Der editierte Text

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Karfreitag.

Hannah (Details anzeigen)!

Du hast mir den Osterbrief nicht leicht gemacht. Aber Deine letzten lieben Worte geben mir wieder Mut, zu Dir zu reden, ohne fürchten zu müssen, in ein wogendes Chaos zu sprechen, in dem alles verschlungen wird. Darum will ich mit einigem Sachlichen beginnen. Frl. Dr. Stern, Assistentin in der Kinderklinik war hier (s. den Brief an M. L. (Details anzeigen)) und sagte mir, daß man sich bei dem ersten Kind fast immer verrechnete und zu früh schätzte, und daß die Unruhe des Kindes in Dir nichts schadete. Über nachher sagte sie: Entweder nährst Du das Kind selbst; dann ist es, wenn es sonst gesund ist, durchaus im Stande, überallhin mitgenommen zu werden. (Wegen Sylt (Details anzeigen) will sie sich noch erkundigen.); wenn Du es nicht nährst, so könntest Du es ebensogut der Mutter (Details anzeigen) überlassen. Es stünde nichts im Wege, daß wir uns im Sommer schon treffen. -- Hab Dank für Dein Bild; es trägt den Stempel Deines Leidens und soll mir besonders wertvoll dadurch sein. Anbei mein Bild, in dem Du meine jetzige einzige Tätigkeit anschaulich sehen kannst. -- Und endlich die Bitte, sofort nach Ankunft der Bibel mir Bescheid zu geben, daß sie da ist; denn | ich beunruhige mich um sie; ferner schicke ich als Drucksache den Vortrag. -- Also Heidelberg (Details anzeigen) ist auch nichts geworden, und ich werde nun wohl lange hier bleiben; es war keine Enttäuschung, denn es wäre ein Wunder gewesen; aber es wäre |:für:| mich doch das schönste äußere Geschenk gewesen, das ich im Leben hätte erhalten können. Ich habe es aber objektiv nicht verdient. -- Ich muß nun sehen, daß ich mich hier innerlich und äußerlich völlig einrichte; und wenn es auch schade war um Heidelberg (Details anzeigen), so ist es mir doch wieder eine Hülfe mehr für uns, die das Schicksal gibt. Und darum bin ich zuletzt auch dankbar. Denn längst ist es so, daß Du die letzte Frage bist, auf die ich auch alle Berufsfragen beziehe. -- Ich habe inzwischen auch einigen anderen Menschen gesagt, daß ich sie „im Juli wieder anklingeln würde“, so daß ich in dieser Woche schon 4 Abende allein zu Hause bin; an den beiden anderen sind die Privatzirkelvorträge. -- Margot (Details anzeigen) habe ich seit Sonnabend noch nicht gesprochen; sie kommt Ostern, und wir wollen uns dann in alle Abgründe Deines großen Problems vertiefen; denn wir sind nie einen Augenblick zusammen gewesen, ohne {¿¿¿} vor Dir zu sein; und damit komme ich zu der Sache, die mich Tag und Nacht | beschäftigt.

