<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="L01611.xml" xml:base="https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at" prev="L00273.xml" next="L00276.xml">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Paul Tillich an Johannes Tillich vom 26. Mai 1910</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</author>
                        <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0004-5500-0611">Sara-Sophie Rosenheimer</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1887-1933</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <msDesc type="manuscript">
               <msIdentifier>
                  <repository>Privatsammlung</repository>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, eigenhändig</p>
               </physDesc>
               <additional>
                  <listBibl>
                     <biblStruct type="monograph" n="firstPrint">
                        <monogr>
                           <author>Wilhelm und Marion Pauck</author>
                        <title>Paul Tillich. Sein Leben und Denken. Band I: Leben</title>
                           <imprint>
                              <publisher>Evangelisches Verlagswerk Stuttgart / Verlag Otto Lembeck Frankfurt/Main</publisher>
                              <pubPlace>Stuttgart / Frankfurt</pubPlace>
                              <date when="1978">1978</date>
                              <biblScope>301-302</biblScope>
                           </imprint>
                        </monogr>
                     </biblStruct>
                  </listBibl>
               </additional>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1887-1933.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl. https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <placeName ref="#tillich_place_id__506">Breslau</placeName>
               <date when="1910-05-26">26.05.1910</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1924">Johannes Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__1924">Korrespondenz mit Johannes Tillich</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1924" target="L00098.xml">Postkarte von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 19. Februar 1906</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__1924" target="L00361.xml">Postkarte von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 19. August 1913</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L00273.xml">Brief von Hermann Schafft an Paul Tillich vom 18. August 1909</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L00276.xml">Brief des Kuratoriums zur Vergabe des Säkularstipendiums an Paul Tillich vom 7. Juni 1910</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1910-05-26"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <opener>
               <dateline>
                  <date when="1910-05-26">Mai 1910, Donnerstag, Fronleichnam.</date>
               </dateline>
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1924" type="person">Papa</rs>:</salute>
            </opener>
            <p>Nun ist die Fahrt ins Unbekannte vorbei und ohne erhebliche Unfälle (pneumatisch gemeint) überstanden; ich bin sehr froh darüber. Mittwoch Nachmittag angekomen ging ich zunächst ins Hospiz, dann auf die Universität. Nachmittag zu <rs ref="#tillich_person_id__3122" type="person">Eugen Kühnemann</rs>. Er war äußerst liebenswürdig, interessierte sich für die Arbeit, gab mir Ratschläge, etc. Abends war ich alleine und ging früh ins Bett. Donnerstag vormittag sah ich erst die Stadt an, dann die Fronleichnamsprozession, dann zu dem Dekan, Professor der Philosophie <rs ref="#tillich_person_id__157" type="person">Baumgartner</rs>, katholischer Pfarrer, der über die Kürze der Zeit bedenklich war und mich warnte. Dann ging ich zum Hebräer Praetorius, der bei einem Tillich in Frankfurt verkehrt hatte (wahrscheinlich Großpapa) und ihn grüßen läßt. Er verlangt moderne historische Literatur, wenn irgend möglich, Hebräisch und Biblisch-Aramäisch. Dann gings zu dem Historiker, der die meisten Schwierigkeiten machte. Er verlangt moderne historische Literatur, Quellen, etc. wenigstens für ein bestimmtes Gebiet. Ich habe sofort an <rs ref="#tillich_person_id__2091" type="person">Hermann Witte</rs> geschrieben. Alle sagten, daß das Mündliche schwer ist.</p>
            <p>Ich hätte also zu bewältigen: 1. Geschichte der Philosophie [Lektüre von <rs ref="#tillich_person_id__1020" type="person">Kants</rs>, <rs type="person" ref="#tillich_person_id__1510">Plato</rs>, <rs ref="#tillich_person_id__1709" type="person">Schillers</rs>, (<rs ref="#tillich_person_id__3122" type="person">Eugen Kühnemann</rs>)], Logik, Psychologie. (Prüfung: 1 1/4 Stunde.) 2. Hebräisch. 3. Aramäisch (Prüfung: 1/2 Stunde.) 4. Geschichte (Prüfung: 1/2 Stunde).</p>
            <p>In einem Monat ist das unmöglich; in zweien könnte ich es schaffen. Dann wäre Folgendes zu konstatieren: läßt die <rs type="place" ref="#tillich_place_id__37">Berliner</rs> Kommission die bestandene mündliche Prüfung gelten? Der Dekan sagte mir, dies wäre sehr wahrscheinlich, da die Promotion reine Formalität ist. Dann könnte ich Ende Juni ins Rigorosum. Geht es nicht, so verzichte ich. Geht es, so wäre das Problem des Uraramäischen leicht zu lösen. Onkel Horn ist nämlich guter Aramäer und wäre bereit, mir in den nächsten acht Tagen die Grundlagen so weit beizubringen, daß ich die aramäischen Stellen ohne Schwierigkeiten lesen kann. Ich würde dann noch acht Tage hier bleiben und Tag und Nacht Aramäisch ochsen, dann die nächsten drei Wochen in <rs type="place" ref="#tillich_place_id__37">Berlin</rs> Geschichte und in Böningen Philosophie.</p>
