Der editierte Text

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Ostseebad Sassnitz auf Rügen (Details anzeigen)
Haus Normann
den 7.7.33

Lieber Herr Cassirer (Details anzeigen)!

Zu der Liquidation unserer bisherigen Existenz1 gehört die Fürsorge für Studenten, die direkt und indirekt mitbetroffen sind. Vor allem natürlich jüdischer Studenten. Ich möchte Ihnen im Zusammenhang damit jemanden empfehlen, der einige Semester lang bei mir studiert hat und sich durch ungewöhnliche philosophische Begabung auszeichnete. Er brachte mir gleich, als er in seinem ersten Semester zu mir kam, eine Arbeit (Details anzeigen) über Hugo Dingler (Details anzeigen), die von grossem Scharfsinn zeugt und Beweis intensiver philosophischer Arbeit auf der Schule ist. Auch Kollege Messer (Details anzeigen) hat ein Gutachten2 darüber geschrieben, das ich Ihnen beilege.

Weinberg (Details anzeigen), ist berufsmässig Jurist, vom Referendar aber zurückgewiesen worden. Er promoviert jetzt in der philosophischen Fakultät und fragt, ob es irgend eine Möglichkeit für ihn gibt, draussen weiter zu arbeiten, da ihm hier ja jede Möglichkeit versperrt ist. Er meint, dass Sie vielleicht durch Ihre Beziehung zu Warburg die Möglichkeit hätten, ihm ein kleines Stipendium zu verschaffen. Ich wäre sehr froh, wenn das möglich wäre. Seine Adresse ist: Heinz Weinberg (Details anzeigen), Eysseneckstr. 4, Frankfurt a. M. (Details anzeigen)

Wie geht es Ihnen selbst? Unser gemeinsames| Auftreten in Halle (Details anzeigen) gehört ja nun in die Welt unmöglicher Vorstellungen.3 Wie geht es Ihrem Sohn (Details anzeigen), dem Altphilologen?

Seien Sie herzlich gegrüsst
Von
Ihrem

P. Tillich (Details anzeigen)


Lieber Saxl (Details anzeigen)!4

Ich will Ihnen den obigen Brief von T. (Details anzeigen) jedenfalls weitergeben – obwohl ich natürlich wenig Hoffnung hege, daß sich etwas in der Sache tun lässt.

Ich harre mit grosser Spannnung Ihrer Nachrichten – hat mein Brief nach Leyden (Details anzeigen) (postl.) Sie erreicht?

Mit herzlichen Grüssen an Sie u. Frl. B. (Details anzeigen)
Ihr
E. C. (Details anzeigen)

Fußnoten, Anmerkungen

1Ernst Cassirer (Details anzeigen) hatte bereits am 12. März 1933 Deutschland verlassen und sich am 5. April 1933 beurlauben lassen. Tillich war seinerseits auf Grund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 bis auf Weiteres beurlaubt worden, da er als "politisch unzuverlässig" galt.
2Liegt nicht vor.
3Tillich und Cassirer hatten an der Tagung der Kant-Gesellschaft zu Pfingsten 1933 in Halle teilgenommen. Siehe auch den Brief (Details anzeigen) Tillichs an Kurt Leese vom 20. Februar 1933.
4Handschriftliche Anfügung Ernst Cassirers (Details anzeigen).

Register

aSassnitz (Rügen)
bCassirer, Ernst
cCassirer, Ernst
dWeinberg, Das Geltungsproblem bei Hugo Dingler. Versuch einer Kritik, 1934
eDingler, Hugo
fMesser, August
gWeinberg, Heinz
hWeinberg, Heinz
iFrankfurt am Main
jHalle (Saale)
kBrief von Paul Tillich an Kurt Leese vom 20. Februar 1933
lCassirer, Heinrich Walter
mTillich, Paul
nSaxl, Fritz
oCassirer, Ernst
pTillich, Paul
qLeiden
rBing, Gertrud
sCassirer, Ernst

Überlieferung

Signatur
England, London, The Warburg Institute, Warburg Institute Archive, WIA GC 1933/394
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriftlichem Anhang Ernst Cassirers

Postweg
Sassnitz (Rügen) - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Ernst Cassirer vom 7. Juli 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01235.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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