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            <title>Rundbrief von Paul Tillich vom 1. Dezember 1933</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3229-6246">Ole Soldatow</name>
               <name key="https://orchid.org/0000-0003-4455-6804">Brach S. Jennings</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
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                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 649/219(17)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Rundbrief, maschinenschriftlich</p>
               </physDesc>
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         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <date when="1933-12-01">01.12.1933</date>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1928"><!-- EMPFÄNGER --></persName>
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__">Korrespondenz mit </ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L01522.xml">Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich ohne Datum, vermutlich aus dem Jahr 1931 oder 1932</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__" target="L10169.xml">Brief von Karl Ludwig Schmidt an Paul Tillich vom 25. Februar 1935</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L01253.xml">Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 16. Oktober 1933</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10004.xml">Brief vom Preußisches Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an Paul Tillich vom 20. Dezember 1933</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1933-12-01"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="OS" when="2025-03-26">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
         <change who="BJ" when="2026-08-26">Kommentare hinzugefügt, Weitere Persons and Places IDs
            hinzugefügt, Fehler korrigiert</change>
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   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline>New York 606#, 22nd Street <date when="1933-12-01">Dezember
                  1.</date></dateline>
               <salute>Ihr Lieben!</salute>
            </opener>
            <p>Unser erster Bericht ging etwa 10 Tage nach unserer Ankunft fort. Nun sind wir schon
               genau 4 Wochen hier und manches, was erster, überraschender Eindruck war, ist schon
               Gewohnheit geworden. Auch haben die Tage eine gewisse Regelmäßigkeit bekommen, sodaß
               es nicht mehr sinnvoll ist, Euch einen Bericht in zeitlicher Abfolge zu geben. An
               seine Stelle mag ein Querdurchschnitt durch unsre gegenwärtige Existenz treten.</p>
            <p>Das wichtigste ist nach wie vor die Bemühung um die englische Sprache. Am
               besten geht es mit <rs type="person" ref="#tillich_person_id__570">Erdmuthe</rs>. Sie
               ist in der Horace-Mann-Schule <note type="ea">Die Horace Mann School, eine
                  Privatschule, die auf der Vorbereitung für die Universität spezialisiert, wurde im
                  Jahr 1887 gegründet.</note> und lernt dort das Englische rein mit dem Ohr, also
               nicht wie wir durch Bücher und auswendig lernen. Sie kann uns darum schon manchmal in
               der Aussprache korrigieren. Außerdem lassen wir ihr von 2 Lehrerinnen etwas
               Nachhilfeunterricht im Englischen geben. Sie ist vorläufig in der untersten Klasse,
               soll aber, sobald sie noch etwas mehr Englisch kann, in die nächsthöhere Klasse, die
               ihr eigentlich zusteht, versetzt werden. Ihr selbst ist das sehr schmerzlich, da sie
               sich schon an die entzückenden Kinder ihrer Klasse gewöhnt hat. Wir haben eine
               Freistelle mit einer kleinen Zuzahlung in der an sich sehr teuren Schule bekommen.
               Die Schule ist wundervoll in ihrer Art, Disziplin ohne Willensbrechung durchzuführen.
               Es gibt keine Bänke, sondern Tischchen mit Stühlen, oder die Kinder sitzen auf der
               Erde im Kreis um die Lehrerin herum. Die Kinder arbeiten teilweise jedes für sich,
               ohne daß eine Beeinträchtigung der sehr guten Disziplin entstünde, Spielstunden
               wechseln mit Arbeitsstunden ab, es wird viel gemalt und der ganze Unterricht scheint
               für alle Kinder ein reines Vergnügen zu sein. Ich hörte klagen, daß zu wenig
               wirkliches Wissen vermittelt würde, aber das können wir bis jetzt nicht beurteilen.
