Der editierte Text

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Lieber Onkel Paul (Details anzeigen),

Nun kommt endlich der Brief, den ich Dir schon lange schreiben wollte, aber immer nicht dazu gekommen bin.

1933 ist vergangen und mit ihm das erste Jahr Hitlers (Details anzeigen), das ein großer gewaltiger Umschwung in der Deutschen Geschichte bedeutet, wie wir es ja alle gefühlt haben.

Auch Weihnachten ist vorbei, das, wie immer, sehr schön war und wir haben alle sehr viel geschenkt bekommen. Ich habe unter anderem ein Buch bekommen, das einen fabelhaften Wert hat und direkt ein Kunstwerk ist. Diese Buch hat eine Vorgeschichte: Im Herbst war in Berlin (Details anzeigen) die Ausstellung < die Camera >, die Photo Druck und Reproductionen zeigte. Und auf dieser lernte ich einen Doktor (Details anzeigen) kennen, der der Erbe der Glücksstadter (Details anzeigen) (Universität) Buchdruckerei Augustin ist (kennen lernte) ist, die ihre Bücher in allen Sprachen der Welt druckt, also Griechisch, türkisch, {koptisch}, russisch, siameisch [sic!] hottentotisch und viele andere. Dieser Professor (Details anzeigen) lehrt drei Monate in Paris (Details anzeigen), als noch einziger Reichsdeutsche, die orientalischen Sprachen. In der übrigen Zeit ist er meistens auf Reisen. Er ist zum| Beispiel mit den Zigeunern durch die Pyrenäen gezogen, um ihre Sprache zu lernen und hat mir erzählt, daß er 12 lebendige Sprachen sprechen kann. Er war (zum) bei der nationalen Revolution in Amerika (Details anzeigen) und hat mir von der Meinung der Amerikaner über Deutschland (Details anzeigen) auch viel erzählt. Ich habe mich so mit ihm angefreundet, daß ich von ihm allerlei Bücher bekommen habe. Das letzte zu Weihnachten ist die Festschrift der Buchdruckerei (Details anzeigen), die voriges Jahr ihr 300jähriges Jubiläum feierte, die erst über das Werden und Wachsen und dann über die {Nationalfest} aller orientalischen und asischen Völker (spricht) in Deutscher und in der Sprache und Schrift der einzelnen Völker spricht. Es besteht aus echtem Japanpapier, jede Seite ist dreifach. – Wirklich ein Kunstwerk!

Nun will ich Dir etwas von meiner Schule erzählen: Sie ist für eine Schule sehr nett, sie ist erst vier Jahre alt und daher sehr modern und neu. Wir sitzen nicht mehr auf Bänken, sondern auf Stühlen, unsere Aula hat sogar eine Orgel. Unsere Lehrer kommen teilweise aus Auslandsschulen, so zum Beispiel unser Mathematiklehrer aus Argentinien (Details anzeigen) und Peru (Details anzeigen), unser Lateinlehrer aus den polnisch gewordenen Ostmarken, unser Physiklehrer aus China (Details anzeigen), unser Franzose aus Athen (Details anzeigen). Unser Deutschlehrer, der uns auch Geschichte und Religion gibt kennt Dich sogar, weil er oft in Kampen (Details anzeigen) | war. – Er heißt Studienrat Schwarzbeck (Details anzeigen).

Ich muß Dir die traurige Mitteilung machen, daß Studienrat Zitzke (Details anzeigen) infolge einer aufs Herz gegangener Grippe gestorben ist. Ich |:war:| tief erschüttert, als ich das hörte und wollte es erst gar nicht glauben. Er ist hier auf dem Mariendorfer Friedhof beerdigt.

Vati (Details anzeigen) hat viel zu tun gehabt, aber jetzt hat er sich Urlaub genommen und ist nach Storkow (Details anzeigen) zu {Mucksens} gefahren. Seine Arbeit gedeiht im vollem Maßen [sic!] . Eben habe ich zu Pfarrer Buchholtz Stühle geschafft, er hat einen offenen Abend veranstaltet, und sämtliche unteren Stuben sind voll von Menschen. Sein Geschäft blüht! Ebenso wie das Geschäft von seinen und Vatis Freunden in Dahlem.

