Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 7. Dezember 1930 [PS]

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Der editierte Text

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Liebste Hannah (Details anzeigen)!

Es ist Sonntag Morgen. Ich liege im Bett, der Kaffee steht daneben, Annchen (Details anzeigen) hat zwei Adventslichter angezündet und einen Haufen Pfeffernüsse hingelegt. Es ist wie |:vor:| Weihnachten, als ich noch jung war. – Und nun strenge deinen psychoanalytischen Verstand an! Denn Folgendes ist passiert: Als ich gestern vor dem Krematorium1 das Auto suche, weil ich zum Bahnhof vorfahren mußte, merke ich plötzlich, daß ich im Wasser liege und mit der einen Hand Eis breche. Schon im nächsten Augenblick bin ich wieder draußen und stelle pu| delnaß fest, daß ich in ein Parkbassin geraten bin, das übergefroren war und genau so schimmerte wie die nassen Steine. Oben war ich ziemlich trocken, unten "wie aus dem Wasser gezogen". Ich beschloß trotzdem, nach Berlin (Details anzeigen) zu fahren und zog mich im Zuge etwa eine halbe Stunde lang um (z.B. statt der Unterhosen meine Pyjama-Hose etc.). Dann aß ich Abendbrot mit einem vorzüglichen Grok und war warm und ziemlich trocken. Am Bahnhof war Annchen (Details anzeigen), der ich die nassen Sachen gab mit Koffer; und ich selbst traf noch Karolus (Details anzeigen) mit einer Freundin von ihm und stärkte die Widerstandskraft gegen Erkältung durch Wein. Jetzt liege ich im Bett und warte bis Anna (Details anzeigen) meine Sachen gebügelt hat. – – – Und nun mach Du die Analyse!!|

Über die Rede kann ich noch nicht viel sagen. Versammelt war die gesamte Dresdner Gesellschaft und noch zahllose andere, die ich nicht kenne. Gehört habe ich nur von Bienerts, die mir alle sehr dankten, besonders Fritz (Details anzeigen). Ilse (Details anzeigen), die während der Rede des Pfarrers neben mir saß, konnte ich kaum hindern, loszutoben. Es war alles so banal. Robert (Details anzeigen), den ich von weitem ansah, schüttelte den Kopf über die protestantische Kirche. Als ich ins Auto stieg, kam noch Pfarrer (Details anzeigen) an und wollte das Manuskript haben. – Übrigens ist eine Totenmaske gemacht, die wir auch kriegen. In den ersten 24 Stunden soll er noch viel schöner gewesen sein.

Jetzt ist es 12 1 und ich liege immer noch. Das ist gut. Denn einmal muß der Motor ja abgestellt werden; selbst der vom Auto. Und "der Mensch ist kein Auto". Was macht dasselbe? Jetzt kommt Elisabeth (Details anzeigen) zum Essen und dann gehts zur Diskussion u.s.w. Mir gehen noch durch den Kopf all die Gestalten von dem Laumer-Abend2 bis gestern Abend. Welch eine Fülle – – Und Du bist die "Einzige" und wirst vielleicht später einmal verstehen, was das bedeutet.


Fußnoten, Anmerkungen

1Tillich hatte in Dresden (Details anzeigen) eine Grabrede anlässlich der Bestattung des am 3. Dezember 1930 verstorbenen Großindustriellen Erwin Bienert (Details anzeigen) gehalten.
2Das Frankfurter (Details anzeigen) Café Laumer auf der Bockenheimer Landstraße war ein beliebter Treffpunkt von Studierenden und Lehrenden der Universität. Die diskussionsreichen Abende und Nächte in jenem Traditionscafé galten gewissermaßen als verlängerter Arm des Hörsaalbetriebs.

Register

aTillich, Hannah
b???, Anna
cDresden
dBienert, Erwin
eBerlin
f???, Anna
gMennicke, Carl August
h???, Anna
iBienert, Friedrich
jUsener, Ilse
kUlich, Robert
lAé, Karl
mSeeberger, Elisabeth
nFrankfurt am Main
oTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Privatsammlung F. W. Graf
Typ

Brief, eigenhändig.

Postweg
Berlin - Frankfurt a. M.

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 7. Dezember 1930 [PS], in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01594.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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