Ich will versuchen, aus all dem, was in Deinem Briefe durcheinander wogt, die verschiedenen Hauptgesichtspunkte herauszuheben. -- Da ist als erstes und vielleicht wichtigstes unser Verhältnis zueinander; und da will ich gleich sagen: Wenn Du auch schwere Stunden dadurch gehabt hast, es war gut, daß das Idealbild, das Du von mir hattest, völlig zusammengebrochen ist. Das wäre es so wie so, und besser jetzt als später. In aller Gemeinschaft, am meisten in der Ehe, ist die Verzeihung eine konstante Funktion; wo sie fehlt (wie z.B. im Verhältnis Gretis (Details anzeigen) zu mir, die freilich das entgegengesetzte Ideal forderte)[,] da ist schon alles zerstört. Wenn Du mich mit Deinem christlichen oder heidnischen oder prophetischen Ideal vergleichst, und davon Deine Liebe abhängig machst, so tust Du nichts Besseres, als wenn ich Dich mit anderen Frauen vergliche, und darauf meine Liebe gründete. Beides müßte zu einem Zusammenbruch führen. Das Vergleichen ist berechtigt, aber in einer sekundären Sphäre, in derjenigen der gegenseitigen Erziehung, die aber erst auf Grund der besonderen Liebe möglich1 beides geben konnte: die Befreiung aus der vergifteten Atmosphäre einer unerfüllbaren Phantasie-Erotik, die Befreiung von einer Zwiespältigkeit in Bezug auf alle diejenigen, die von der Zeit des Suchens noch erotisch mit mir zusammenhingen und endlich und vor allem: die beruhigte und entschlossene Konzentration auf Dich. Dieses Dreifache nahm ich an und es hat dreifache Früchte getragen: Es hat mich erlöst von der wilden Sehnsucht der schweifenden Phantasie, die in ihrer qualvollen Raserei auch nicht davor zurückschreckte, Dich zu beflecken, es hat mir die Kraft gegeben, mich von allem frei zu machen, was mich zersplitterte; und es hat mir die Kraft und Sicherheit der Konzentration auf Dich gegeben, die Du in Bremen (Details anzeigen) so dankbar aufgenommen hast. Ich habe darum diese Beziehung nie anders denn als göttliche Gnade aufgefaßt, die mich davor bewahrt, daß meine Liebe zu Dir nicht verunreinigt wird durch wilde erotische Gier. Damit habe ich nur das eine gezeigt, daß dieses Verhältnis für mich der Weg gnadenreicher Sicherheit zu Dir geworden ist. Ja, ich kann lieben, und ich weiß es daran, daß ich mein Leben immer wieder zusammengerafft habe, wenn es zu zerfließen drohte.

bewirkt? Ist Schmerz überhaupt ein Gegengrund? Aber ich will das alles nicht dogmatisch behaupten; ich ringe wahnsinnig darum; und ich zweifle nicht: das Größte ist die vollkommene Einheit und zwar weil sie die vollkommene Wahrheit ist, weil es in jedem erotischen Vorgang Worte, Gebärden, Gefühle, gibt, die nur einmal ganz wahr sind. Ich gebe Dir also Recht, wenn Du das Ideal zeichnest.

Aber nun kommt um so stärker mein Protest, wenn Du aus dem Ideal ein Gesetz machst, wie es die Kirche getan hat. Liebe Hannah (Details anzeigen)! Unterschätze diesen Protest nicht; denn er geht weit über den gegenwärtigen Fall hinaus. Ich erkläre Dir feierlich, daß, wie sich auch Deine Entwicklung innerlich gestalten mag, ich nie mit Dir gehen, ja ich innerlich und äußerlich von Dir gehen würde, wenn Du versuchen würdest, mich wieder unter das Joch des gesetzlichen Christentums zu zwingen, dem ich in 20jährigem schrecklichen Ringen entronnen bin. Lieber als Heide in der Gosse verrecken, wie als korrekter Christ hinter den Gittern des verfluchten Gesetzes schmachten. Das sind keine Worte, das ist Blut, mit dem ich das schreibe. Und wenn Du in allem, was Du sagst, | Recht hast -- und fast in allem hast Du Recht -- und Du sagst es als Gesetz, so pfeife ich auf Deine Wahrheiten; einen Augenblick kleidete sich mein Zorn über Deine Gesetzlichkeit in den Gedanken: Ich werde mich beugen, damit sie sieht, daß ich es kann, und wenn ich es geschafft habe und sie will mir den Lohn geben, dann wurde ich mich umkehren und sagen: Nun hast Du mich verloren. -- Hannah (Details anzeigen)! Ich habe durch Dich gelernt, den Namen Gottes wieder zu gebrauchen, weil er in Deinem Munde nicht das Gesetz einer theoretischen Verkennung war, ich will auch aus Deinem Munde Worte wie Reinheit und Gewissen wieder lernen, aber nicht so, nicht so! Trittst Du mit einem gesetzlichen: „Du sollst!“ mir gegenüber, so wende ich mich mit einem heidnischen „ich will!“ von Dir ab. -- Ich hatte gehofft, daß Du Synthese sein könntest für die beiden großen Perioden meines Lebens, die christlich gesetzliche und die heidnisch-kämpfende; ich will diese Synthese verwirklichen. In dem Augenblick aber, wo Du auf die eine Seite trittst, treibst Du mich in die andere. Predigst Du mir Gesetz, so sei Dir bewußt, daß Du mich damit