            <p>Die Absendung der Arbeit und des Gesuches ist dann verschiebbar, bis ich in Berlin bin. Vielleicht mache ich sie auch so weit fertig, daß ich sie samt der Gesuche an Euch schicke, und Ihr dann dieses und Folgendes nach <rs ref="#tillich_place_id__506" type="place">Breslau</rs> sendet: 1. beglaubigte Abschriften des Abiturienten-Zeugnisses und meine Exmatrikeln. 2. Ein polizeiliches Führungszeugnis von der Zeit der letzten Exmatrikel bis jetzt.</p>
            <p>Es kommt also alles darauf an, daß ich Gewißheit darüber habe, ob das bestandene Examen ohne Promotion genügt. Ich hoffe, daß Ihr das ohne Schwierigkeiten herausbekommen könnt. So lange will ich jedenfalls noch hier bleiben...</p>
            <closer>
               <salute>Euer treuer</salute><signed>Paul</signed>
            </closer>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__2091">
                  <persName>Witte, Hermann</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/117420530</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hermann Witte (1882 – 1955) war ein deutscher Pädagoge. Er war als Studienrat tätig und leitete von 1918 bis 1923 die Volkshochschule in Königsberg. Später wurde er Oberstudiendirektor, jedoch 1933 aus dem Amt entlassen und anschließend wieder im Schuldienst eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er von 1946 bis 1948 als Stadtschulrat in Göttingen.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1510">
                  <persName>Platon</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118594893</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Platon (ca. 427 – 347 v. Chr.) war ein aus aristokratischem Athener Geschlecht stammender Schüler des Sokrates, der nach dessen Hinrichtung um 385 v. Chr. nordwestlich von Athen die Akademie gründete – die erste dauerhafte Philosophenschule des Abendlandes. In seinen dialogisch gestalteten Werken, von der Apologie bis zur Politeia und zum späten Nomoi, verband er sokratische Ethik mit der Lehre von den Ideen, entwickelte erstmals eine systematische Erkenntnis-, Seelen- und Staatsphilosophie und prägte damit bis heute sämtliche Strömungen der abendländischen Denkgeschichte.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__157">
                  <persName>Baumgartner, Matthias</persName>
                  <occupation>Deutscher Philosoph und katholischer Pfarrer</occupation>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__3122">
                  <persName>Kühnemann, Eugen</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/116589817</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1924">
                  <persName>Tillich, Johannes Oskar</persName>
                  <birth>
                     <date>1857-06-03</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Berlin, Deutschland</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1937-07-30</date>
                  </death>
                  <occupation>Pfarrer, Superintendent und Konsistorialrat</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/1168631602</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Johannes Oskar Tillich (1857 – 1937) war ein evangelisch-lutherischer Pfarrer und Theologe. 1885 hatte er Wilhelmina Mathilde Dürselen geheiratet, die 1903 verstarb. Seine erste Pfarrstelle hatte er in der lutherischen Gemeinde Starzeddel bei Guben, wo 1886 sein Sohn Paul geboren wurde. Johannes Oskar Tillich und Wilhelmina Mathilde Dürselen waren also die Eltern des evangelischen Theologen und Religionsphilosophen Paul Tillich. 1891 wurde Johannes Oskar Tillich Superintendent des Kirchenkreises Schönfließ in der Neumark, 1900 folgte seine Berufung nach Berlin, wo er zum Geheimen Konsistorialrat ernannt wurde.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1020">
                  <persName>Kant, Immanuel</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118559796</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Immanuel Kant (22. April 1724 – 12. Februar 1804) war der einflussreichste Denker des Zeitalters der Aufklärung und Gründungsfigur einer kritischen Denkweise. Aus bescheidenen Familienverhältnissen kommend und in pietistischer Tradition aufgewachsen, absolvierte er sein Studium in seiner Heimatstadt und baute dort ab 1770 eine akademische Karriere auf. Die intensive Auseinandersetzung mit Rousseau und Hume führte zur Entfaltung seiner drei Hauptwerke: das erste behandelt die Grundlagen der Erkenntnis und des transzendentalen Idealismus, das zweite formuliert eine Ethik basierend auf universalen Handlungsprinzipien, das dritte untersucht ästhetische Erfahrung und natürliche Zweckmäßigkeit. Durch diese Werke etablierte er ein philosophisches System, das Wissen, ethische Verpflichtung und organische Natur alle in der menschlichen Vernunft verankert, und wirkte damit prägend auf die nachfolgende idealistische Tradition und das zeitgenössische Denken.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1709">
                  <persName>Schiller, Friedrich von</persName>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__506">
                  <placeName>Breslau</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>51.10000 17.03333</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/3081368/</idno>
               </place>
               <place xml:id="tillich_place_id__37">
                  <placeName>Berlin</placeName>
                  <location type="coords">
                     <geo>52.52437 13.41053</geo>
                  </location>
                  <idno type="geonames">https://sws.geonames.org/2950159/</idno>
                  <idno type="wikidata">http://www.wikidata.org/entity/Q64</idno>
               </place>
               </listPlace></back></text>
</TEI>