               Jedenfalls ist es für den Anfang das beste, was <rs type="person" ref="#tillich_person_id__570">Erdmuthe</rs> hätte finden können.</p>
            <p><rs type="person" ref="#tillich_person_id__570">Erdmuthe</rs> spielt viel mit dem 3
               jährigen Jungen unseres alttestamentlichen Kollegen <rs type="person" ref="#tillich_person_id__210">B e w e r</rs>, der ein Bonner Theologe ist <note type="ea">Tillich hatte hier falsche biographische Information berichtet. J.A.
                  Bewer stammt tatsächlich aus Ratlingen, und hatte keine wissenschaftliche
                  Verbindung zur Universität Bonn gehabt.</note> und in seiner Familie deutsch
               spricht. Im übrigen ist sie selig über den Fotografenapparat, den ihr ihre
               Patentante, <rs type="person" ref="#tillich_person_id__2400">Frau Wolfers</rs>, z.Zt.
                  <rs type="place" ref="#tillich_place_id__767">Yale-Universität</rs>, neulich
               geschenkt hat. Wir schicken Euch demnächst einige von ihr selbst aufgenommene Bilder
               on uns und unserer Umgebung.</p>
            <p><rs type="person" ref="#tillich_person_id__1923">Hannah</rs> lernt Englisch vor allem
               durch Gespräche mit Professorenfrauen und 15 Studenten. Auch spricht sie viel mit der
               Negerfrau, die uns täglich 2 Stunden bedient. Hannah versteht schon einigermaßen
               Tischunterhaltungen u.s.w. Mir wird das am schwersten, dafür kann ich schon ganz gut
               wissenschaftliche Bücher lesen, weiß einige Vokabeln und beginne jetzt mit der
               Vorbereitung meiner englischen Vorlesungen. Ich habe täglich 2 Studenten und höre
               mehrere Vorlesungen, dazu Vorträge und Gottesdienste. Und doch ist es immer wieder
               schwer, englisch zu verstehen, weil die Laute so ganz anders sind, als alles, was man
               lernen kann. Ein Fehler ist, daß wir so viel unter Deutschen und deutsch sprechenden
               Leuten sind, und zuhause auch deutsch sprechen. Man müßte eigentlich von früh bis
               spät das Ohr an die feinen Differenzen der englischen Vokalisation gewöhnen.</p>
            <p><pb n="2"/>Neulich haben wir zum ersten mal den Kreis der <rs type="place" ref="#tillich_place_id__1920">new school for social research</rs> bei einem
               englischen Diskursionsabend kennen gelernt. Es waren einige alte Bekannte dabei und
               wir saßen nachher noch lange zusammen. Die meisten dieser Professoren in dieser
               Fakultät, an die ich zuerst auch kommen sollte, wohnen weiter draußen in einer Art
               Kolonie zusammen. Doch sind wir ganz froh, da wir von vorneherein unter Amerikanern
               leben und in die sprzifisch amerikanischen Universitätskreise hineinkommen. Die new
               school muß noch um ihre Verwurzelung in der amerikanischen Bildungswelt kämpfen.</p>
            <p>Neulich waren wir eingeladen bei dem größten amerikanischen Anthropologen, dem Prof.
