Der editierte Text

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Hannah (Details anzeigen), liebe Hannah (Details anzeigen)!

Tag für Tag ruft meine Seele nach Dir, und Tag für Tag sinnst sie über dem Rätsel unseres Schicksals. Die Primitivität ländlicher Verhältnisse, die kampflose Schönheit dieser Tage ließ mich einmal wieder unser Tun und Unterlassen unter den großen alten Begriff der Schuld stellen. Und ich dachte, wie andere Zeiten zu der Schuld standen. Sie suchten sie durch Buße zu überwinden, sei es durch überweltliche, wie die Katholiken, die sich Gott weihten, sei es durch innerweltliche, wie die Protestanten, die in der Lage blieben, in die sie durch ihre Schuld gebracht waren, und durch Leiden und Gehorsam führten. Wir fühlen ganz anders; wir haben den Willen zur Änderung, zur schaffenden Erneuerung der Dinge auch gegen die gegebenen Ordnungen, die uns nicht an sich heilig scheinen. Wir setzen die Buße in Aktivität um und in amor fati, in Bejahung des Schicksals, einschließlich der Schuld als eines Heiligen. Das ist nicht höher als das | Andere, ist nicht mehr und nicht schöner; aber es ist unser, und darum müssen wir es tun. Die Alten verzichteten auf das Glück der eigenen Lebensgestaltung; wir verzichten auf das Glück der Ruhe. Denn weil die Schöpfung immer zugleich Zerbrechen ist, so heftet sich an uns die Schuld wie der Schatten, und zwingt zu neuem Schaffen und neuem Zerbrechen u . s. f. Hannah (Details anzeigen)! Wenn wir uns je finden, so tun wir es um den Preis unserer Ruhe für immer. In Augenblicken der Müdigkeit möchte ich Dir oft zurufen: Bleib da! Aber in den Stunden wo ich mehr bin als ich selbst, da weiß ich, daß ich den Preis zahlen muß, und noch mehr, daß ich Dich, so weit an mir liegt, zwingen muß, ihn auch zu zahlen. -- -- Hannah (Details anzeigen), wenn Dir aus meinem anklagenden Brief an Dich etwas wie Wille zur Ruhe entgegenklang, so deute ihn nach diesem. Nur daß Du dieses willst, fordere ich von Dir!

Den nächsten Brief schreibe ich nach Gera (Details anzeigen). 1


Fußnoten, Anmerkungen

1Am oberen Rand des ersten Blattes nachgetragen.

Register

aTillich, Hannah
bTillich, Hannah
cTillich, Hannah
dTillich, Hannah
eTillich, Paul
fGera

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.17
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich aus dem Jahr 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01505.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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