Der editierte Text

Mai 1910, Donnerstag, Fronleichnam.

Lieber Papa (Details anzeigen):

Nun ist die Fahrt ins Unbekannte vorbei und ohne erhebliche Unfälle (pneumatisch gemeint) überstanden; ich bin sehr froh darüber. Mittwoch Nachmittag angekomen ging ich zunächst ins Hospiz, dann auf die Universität. Nachmittag zu Eugen Kühnemann (Details anzeigen). Er war äußerst liebenswürdig, interessierte sich für die Arbeit, gab mir Ratschläge, etc. Abends war ich alleine und ging früh ins Bett. Donnerstag vormittag sah ich erst die Stadt an, dann die Fronleichnamsprozession, dann zu dem Dekan, Professor der Philosophie Baumgartner (Details anzeigen), katholischer Pfarrer, der über die Kürze der Zeit bedenklich war und mich warnte. Dann ging ich zum Hebräer Praetorius, der bei einem Tillich in Frankfurt verkehrt hatte (wahrscheinlich Großpapa) und ihn grüßen läßt. Er verlangt moderne historische Literatur, wenn irgend möglich, Hebräisch und Biblisch-Aramäisch. Dann gings zu dem Historiker, der die meisten Schwierigkeiten machte. Er verlangt moderne historische Literatur, Quellen, etc. wenigstens für ein bestimmtes Gebiet. Ich habe sofort an Hermann Witte (Details anzeigen) geschrieben. Alle sagten, daß das Mündliche schwer ist.

Ich hätte also zu bewältigen: 1. Geschichte der Philosophie [Lektüre von Kants (Details anzeigen), Plato (Details anzeigen), Schillers (Details anzeigen), (Eugen Kühnemann (Details anzeigen))], Logik, Psychologie. (Prüfung: 1 1/4 Stunde.) 2. Hebräisch. 3. Aramäisch (Prüfung: 1/2 Stunde.) 4. Geschichte (Prüfung: 1/2 Stunde).

In einem Monat ist das unmöglich; in zweien könnte ich es schaffen. Dann wäre Folgendes zu konstatieren: läßt die Berliner (Details anzeigen) Kommission die bestandene mündliche Prüfung gelten? Der Dekan sagte mir, dies wäre sehr wahrscheinlich, da die Promotion reine Formalität ist. Dann könnte ich Ende Juni ins Rigorosum. Geht es nicht, so verzichte ich. Geht es, so wäre das Problem des Uraramäischen leicht zu lösen. Onkel Horn ist nämlich guter Aramäer und wäre bereit, mir in den nächsten acht Tagen die Grundlagen so weit beizubringen, daß ich die aramäischen Stellen ohne Schwierigkeiten lesen kann. Ich würde dann noch acht Tage hier bleiben und Tag und Nacht Aramäisch ochsen, dann die nächsten drei Wochen in Berlin (Details anzeigen) Geschichte und in Böningen Philosophie.

Die Absendung der Arbeit und des Gesuches ist dann verschiebbar, bis ich in Berlin bin. Vielleicht mache ich sie auch so weit fertig, daß ich sie samt der Gesuche an Euch schicke, und Ihr dann dieses und Folgendes nach Breslau (Details anzeigen) sendet: 1. beglaubigte Abschriften des Abiturienten-Zeugnisses und meine Exmatrikeln. 2. Ein polizeiliches Führungszeugnis von der Zeit der letzten Exmatrikel bis jetzt.

Es kommt also alles darauf an, daß ich Gewißheit darüber habe, ob das bestandene Examen ohne Promotion genügt. Ich hoffe, daß Ihr das ohne Schwierigkeiten herausbekommen könnt. So lange will ich jedenfalls noch hier bleiben...

Euer treuer

Paul


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Johannes Oskar
bKühnemann, Eugen
cBaumgartner, Matthias
dWitte, Hermann
eKant, Immanuel
fPlaton
gSchiller, Friedrich von
hKühnemann, Eugen
iBerlin
jBerlin
kBreslau

Überlieferung

Signatur
Privatsammlung
Erstpublikation
Wilhelm und Marion Pauck: Paul Tillich. Sein Leben und Denken. Band I: Leben. Stuttgart / Frankfurt: Evangelisches Verlagswerk Stuttgart / Verlag Otto Lembeck Frankfurt/Main, 1978, 301-302.
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Breslau - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 19. Februar 1906
nächster Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 19. August 1913

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Johannes Tillich vom 26. Mai 1910, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01611.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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