeigen) im Januar hier zu volkstümlichen Preisen spielt. Es gibt charakteristischerweise in ganz Amerika nur 5 Opern-ensembles und auch die können sich nur mit Mühe halten. Dabei waren tausende von Menschen gestern in der Vorführung. Und wir waren beglückt von Musik und italienischer Sprache. Das Gebäude, ein Riesenzirkus mit fürchterlichem gold und rot, der goldenen Vorhang mit viel Plüsch und Schmus, die Dekorationen das vorsintflutlichste einer europäischen Schmierenbühne, aber 2 bis 3 der Sänger (Troubadour, seine Mutter, die Zigeunerin und Leonore) herrlich.

| Wir haben jetzt zum ersten Mal in den 4 Ferientagen die auf dem Thanksgivingtag, eine Art Ernetedankfest folgen, die beiden großen Galerieen gesehen. Zuerst das Metropolitan-museum (Details anzeigen), das in der ägyptischen und mykenischen Abteilung unglaubliche Schätze hat. In der Bildergalerie an die besten Stücke der europäischen {¿¿¿} Museen nicht heranreicht, aber doch einen breiten, guten Durchschnitt gibt, sogar einige sehr schöne von unseren geliebten primitiven Italienern hat.

Von dem unermeßlichen Museum, für Naturgeschichte (Details anzeigen), in das wir mit Erdmuthe (Details anzeigen) gingen, haben wir erst das unterste der 4 Stockwerke gesehen, Indianer und Seetiere. Beides gleich erstaunlich, bei den Indianern besonders die als Götterbilder geschnitzten Türpfosten, bei den Seetieren die Riesenfische, deren Existenz wir garnicht ahnten. Erdmuthe (Details anzeigen) war unermüdlich und sehr gründlich. Der Hauptvorzug dieser Museen ist die Anschaulichkeit und pädagogische Meisterschaft der Aufstellung. Ein 1000 fach vergrößertes Modell einer gewöhnlichen Mücke zeigte mir, daß ich mit Recht in jeder Mücke einen Dämon sehe. Es gibt kaum etwas Unheimlicheres. Für die Unterseetiere extra Räume mit verschiedenen Graden der Dunkelheit, je nach den Meerestiefen. Im Metropolitan-museum standen Beispiele der schönsten Gemmen hinter einem Vergrößerungsglas, sodaß man alle Einzelheiten genau erkennen konnte. Fabelhaft und für Hanna (Details anzeigen) fast zu unheimlich war der genaue Wiederaufbau zweier ägyptischen Grabkammern. Neben den Ausgrabungen viele Fotos, die den ursprünglichen Ort der Grabkammern in der Wüste und ihre Ausgrabung zeigten. Wir werden noch oft hingehen müssen, um die Fülle an Material zu bewältigen.

Die Amerikanische Geselligkeit zeigte sich uns bisher nur von der informellen Seite. "Informel" ist ein Ausdruck, der besaft, daß man zum dinner keinen Smoking anziehen soll und die Frau kein großes Abendkleid. Wir haben noch keine Gelegenheit gehabt, eine formelle Gesellschaft mitzumachen. Die Universitätskreise sind wohl im Zusammenhang mit der Krise, ausdrücklich aus Einfachheit eingestellt. Aber auch hier gibt es Unterschiede. New York ist in all diesen Dingen viel liberaler als die andern Universitäten.

Gewisse Dinge, die Euch dort Delikatessen sind, sind hier alltäglich, so z.B. Austern, die man am Bartisch essen kann, Artischocken, sogar Hummer (ein 1 pfündiger Hummer, gekocht kostet 41 Cents, o Eckart (Details anzeigen)!) Grapefruits, von denen wir jeden Morgen eine vor dem Kaffee essen ......

Interessant sind die amerikanischen Zeitungen. Wir haben die New Yorker times abonniert, die umfangreichste und best informierte Zeitung der ganzen Welt. Man erfährt sehr sorgfältige, objektive Bericht


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Horace Mann School, eine Privatschule, die auf der Vorbereitung für die Universität spezialisiert, wurde im Jahr 1887 gegründet.
2Tillich hatte hier falsche biographische Information berichtet. J.A. Bewer stammt tatsächlich aus Ratlingen, und hatte keine wissenschaftliche Verbindung zur Universität Bonn gehabt.
3Die "Social Gospel" Bewegung, vertreten durch Theologen wie Washington Gladden (1836-1918) und Walter Rauschenbusch (1861-1918) versuchte, das Christliche Evangelium mit den verbrennden sozialen Problemen des Tages zu verbinden, um eine christliche Ethik für die amerikanische Gesellschaft zu avancieren.
4English: Statue of Liberty
5Italienischer Oper (Il Trovatore) in vier Akten, komponiert von Giuseppe Verdi (1813-1901).

Register

aFarris, Erdmuthe
bFarris, Erdmuthe
cFarris, Erdmuthe
dBewer, Julius August
eWolfers, Doris
fYale University
gTillich, Hannah
hNew School for Social Research
iBoas, Franz
jTillich, Hannah
kTillich, Hannah
lChicago
mChicago
nTillich, Hannah
oFrankfurt am Main
pRoosevelt, Franklin D.
qChicago
rMetropolitan Opera Company
sMetropolitan Museum of Art, New York
tAmerican Museum of Natural History
uFarris, Erdmuthe
vFarris, Erdmuthe
wTillich, Hannah
xSydow, Eckart von

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/219(17)
Typ

Rundbrief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich ohne Datum, vermutlich aus dem Jahr 1931 oder 1932
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 25. Februar 1935

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich vom 1. Dezember 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10003.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10003.html |titel=Rundbrief von Paul Tillich vom 1. Dezember 1933 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=01.12.1933 |abruf=???? }}
L10003.pdf