               an der Columbia-University <rs type="person" ref="#tillich_person_id__235">B o a
                  s</rs>, ein fabelhafter Mensch, der ein Jahr mit einer Eskimofamilie in einer
               Schneehütte zusammengelebt hat, um die Eskimokiltur zu studieren. Er zeigte uns
               herrliche indianische Sachen. Wir überhaupt das Studium der sogen. Naturvölker hier
               noch im eigenen Lande betrieben werden kann. Es gibt im Südwesten noch Gegenden, wo
               sie ziemlich zahlreich und unangetastet leben. Hier haben wir noch keinen Indianer
               gesehen.</p>
            <p>Neulich waren wir bei <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1923">Hannahs</rs>
               Verwandten, d.h. eigentlich bei der besten Freundin von <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1923">Hannahs</rs> Mutter. Sie zeigten uns das Geburtshaus
               und die Schule von Hannahs Mutter. Sie selbst wohnen auf der Höhe gegenüber dem
               mittleren Manhattan in herrlicher Lage am Hudson mit Blick auf den Hafen und die
               ganze Stadt.</p>
            <p>Vor 2 Tagen war ich bei dem deutschen Generalkonsul, mit dem ich eine lange
               Unterhaltung hatte. Es ist hier großes Interesse für alle deutschen Dinge, besonders
               die kirchlichen. Es ist in den Kreisen der Professoren und Studenten das
               Hauptgesprächsthema. Was Ihr tut, ist für den ganzen Protestantismus von größter
               Wichtigkeit. Die theologische Problematik hier kommt meinen eigenen theologischen
               Problemen sehr entgegen. Die Krisis des soge. "sozialen Evangeliums",<note type="ea">Die "Social Gospel" Bewegung, vertreten durch Theologen wie Washington Gladden
                  (1836-1918) und Walter Rauschenbusch (1861-1918) versuchte, das Christliche
                  Evangelium mit den verbrennden sozialen Problemen des Tages zu verbinden, um eine
                  christliche Ethik für die amerikanische Gesellschaft zu avancieren.</note> der
               eigentlichen Form des amerikanischen theologischen Liberalismus, ist die
               Voraussetzung für die gegenwärtige theologische Diskussion. In der Philosophie hat
               man ebenfalls starke Krisengefühle und weiß nicht recht, wohin man gehen soll. Man
               ist sehr gespannt auf meine Darstellung der Existentialphilosophie. Wahrscheinlich
               werde ich im Januar Vorträge in <rs type="place" ref="#tillich_place_id__781">Chicago</rs> haben. Gestern haben wir ein herrliches Stück amerikanische
               Landschaft kennen gelernt. Wir sind den Hudson aufwärts gegangen, am Ostufer zwischen
               Parks und Villen hindurch und dann am Westufer zurück zwischen schroffen Felsen und
               dem Wasser, das die Breite eines oberitalienischen Sees hat. Der Hudson ist
               geologisch mehr ein Meerbusen als ein Fluß. Er hat Ebbe, Flut und Wellen. Wir wurden
               auf dem Rückweg im Mondschein ganz eingefangen von dieser Landschaft, die uns
               europäisch, heimatlich berührte. Dazu dann allerdings das herrliche Lichtermeer von
                  <rs type="place" ref="#tillich_place_id__781">New York</rs>, auf das wir zugingen.
               An den Ufern überall Feuer mit lagernden Jungen und Mädchen, ganz wie deutsche
               Wandervögel. Am Meer waren wir noch einmal inzwischen, in einem als vornehm geltenden
               Badeort, fast eine Stunde von hier entfernt mit herrlichem offenen Ozean, aber einer
               völlig verhunzten Landschaft. Entsetzliche Gebäude, willkürlich hingesetzt, Teile des
               Strandes privatisiert, keine Spur von Einfühlung in die Landschaft. Man muß sehr weit
               fahren, um wirklich freie Meerlandschaft zu haben. Aber die Meerluft merken wir
               dauernd. Sie ist prikelnd, aufregend, ungeheuer weshselvoll. Gestern z.B. war noch
               neapolitanische Wärme, sodaß wir abend ohne Mantel am Fluß saßen, heute ist Frost und
               eisiger Wind.</p>
            <p><pb n="3"/>Die Stadt ist unsere immer wachsende Liebe und immer größere Versuchung
               Selbst <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1923">Hannah</rs> ist von ihr so
               gepackt, daß sie sich nur schwer entschließen konnte, heute diesen Brief zu
               schreiben, anstatt zum Times Square in ein Kino zu gehen. Wir haben inzwischen
               einiges Neue kennen gelernt. Die Südspitzue mit dem Blick auf die
                  Freiheitsstatue<note type="ea">English: Statue of Liberty</note>, Fähren und
               Schiffe bis hin aufs Meer. Die Brooklynbridge, die an 4 Seilen hängt, deren jedes aus
               über 5000 Drähten besteht und wo die Fußgängerbrücke hoch über der Schnellbahnbrücke
               und den Autos und Straßenbahnbrücken hingeht. Wir hatten bei dunstigem Wetter einen
               fatamorganahaften Blick auf die Wolkenkratzer der mittleren Stadt. Wir haben auch die
               Wallstreetgegend mit ihren Straßenschlünden und Bankwolkenkratzern kennen gelernt.
