Der editierte Text

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{Rio (Details anzeigen)} den 24.II.23.

Mein lieber Paul (Details anzeigen) !

Ich muß einmal wieder zu Dir kommen. beichten. Du bist eben doch immer der Einzige in meinem bisherigen Gesichtskreise ‒ seit Hans Rauh (Details anzeigen) starb ‒ zu dem von mir eine Brücke führt. Man hat ihn, oder man hat ihn nicht ‒ den Funken. Ach, daß es bei mir nur ein kleiner Funke ist! Das eben bedrückt mich, verwirrt mich. Ich las im Spengler (Details anzeigen), „Der Untergang des Abendlandes“, II. Teil (Details anzeigen). Etwa bis zur Mitte dieses Buches bin ich vorgedrungen: „Probleme der arabischen Kultur.“ (Details anzeigen) Und nun habe ich das Buch fortlegen müssen, weil der Kopf mir wirbelt. Was ist dies für ein wunderbarer Mensch? Ich fange an, mich zu begreifen. Zum wievielsten Male? fragst Du lächelnd. Das habe ich nicht gezählt; aber es kommt mit der Macht einer Vision über mich; jetzt halte ich den Schlüssel in Händen ‒ zu mir selbst! Was er mir offenbart, bereitet mir tiefen Schmerz. Da ist dieser unlösbare Widerspruch zwischen „der Welt der Wirklichkeit“ und „der Welt der Wahrheit“! Der „Funke“ ist da, gewißlich, unbestreitbar; aber er ist schwach, ist kraftlos, wird immer wieder verschüttet von der Asche der Dinge des| „wirklichen“ Lebens. Niemand weiß, wie ich gekämpft habe für mein „wahres Ich“ von Kind an, wie ich mich innerlich aufgebäumt habe gegen die Last der Anforderungen von außen! Immer habe ich die Wirklichkeit als Last, als Druck empfunden, habe ich darin gelebt, wie eine Fremde, ständig mit dem Gefühl der Überanstrengung Aufgaben gegenüber, die für die Welt um mich keine Aufgaben waren. Meine „Träume“ waren mein Lebenselement. Aber mein Verstand, dem ich oft fluchte, wollte die Aufgabe zwingen. Er lachte mich aus. Er peitschte mich auf. Er höhnte. Verstand ist immer greisenhaft. Er hat mich nicht jung sein lassen. Immer lief er neben mir her, sah mir zu, kritisierte. Und ich schämte mich. Ich verkroch mich in mich selbst. Ich wagte nicht, „ich“ zu sein. Ich habe nur immer gelitten. Nie war ich heiter. Immer schrie alles in mir nach Erlösung, Auflösung, Ausruhen von dieser unerhörten Anspannung. ‒ Da kam einmal Hans Rauh (Details anzeigen) in mein Leben, im Anfang noch, er war der Erwecker dieses „Ich“, und immer habe ich mich ganz unmittelbar als sein „Kind“ gefühlt; heute noch. Aber ehe ich ihn wirklich „erreichte“, starb er. Was dieser Mensch in meinem Leben bedeutet und welche1


Fußnoten, Anmerkungen

1Fortsetzung fehlt.

Register

aRio de Janeiro
bTillich, Paul
cRauh, Hans
dSpengler, Oswald
eSpengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte..., 1922
fSpengler, Probleme der arabischen Kultur, 1922
gRauh, Hans

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marburg, Philipps-Universität Marburg, Universitätsbibliothek Marburg, Deutsches Paul-Tillich-Archiv, 023 Rollfilm Nr. 3
Typ

Brieffragment, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Gerda Erdmann an Paul Tillich vom 10.04.1913

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brieffragment von Gerda Erdmann an Paul Tillich vom 24. Februar 1923, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00780.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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