Ich |:und mit mir der B. K:| stehe kurz vor der Eingliederung in die Hitlerjugend, die im Begriff ist Staatjugend zu werden, man sucht nur noch eine glückliche Form für diese zu finden. Sonntag haben wir hier im Gemeindehaus einen Familienabend, wo {Udo Schmidt} unsere Reichswart sprechen wird. Vorher ist von den den [sic!] B.K. Führern Sitzung in Dahlem. Die evangelische Jugend kämpft für eine rechte Einigung der Kirche auf dem Boden des wahren Evangeliums. Und sie kämpft auch in er Staatsjugend für dieses Ziel.–

Mutti (Details anzeigen) geht es auch gut, sie ist von der vielen Arbeit auch etwas abgespannt. Sie geht jetzt acht Tage zu Tante { Wietze von Quast}. Was sie bitter nötig hat. Heidi (Details anzeigen) und Waltraud (Details anzeigen) sind immer lustig und singen und lachen viel. Sie denken| viel an Erdmuthe (Details anzeigen). Ihre Photos haben uns sehr großen Spaß gemacht, und Waltraud (Details anzeigen) trägt ihre liebe Karte noch immer mit sich herum.

Großvati (Details anzeigen) ist immer noch sehr frisch; es geht ihm leidlich, wie er mir heute sagte. Weihnachten war er bei uns, und auch die beiden Feiertage.Eckehardt (Details anzeigen) wohnt ja bei ihm und ist jetzt Sturm-Flieger und dem Minister Goehring (Details anzeigen) untergeorndenet [sic!] .

In Teltow (Details anzeigen) geht es auch allen gut, die beiden Jungens haben eine kleine Halsentzündung gehabt, die aber jetzt vorrüber ist.

Tante M. L. (Details anzeigen) war erst bei ihrem Bruder und ist jetzt bei ihren Eltern in Kassel (Details anzeigen) und muß heute Abend zurückkommen, da ja morgen die Schule anfängt.

Viele Grüße an Tante Hannah (Details anzeigen) und Erdmuthe (Details anzeigen) von meinen Eltern und Geschwister [sic!] und sei selbst herzlich gegrüßt

vielen 1000 Dank für deinen Weihnachtsbrief und die Bilder, über die wir uns so sehr gefreut haben. Ich schreibe bald ausführlich. Heute soll erst einmal H. J. Brief {fort}. Andere Postsachen kamen nicht bis jetzt. Habt ihr alles von uns bekommen? Wir waren soviel bei Euch in Gedanken. Heut erwarten wir M. L. (Details anzeigen) aus den Ferien zurück.

Gruß und Kuß

Eure

Elisabeth (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin-Tempelhof
bTillich, Paul
cHitler, Adolf
dBerlin
eAugustin, Heinrich Wilhelm
fGlückstadt
gAugustin, Heinrich Wilhelm
hParis
iVereinigte Staaten von Amerika
jDeutschland
kOesau, 300 Jahre Buchdrucker in Glückstand: Festschrift, 1932
lArgentinien
mPeru
nChina
oAthen
pKampen
qSchwarzbeck, Studienrat
rZitzke, Studienrat
sSeeberger, Erhard
tStorkow
uSeeberger, Elisabeth
vSeeberger, Adelheid
wSeeberger, Waltraud
xFarris, Erdmuthe
ySeeberger, Waltraud
zTillich, Johannes Oskar
aaFritz, Eckehardt
abGöring, Hermann
acTeltow
adWerner, Marie Luise
aeKassel
afTillich, Hannah
agFarris, Erdmuthe
ahSeeberger, Hans-Jürgen
aiWerner, Marie Luise
ajSeeberger, Elisabeth

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/184(18)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Hans-Jürgen Seeberger an Paul Tillich vom 28. Mai 1934

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Hans-Jürgen Seeberger an Paul Tillich vom 2. Januar 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10024.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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