               Dann machten wir zu dreien eine Wanderung durch die Viertel, in denen die
               verschiedenen Nationen wohnen. Wir fingen an mit dem Türken-Armenier und
               Rumänenviertel, gingen dann durch italienische Quartiere zum Chinesenviertel, das
               eine in sich geschlossenen, wenn auch kleine Stadt darstellt und trotz einiger
               Aufmachung für Fremde höchst eigentümlich und faszinierend ist. Wir gerieten in ein
               echt chinesisches Lokal und aßen dort echt chinesisch, aber für meinen Geschmack
               nicht sehr beglükkend zu Mittag. Neben uns eine Gesellschaft von 20 bis 30 mit Stäben
               Reis essende Chinesen. Am erschütterndsten war der Eindruck der Riesenghettos, lange
               Straßenzüge ganz bedeckt mit Tischen für alte Sachen und durchflutet von ungeheuren
               Menschenmassen. Im Negerviertel, in das die Straßen, in denen wir wohnen, in ihrem
               Ostende sämtlich einmünden, waren wir einmal am Abend. Wir wurden von dem
               Berichterstatter einer großen Zeitung geführt, zuerst in ein großes Dinnerlokal, wo
               zum Dinner von 7 Uhr an eine äußerst prunkvolle Revue im Stile der ersten Jahre nach
               der <del rend="s">E</del>Revolution sich entwickelte. Als um 9 Uhr das Dinner zu Ende
               war, war auch die Revue aus und es wurde getanzt. Wir gingen in ein Vorort-Tanzlokal,
               in dem sich die gute Gesellschaft der näheren Umgebung ein Stelldichein gibt.</p>
            <p>Von da in ein Negerkabaret, leider schon zu spät und kurz vor Schluß. Dann
               zuletzt in ein gewöhnliches besseres Aschinger (hier Childs genannt) in dem sich die
               ganz große Gesellschaft der fifth avenue nach ihren langweiligen Abendgesellschaften
               Sonnabend nachts von 3 Uhr an zu treffen pflegt. Das war vielleicht das
               Interessanteste äußerst prunkvoll, aber nicht so stilvoll wie teilweise in <rs type="place" ref="#tillich_place_id__143">Frankf.</rs> Wir waren auch in einer
               sogen. Burleske, die den kühnsten Pariser Fantasien nichts nachgibt, eine merkwür<del rend="ow">e</del>ige Sache für das Land der Puritaner. Die Kinos sind hier<del rend="s">v</del>uvielfach verbunden mit Varité und Revue. Außerdem gibt es im Film
               selber riesenhafte Revuesn. Wir sahen eine mit großen girls-Massen, die im Wasser die
               tollsten Figuren schwammen, (zum Schluß die amerikanische Flagge mit den Sternen,
               dazwischen kam einmal das Bild von <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1640">Roosevelt</rs>,) und die mit einem fast unermeßlichen Aufwand an Mädchen,
               Wasserkünsten und raffinierter Aufnahmeart(teil-weise von oben, teilweise wie unter
               Wasser) ein kostspieliges Duplikat der üblichen großen Revue darstellten.</p>
            <p>Gestern hörten wir den Troubadour<note type="ea">Italienischer Oper (Il
                  Trovatore) in vier Akten, komponiert von Giuseppe Verdi (1813-1901).</note>,
               gespieltvon der italienischen Operngruppe in <rs type="place" ref="#tillich_place_id__781">Chikago</rs>, die bis zum Beginn der <rs type="place" ref="#tillich_place_id__1919">Metropolitan-Oper</rs> im Januar hier zu
               volkstümlichen Preisen spielt. Es gibt charakteristischerweise in ganz Amerika nur 5
