Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich März 1921

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Der editierte Text

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Liebe Geliebte!

Tausend Dinge habe ich Dir im Geist geschrieben und nun wo ich auf dem Papier schreiben will, fliehen sie davon. Darum will ich nach wissenschaftlicher Art von außen nach innen dringen und Dir alles zeigen, was ich auf diesem Wege sehe. Zuerst dieses, dass Frl. Rudolf (Details anzeigen) nun doch gehen wird, und an ihre Stelle Tante Toni (Details anzeigen), unsere Pflegemutter seit 1904, treten wird; also die Jugend ersetzt durch das Alter, die Unreife durch die Sicherheit, die Sorge durch die Gemütlichkeit; aber in mir ist eine andere Sorge, ob es uns gelingen wird, sie in meine Lebensform einzufügen. Willig ist sie unbedingt, denn ich habe sie in schroffster Weise vor die Alternative gestellt, und sie hatte sogar ein freudiges Ja. Aber die Wirklichkeit ist ja doch anders. Jedenfalls habe ich mir volle Freiheit ausbedungen. – Meine äußere Lage ist nach wie vor schwierig. Die Scheidungsgerüchte und allerhand Klatsch, der sich daran hängt, z. B., daß ich ein Anhänger der „freien Liebe“ wäre, erfüllen die Fakultät, und ohne sie ist es schwierig weiterzukommen; nun will ich ja gar nicht im Sinne der Karriere weiterkommen, aber ich hätte gerne irgend eine finanzielle Sicherung, um ruhiger| arbeiten zu können. Ich werde wohl bald einmal aufs Ministerium gehen, um zu sehen was sich machen läßt. – Mein Körper hat doch begrenzte Kraft; die Überarbeitung an Plato (Details anzeigen) hat mich in Müdigkeiten versetzt, die z.B. auch das Schreiben an Dich gehindert haben, weil ich nur mit glühender Seele und jubelndem Leib an meine Geliebte denken mag. Es wird nicht zu Deinen Lasten gehören, meine Müdigkeiten zu tragen; oder sollte die Seele doch stärker sein, und wenn Deine und meine Glut sich mischen, auch mein Leib mehr Leben bekommen? – Berlin (Details anzeigen) bebt jetzt in Erotik; es ist die Zeit der Kostümbälle; und da Frl. Rudolf (Details anzeigen) und Egli (Details anzeigen) auf jeden gehen, so schlagen die Wellen an die Mauer meines Willens; aber mehr als Stücke haben sie noch nicht losreißen können. Ich habe überall hin Einladungen und Aufforderungen; aber ich sage alles ab; nur auf den Kunstgewerbeball will ich gehen, mit Deinem Schwesterchen (Details anzeigen), zu Deinem Gedenken.1 – – Der Kampf um den Eros ist furchtbar; mein Blut schreit nach Dir, mein Leib nach Erlösung, meine Jugend nach Vielheit. Und ich bin es nicht allein der kämpft.| Neulich war Anneliese Hamann (Details anzeigen) aus Rostock (Details anzeigen) da, die Medizinerin, von der ich Dir sagte, daß sie neben Greti (Details anzeigen) die einzige Frau wäre, für die ich außer Dir ein volles Ja haben könnte. Wir rangen einen Abend lang, mit Leib und Seele. Aber wir kamen zu keinem Sieg; müde, besiegt, zweifelnd, unerlöst, aber wissender um die Not des Lebens der Freien gingen wir auseinander. Es gibt nur wenige Frauen, die Männer erlösen können, und nur wenige Männer, die Frauen erlösen können. Diese sind gesucht; wenn sie sich aber nun einander finden, wo bleiben dann die Vielen, denen sie Erlöser sein könnten und müßten? ... Ich danke Dir, daß Du mir den Brief von und an Dürr (Details anzeigen) geschickt hast. Und so menschlich bin ich, daß ich eifersüchtig war, Worte und Wendungen von Dir, die ich als Gabe an mich in mir trage, dort wiederzufinden. Wehe unserer Liebe, wenn es anders wäre; noch mehr aber, wenn wir es dabei beließen und ein Besitzverhältnis daraus machten, und darum bin ich empirisch traurig, aber metaphysisch froh, daß Du Dürr (Details anzeigen) so viel von Dir gibst. Ich| habe mich am meisten über Deine Worte gefreut über das Verhältnis von Möglichkeit und Verwirklichung, von Korn und Frucht; es ist ein starker männlicher Geist, der dort aus Dir spricht, und mir zeigt, daß Du weißt, daß Schaffen nicht Erleben, sondern Formen ist. – Meine {¿¿¿} der drei – Liebe war zunächst bloß eine Phantasie der Sexualität; bei dem Gedanken darüber fand sich aber, daß es zu jeder Luststeigerung auch eine Seelensteigerung geben müsste, damit die Scham nicht folge; und dann wäre sie ja gerechtfertigt und würde das Symbol der Welt des „Anderen“, die in die Exklusivität der Ich- und-Du-Welt hineinragt; es müßte die höchste metaphysische Liebe sein, indem es in die Absolutheit die Vielheit und Relativität aufnähme, die der Dritte repräsentiert. Ob es aber empirisch möglich ist, das weiß ich nicht. – Ob Blüher (Details anzeigen) recht hat, das kann ich erst sagen, wenn ich Dich habe, und weiß, ob ich auch über Dich, die höchste Form des mir möglichen „Du“, hinaus muß, nicht zum Selbstrausch, zu sondern zur Hingabe an die lautere Einigkeit ohne Reflexion auf das eigene Ich. Aber: Ich weiß das noch nicht, und vielleicht – ist die Metaphysik des „Du“ überhaupt noch nicht geschaffen.


Fußnoten, Anmerkungen

1Dieser Brief lässt sich auf kurz vor Ende des Wintersemesters 1920/21, März 1921, datieren. Tillichs Klage über die Überarbeitung an Platon (Details anzeigen), die sich auf seine Vorlesung Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung der griechischen Philosophie (WS 1920/21) (Details anzeigen) bezieht, sowie der geplante Besuch des Kunstgewerbeballs, den er in Paul Tillich an Hannah Gottschow aus dem März 1921 [Mein Hannahchen!] (Details anzeigen) bereits als konkreten Freitagstermin nennt, legen nahe, dass dieser Brief im März 1921 verfasst wurde.

Register

aRudolf, Fräulein
bWinkler, Toni
cPlaton
dBerlin
eRudolf, Fräulein
fEgli, ???
gWerner, Marie Luise
hPlaton
iTillich, Vorlesung: Der religiöse Gehalt und die religionsgeschichtliche Bedeutung d..., 2003
jBrief von Paul Tillich an Hannah Gottschow von März 1921
kHamann, Anneliese
lRostock
mTillich, Margarete
nDürr, Erich
oDürr, Erich
pBlüher, Hans
qTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2(17)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt
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nächster Brief in der Korrespondenz
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Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow ohne Datum, vermutlich März 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01507.html, Zugriff am ????.

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L01507.pdf
erwähnte Briefe