Der editierte Text

| Berlin-Friedenau (Details anzeigen) am
21. IX 34

Sehr geehrter Herr Professor (Details anzeigen),

es ist nun fast 3/4 Jahr her seit ich Ihnen zuletzt schrieb und ich muß Ihnen für zwei Briefe 1 danken. Der letzte hat mich doch mehr getroffen als ich vorher dachte, obwohl ich schon lange nicht mehr an eine geistige Lösung zu hoffen gewagt hatte. Trotzdem glaube ich, daß dies nicht das letzte Wort in dieser Sache sein kann, nur sehe ich vorläufig auch keine Wege mehr.

Warum Sie es besser finden nicht her gekommen zu sein begriff ich zuerst nicht. Gestern hörte ich von Ihrer Schwester (Details anzeigen) den Grund, sie erzählte mir auch, wie {stark} alles auf Sie gewirkt hätte. Es wäre natürlich viel besser, Sie kämen doch und könnten sich einmal richtig persönlich wiedersehen, sie sagte, das hätten Sie auch vor nächstes Jahr. Dann werde ich wohl gerade an meiner Theologischen {Studienexamensarbeit} arbeiten ich werde mich jetzt beurlauben lassen und endlich richtig arbeiten. Daß ich ein Semester lang „Führerin“ sämtlicher Berliner Studentinnen war schrieb ich wohl, es| war wesentlich mehr Arbeit als die theolog. Fachschaft, aber auch viel befriedigender. Ich sollte dann den ganzen Kreis übernehmen, auch alle Fachschulen, lehnte aber ab, weil ich es neben dem Studium nur auf Kosten von Gesundheit u. Nerven gekonnt hätte. Am schwersten hatte ich es mit den 150%igen und manchen Studenten-Kucken, die sich als Kenner der Schöpfung gebärdeten, die meisten waren aber vernünftig.

Sonst geht es uns besser, als Sie vielleicht denken, allerdings haben wir uns vermindert und neu ergänzt. Wenn ich schreiben würde „uns geht es gut, aber seltsam oder absolut heimatlos“, wäre es doch immer noch etwas schief. Uns geht Es, das Ziel, genau das gleiche wir früher, {voder} allem was inzwischen geschehen und nicht geschehen ist. Auf den ersten Blick würden Sie „uns“ vielleicht unpolitisch finden, das kommt von einer gewissen Haltung, eher wie 1. Kor. 4 29 f, die viele haben. Karl Heim (Details anzeigen) sagte| in seinem letzten Kolleg über {Ethik} diesen Sommer, angesichts der Situation der evangelischen Kirche solle man nicht tanzen. Sie können sich sicher vorstellen, wie dies viele bewegte, zumal wir mitten in den letzten Semesterfeierlichkeiten standen und Heim (Details anzeigen) seine Ethik im Auditorium {Maximum} unter gespannter Aufmerksamkeit las, oder besser predigte. Er begründete diese Strenge mit einem Bild aus dem Weltkrieg, es müssten alle Seitenposten preisgegeben werden und es ginge darum, uns noch die eine, wichtigste Stellung zu halten, alles darauf zu konzentrieren. „Wir“ haben uns später darüber unterhalten und seine Mahnung nicht befolgt. Wir tanzen, singen, marschieren, schulen und werden geschult, nur alles wie 1 Kor. 29 f und das geht sehr gut, vor allem leisten einige dabei viel und wir denken auf diese Weise jedenfalls hier und dort unentbehrlich zu werden. Sie finden das hoffentlich nicht zu bescheiden, denn das möchten wir nicht sein und sind es jedenfalls im persönlichen Leben nicht. | Leicht zu überwinden sind ja alle die, für die wir tausend Namen haben, die die Synthese schon unter dem Fußboden machen, manche von „uns“ nennen sie die {Schlafbamper}, wobei die Lautmalerei nicht aus Humor, sondern aus Ekel stammt. Ungemein schwer wird mir die Auseinandersetzung mit den klugen, überlegenen, persönlich edlen und fähigen Anhängern von Nietzsche (Details anzeigen) u. vor allem George (Details anzeigen), die so imponierend geradlinig und trotz einer gewissen Massenverachtung optimistisch und zielstrebig sind.

Jedenfalls kann ich gut verstehen, daß Sie im Geiste hier alles miterleben und alles verfolgen. Es ist ja so wunderbar lebendig bei uns, ich wäre totunglücklich, wenn ich auch wir ein Jahr aus unserem Deutschland (Details anzeigen) weg müsste, alle anderen Länder kommen mir tot gegen uns vor. Das Buch von E. Hirsch (Details anzeigen) habe ich mit großer Spannung u. oft Aufregung gelesen. Es stammt doch nicht nur die Kairoslehre von Ihnen, viel {mehr} es ist ganz unbegreiflich, wie er das tun konnte. Und in dieser Wiese. Nun muß ich aber schlafen.


Fußnoten, Anmerkungen

1liegen nicht vor

Register

aBerlin-Friedenau
bTillich, Paul
cSeeberger, Elisabeth
dHeim, Karl
eHeim, Karl
fNietzsche, Friedrich
gGeorge, Stefan
hDeutschland
iHirsch, Emanuel
jVielhaber, Erika

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 201(4)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Erika Vielhaber an Paul Tillich vom 21. September 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10065.html, Zugriff am ????.

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