               Opern-ensembles und auch die können sich nur mit Mühe halten. Dabei waren tausende
               von Menschen gestern in der Vorführung. Und wir waren beglückt von Musik und
               italienischer Sprache. Das Gebäude, ein Riesenzirkus mit fürchterlichem gold und rot,
               der goldene<rs rend="s">n</rs> Vorhang mit viel Plüsch und Schmus, die Dekorationen
               das vorsintflutlichste einer europäischen Schmierenbühne, aber 2 bis 3 der Sänger
               (Troubadour, seine Mutter, die Zigeunerin und Leonore) herrlich.</p>
            <p><pb n="4"/>Wir haben jetzt zum ersten Mal in den 4 Ferientagen die auf dem
               Thanksgivingtag, eine Art Ern<rs rend="s">e</rs>tedankfest folgen, die beiden großen
                  Galerie<rs rend="s">e</rs>n gesehen. Zuerst das <rs type="place" ref="#tillich_place_id__676">Metropolitan-museum</rs>, das in der ägyptischen und
               mykenischen Abteilung unglaubliche Schätze hat. In der Bildergalerie an die besten
               Stücke der europäischen <unclear reason="illegible">¿¿¿</unclear> Museen nicht
               heranreicht, aber doch einen breiten, guten Durchschnitt gibt, sogar einige sehr
               schöne von unseren geliebten primitiven Italienern hat.</p>
            <p>Von dem unermeßlichen <rs type="place" ref="#tillich_place_id__1918">Museum, für Naturgeschichte</rs>, in das wir mit <rs type="person" ref="#tillich_person_id__570">Erdmuthe</rs> gingen, haben wir erst das unterste der
               4 Stockwerke gesehen, Indianer und Seetiere. Beides gleich erstaunlich, bei den
               Indianern besonders die als Götterbilder geschnitzten Türpfosten, bei den Seetieren
               die Riesenfische, deren Existenz wir garnicht ahnten. <rs type="person" ref="#tillich_person_id__570">Erdmuthe</rs> war unermüdlich und sehr gründlich. Der
               Hauptvorzug dieser Museen ist die Anschaulichkeit und pädagogische Meisterschaft der
               Aufstellung. Ein 1000 fach vergrößertes Modell einer gewöhnlichen Mücke zeigte mir,
               daß ich mit Recht in jeder Mücke einen Dämon sehe. Es gibt kaum etwas Unheimlicheres.
               Für die Unterseetiere extra Räume mit verschiedenen Graden der Dunkelheit, je nach
               den Meerestiefen. Im Metropolitan-museum standen Beispiele der schönsten Gemmen
               hinter einem Vergrößerungsglas, sodaß man alle Einzelheiten genau erkennen konnte.
               Fabelhaft und für <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1923">Hanna</rs> fast zu
               unheimlich war der genaue Wiederaufbau zweier ägyptischen Grabkammern. Neben den
               Ausgrabungen viele Fotos, die den ursprünglichen Ort der Grabkammern in der Wüste und
               ihre Ausgrabung zeigten. Wir werden noch oft hingehen müssen, um die Fülle an
               Material zu bewältigen.</p>
            <p>Die Amerikanische Geselligkeit zeigte sich uns bisher nur von der
               informellen Seite. "Informel" ist ein Ausdruck, der besaft, daß man zum dinner keinen
               Smoking anziehen soll und die Frau kein großes Abendkleid. Wir haben noch keine
               Gelegenheit gehabt, eine formelle Gesellschaft mitzumachen. Die Universitätskreise
               sind wohl im Zusammenhang mit der Krise, ausdrücklich aus Einfachheit eingestellt.
