Der editierte Text

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Geliebte Hannah (Details anzeigen)!

Aus unendlichen Fluten tauche ich langsam empor! Die letzte Woche war toll. Der Umzug dauerte zwei Tage, an einem gingen die Sachen, am andern kam das Stauen; und die Folgen werden noch Wochen dauern; mein Zimmer ist in der Substanz unverändert; Einzelheiten werden dauernd gearbeitet. An dem einen Fensterbehang näht ein Frl. Barbara Müller, Schwägerin von Christine Herrmann, Kunstgewerbeschneiderin schon drei Sonntage; aber es wird auch sein, aus meinem Französischem Schloßstoff. In der Uhrenecke hängt ein blaues Tuch; und die Chaiselongue-Decke ist roter Friese, dunkel und tief. Wenn morgens die Sonne hereinschaut, ist das Leuchten unbeschreiblich und berauscht mich fast. Die Kissen sind alle neun bezogen, und von Elisabeth habe ich herrliche gelbe Vorhänge bekommen. Nur einen Uhrentisch habe ich noch nicht; er sollte gestern gekauft werden; aber in 8-stündiger Arbeit haben Eckart (Details anzeigen) und ich nichts gefunden. Berlin (Details anzeigen) ist einfach ausverkauft; es ist furchtbar, wenn die einfachsten Dinge nicht mehr zu haben sind. So werden die Summen immer riesiger und das Volk immer ärmer. Der Transport von der Naumburgerstr. hierher hat 650 M gekostet. Ich war ganz erschlagen. -- Ich will trotzdem langsam | anfangen, die geliehenen Sachen durch eigene zu ergänzen. Gelegenheit muß helfen. Es ist ja nicht wahrscheinlich, daß Du je mehr als die paar allereigensten Sachen bringen wirst. Heut Nachmittag zieh ich noch einmal mal mit Eckart (Details anzeigen) los. Die Gardinenangelegenheiten hat M. L. (Details anzeigen) in die Hand genommen; aber es geht natürlich alles sehr langsam und nimmt mir rasend viel Zeit. -- Am Sonnabend war ich nach fester Tradition auf der Nachfeier zum Kunstgewerbeball. Ich war mit Margot Müller (Details anzeigen) gegangen und war den ganzen Abend mit ihr zusammen. Sie hatte ein Pagenkostüm an und sah süß aus. Es war ihr erster Ball; und es machte mir sehr viel Freude, sie hinzuführen; sie war entzückt und will oft gehen; sie tanzt glänzend und begeistert. Es ist viel Schauspielerblut sin ihr und sie wird nächstens Goldberg, meinem Mieter, einem anerkannt genialen Regisseur, vorspielen. Goldberg sagte mit Recht, daß die Kombination von Theologie und Theater nicht selten wäre; er selbst hat eine Buddha-Tragödie geschrieben. Aber in der Margot (Details anzeigen) sind noch zu viele Hemmungen. Es muß irgendwann ein Durchbruch in ihr erfolgen, wenn nicht die Hypertrophie des Intellekts es unmöglich macht. Ich vergleiche sie in Gedanken oft mit Dir, nicht in der lächerlichen Form einer Wertabschätzung, auch nicht in der Sphäre der Liebe, wo es für mich keinen | Vergleich mit Dir gibt, sondern rein sachlich. Und ich finde immer wieder die Formel, daß Du gewaltiger, sie geschlossener ist. Freilich ist sie noch jung, 21 Jahre. Aber viel reifer als üblich; und ihr scharf geschlossener Mund macht es unwahrscheinlich, daß sie sich je darin erheblich ändern wird. Ich bin ihr dankbar, daß sie in dieser Zeit der Vorbereitung auf Dich zu mir gekommen ist und jedes Zusammensein mit ihr die Sicherheit in Dir verstärkt. Ich habe jetzt wieder Ekstase oder Ekstäschen; meine letzte große Ekstase, an die ich immer denke, war der Dünen-Spaziergang mit Dir. Allein dieses Bild auf der Brücke mit Dir genügt, um alle Bälle und Schönheiten von Berlin (Details anzeigen) versinken zu lassen. -- -- -- -- -- --

Zu dem anthroposophischen Kursus habe ich 3 Einladungen bekommen; ich will Freitag zu der Theologensitzung gehen. Das Ganze hätte ich nicht geschafft, weil ich nach der letzten Woche zu erschöpft war. -- Dein Kommen über Berlin (Details anzeigen) scheint mir richtiger zu sein, als ein Treffen in einer dritten Stadt. Selbst wenn Du zweiter Klasse über Berlin (Details anzeigen) fährst, ist es immer noch billiger als wenn Du dritter direkt fährst | und wir einen Tag in einer fremden Stadt sind. Außerdem will ich Dich hier in meinem Zimmer haben, das Dein Zimmer ist, und das alle Dir schmücken müssen, Du Königin und Herrin! Bitte gib den rein mathematisch -- nicht einmal finanziell -- richtigen Gedanken auf, daß die gerade Linie der beste Weg ist! -- M. L. (Details anzeigen) sagte mir, daß Du nun doch wahrscheinlich später führest, da Deine Mutter krank wäre; mir ist alles Recht; nur nicht gerade während ich in Kassel (Details anzeigen) bin, (ca 27. März) An sich wäre mir je später desto lieber, damit Du nicht zu lange in Marburg (Details anzeigen) säßest und Deine seelischen Lasten vermehrt würden. Andrerseits darfst Du Deine Mutter nicht verletzen. Also sieh Berlin (Details anzeigen)nen guten Ausgang; aber auf alle Fälle über Berlin, und mindestens 3 Tage!

Ich will jetzt schließen, da ich weg muß zu Eckart (Details anzeigen) zum Einkaufen. Ich weiß Dir nichts zu sagen, als daß jedes Gefühl in mir gefärbt ist durch Liebe zu Dir, daß Dir alles gehört und -- ich alles von Dir verlange.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bSydow, Eckart von
cBerlin
dSydow, Eckart von
eWerner, Marie Luise
fHahl, Margot
gHahl, Margot
hBerlin
iBerlin
jBerlin
kWerner, Marie Luise
lKassel
mMarburg an der Lahn
nBerlin
oSydow, Eckart von
pTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.17
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01506.html, Zugriff am ????.

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