Und nun das Dritte, das Mädchen selbst. Du sagst: Was eine Frau sagt, ist immer gleichgültig. In Wahrheit will sie den geliebten Mann besitzen und damit Schluß; durch alles andere wird sie entmündigt und es ist des Mannes Sache, sie vor sich selbst zu schützen. Ich weiß, daß Margot (Details anzeigen) größer ist: Nicht aus ihren Worten, aber aus ihrem Tun; daß sie mich zu Dir hingetrieben hat, daß sie, wenn ich bei Dir war, erfüllt war von Dir und mir als Einheit, daß sie Dich wahrhaft liebt. Du vergleichst das mit * Frede (Details anzeigen) und Dir; und ich sage Dir: Wenn Du * Frede (Details anzeigen) geholfen hättest in seinem Leid, und selbst durch ihn fröhlicher geworden wärst, und * Frede (Details anzeigen) hätte Dich und mich als Einheit geliebt, ich würde nicht sagen, daß dieses weniger gewesen wäre, als da Ihr Euch zurückhieltet. Es wäre mir ein Schmerz bei mir gewesen und dieser Schmerz ist die Wurzel dessen, was Eifersucht heißt; und ich weiß, daß auch Du diesen Schmerz fühlst, und ich weiß, daß Margot (Details anzeigen) ihn ständig fühlt. Und sogar ich, der ich anscheinend der Reiche bin, fühle ihn als den Schmerz der Begrenztheit. Aber ich frage Dich nun: Ist dieser Schmerz ein Grund, nicht zu tun, was ihn | rettungslos von Dir weg treibst. An diesem Punkt hatte Dein Brief meinen Geist verletzt, und darum ist es der Punkt, wo ich mich wehre mit jeder nur denkbaren Leidenschaft. Ich habe noch vieles dazu zu sagen; ich habe Dir noch manche einzelne Frage vorzulegen; aber ich will das Grundsätzliche nicht belasten mit Einzelheiten.

Ich will für heut abbrechen. Ich danke Dir, daß Du mich durch Deinen Brief im Tiefsten erschüttert und bewegt hast; das war meine Karfreitagspredigt. Nun wünsche ich, daß auch Ostergeist in Dich einströmen möge und die Gewißheit der Gnade, die auch uns geschenkt ist, Dich durchströmen möge. Alles was Du mir sagst, ist Gnade für mich, auch wenn ich mich wehren muß. Ich danke Dir auch wenn Du mich quälst, wie voriges Ostern mit Deinem wunden Leib, so dieses Ostern mit Deiner wunden Seele; denn all diese Wunden kommen ja aus der Liebe. Ich liebe Dich unsäglich und schreie nach Dir; aber ich muß das bleiben, was ich im Geist geworden bin unter tausend Qualen. Ich kann alles aus dem Lieben und aus der Liebe heraus, und ich will nichts aus dem „Du sollst“, das zum Tode führt.

Schreibe mir gleich, wenn dieser Brief angekommen ist; lies M. L. (Details anzeigen) vor, so viel Du willst.


Fußnoten, Anmerkungen

1Lücke in der Überlieferung; zwei Seiten (S. 4 und 5) fehlen.

Register

aTillich, Hannah
bWerner, Marie Luise
cSylt
dWerner, Louise
eHeidelberg (Deutschland)
fHeidelberg (Deutschland)
gHahl, Margot
hTillich, Margarete
iBremen
jTillich, Hannah
kTillich, Hannah
lHahl, Margot
mFritz, Alfred
nFritz, Alfred
oFritz, Alfred
pHahl, Margot
qTillich, Paul
rWerner, Marie Luise

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 14. April 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01498.html, Zugriff am ????.

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