               Aber auch hier gibt es Unterschiede. New York ist in all diesen Dingen viel liberaler
               als die andern Universitäten.</p>
            <p>Gewisse Dinge, die Euch dort Delikatessen sind, sind hier alltäglich, so
               z.B. Austern, die man am Bartisch essen kann, Artischocken, sogar Hummer (ein 1
               pfündiger Hummer, gekocht kostet 41 Cents, o <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1887">Eckart</rs>!) Grapefruits, von denen wir jeden
               Morgen eine vor dem Kaffee essen ......</p>
            <p>Interessant sind die amerikanischen Zeitungen. Wir haben die New Yorker
               times abonniert, die umfangreichste und best informierte Zeitung der ganzen Welt. Man
               erfährt sehr sorgfältige, objektive Bericht</p>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__210">
                  <persName>Bewer, Julius August</persName>
                  <birth>
                     <date>1877-08-28</date>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1953-09-01</date>
                     <settlement>
                        <placeName>New York</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/116158972</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1640">
                  <persName>Roosevelt, Franklin D.</persName>
                  <occupation>Amerikanischer Politiker</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118602551</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1887">
                  <persName>Sydow, Eckart von</persName>
                  <birth>
                     <date>1885-09-05</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Dobberphul</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1942-07-01</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__37">Berlin</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Kunsthistoriker</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/117387010</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Eckart von Sydow (5. September 1885 – 1. Juli 1942) war ein deutscher Kunsthistoriker und Ethnologe. Er wurde 1912 in Halle promoviert und arbeitete anschließend in Berlin im Umfeld der Staatlichen Museen sowie als Publizist zur zeitgenössischen Kunst. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich der außereuropäischen Kunst zu, leitete die Kestnergesellschaft und veröffentlichte grundlegende Studien zur afrikanischen Plastik. 1933 trat er der NSDAP bei und erhielt eine Stelle an der Universität Berlin, wo er zur Kunst sogenannter „Naturvölker“ lehrte. Forschungsreisen nach Afrika prägten seine Arbeiten, die sich mit ethnologischen und kunsthistorischen Fragestellungen verbanden.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__2400">
                  <persName>Wolfers, Doris</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/1311087400</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Doris Wolfers (Lebensdaten unbekannt), geborene Farrer, war die Ehefrau von Arnold Wolfers, den sie 1918 heiratete, als dieser als Anwalt in St. Gallen tätig war. Mehr biographische Informationen sind derzeit nicht bekannt.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1923">
                  <persName>Tillich, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1896-05-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Rotenburg a. d. Fulda</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1988-10-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>East Hampton, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119096102</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Tillich (17. Mai 1896 – 27. Oktober 1988) war eine deutsche und später US-amerikanische Zeichenlehrerin, Malerin, Schriftstellerin und Modell. Aufgewachsen im Pfarrhaus ihrer Eltern in Rotenburg an der Fulda, absolvierte sie von 1912 bis 1916 eine Ausbildung an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und arbeitete ab 1919 als Zeichenlehrerin in Berlin-Neukölln. 1920 heiratete sie den Maler Albert Gottschow, von dem sie sich nach kurzer Ehe und einem persönlichen Schicksalsschlag wieder trennte. 1924 ging sie die Ehe mit Paul Tillich ein, mit dem sie in Marburg, Dresden und Frankfurt lebte und 1933 in die USA emigrierte. Nach der Geburt zweier Kinder nahm sie Mitte der 1930er Jahre ihre künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer autobiographischen Schrift From Time to Time (1973), in der sie offen über ihr Leben und ihre Ehe berichtete; eine deutsche Ausgabe erschien erst 1993.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__570">
                  <persName>Farris, Erdmuthe</persName>
                  <birth>
                     <date>1926-02-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__126">Dresden</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>2016-03-26</date>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/1168750431</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Erdmuthe Farris (17. Februar 1926 – 26. März 2016), geborene Tillich, war die Tochter des evangelischen Theologen und Religionsphilosophen Paul Tillich. Ihr familiärer Rufname lautete Mutie.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__235">
                  <persName>Boas, Franz</persName>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__143">
                  <placeName>Frankfurt am Main</placeName>
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                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q122166308</idno>
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                  <placeName>Metropolitan Museum of Art, New York</placeName>
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               <place xml:id="tillich_place_id__767">
                  <placeName>Yale University</placeName>
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                  <placeName>Metropolitan Opera Company</placeName>
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                  <placeName>American Museum of Natural History</placeName>
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                  <placeName>New School for Social Research</placeName>
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