Der editierte Text

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Lieber Paul (Details anzeigen)

Soeben bekam ich Deinen Brief1 und setze mich gleich hin, um zu antworten; – das heißt „soeben“ stimmt nicht ganz – ich fand dazwischen noch Zeit, meine Feder zum Färben zu bringen, was immerhin ganz wichtig ist. – Du siehst trotzdem, ich weiß die Ehre eines Briefes von Dir zu schätzen. Nun denke nicht etwa, daß ich „böse“ bin. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die „böse“ sein können; ich wunderte mich nur, und nachdem Du den Grund Deines langen Stillschweigens erklärt hast, bin ich befriedigt. –

| Ich habe mir vorgenommen, ganz gemütlich und weitschweifig mit Dir zu plaudern, und sollten's 50 Seiten werden. Ich besitze ja noch einige 20 Kopekenmarken, die dabei Verwendung finden können.

Zunächst muß ich Deiner Standpauke von ganzem Herzen zustimmen! Ich bin mittlerweile dahinter gekommen, daß ein solches „Universalstück“ höchst langweilig und – unkünstlerisch sein würde. (Ich höre Jemanden „Gottseidank“ sagen.) Eine ganze Reihe meiner „Ankündigungen“ habe ich bereits in die Ecke gestellt und werde das Drama, so gut es geht, als eine Übung für mich zu

| Ende führen. Etwas Komisches ist es auch mit den Menschen, die ich da reden und handeln lasse. Sie sind durchaus nicht fügsam und denken garnicht daran, sich in eine „typische Form“ hineinzwängen zu lassen. Im Gegenteil. Aus einer inneren Notwendigkeit heraus, sind sie gerade so, und so, und tanzen absolut nicht wie die Drahtpuppen am Seil. Also lieber Freund, die Gefahr „Typen“ zu schaffen, liegt fern von mir. Es werden Menschen aus Fleisch und Blut, die mitunter meine energische Mißbilligung sich gefallen lassen müssen, eben weil sie ihr eigenes Leben leben. – Der Stoff, und

| vielleicht auch der Hauptgedanke sind für ein Drama meines Erachtens trotzdem zu schwach, weil ich die Sache am falschen Ende angefangen hatte und durch die Handlung, die ich als Nebensache ansah, nur Gelegenheiten zur Äußerung verschiedener Ansichten geben wollte. Nachträgliche Ummodeleien können den richtigen frischen Saft und die Spannung nicht mehr hineintragen. Ich habe immerfort das Gefühl, daß „Ruth Anders“ besser ist, wenngleich das neue Stück breiter angelegt ist. –

Nun einige neue Mitteilungen. Dein Beichtkind im fernen

| Osten, hat große Sehnsucht nach dem Westen, und zwar noch ein Stück westlicher als Berlin (Details anzeigen); es beabsichtigt nämlich, in einiger Zeit nach Amerika abzuschwenken. Ob Nord- oder Süd-Amerika ist noch unentschieden. Du staunst? Du glaubst mir nicht? O, ich habe bereits die ersten Schritte unternommen, und meine Aktien stehen sehr gut. Es kommt da nämlich seit einiger Zeit hin und wieder ein Amerikaner in unser Kontor, ein großes Tier, Vertreter für den Außenhandel einer großen amerikanischen Gesellschaft. Diesen Mann, welcher mit meiner Firma Geschäfte machen will, sah ich ein paarmal

| durch das Glasfensterchen, welches ins Privat Kontor meines Chefs führt, und konstatierte, daß er mir sympathisch ist. So schrieb ich ihm einen kurzen Brief und bat ihn, mir behilflich zu sein, „da drüben“ anzukommen. Die Antwort kam prompt und versicherte mir, „man“ werde froh sein, mir zu helfen. So wanderte ich gestern nach dem Hotel Astoria (in Berlin (Details anzeigen) „Adlon“ od. „Esplanande“) und bekam einige Adressen von Firmen, an die ich mich wenden könnte. Mr. Ilsley (Details anzeigen) scheint sich bereits ein wenig für die Sache zu interessieren, und da er ein älterer Herr ist, werde ich mich bemühen, ihn noch mehr zu

| interessieren. (Bei einem jungen wäre das gewagt!) Well – was denkst Du? Natürlich reise ich nicht sofort. Bis zum nächste Frühjahr gedenke ich noch hier zu bleiben, erstens, weil ich noch viel zu wenig russisch kann, zweitens, weil ich zu Weihnachten Urlaub nehmen will um nach Berlin (Details anzeigen) „zu Besuch“ zu fahren, und drittens, weil ich kein Geld für die Reise habe. Wer aber wird für eine Korrespondentin die Kosten der Überfahrt aus eigener Tasche bezahlen?! Ich bin ziemlich überzeugt, daß mir mein Plan glückt. Wozu ist die Welt aber auch da, wenn ich sie nicht sehe?? Und schließlich ist es für mich ziem-

| lich egal, wo ich mich befinde. Eine „richtige“ Heimat habe ich nicht mehr, die hat man mit Hans Rauh (Details anzeigen) begraben. Denn nicht der Ort, sondern die Menschen sind unsere Heimat. Trotzdem ist es ein sicheres Gefühl, zu wissen, daß da in Berlin (Details anzeigen) meine Mutter (Details anzeigen) und Schwester (Details anzeigen) gewissermaßen immer auf mich warten. Daß sie mich immer mit offenen Armen empfangen werden, wann und wie ich auch zu ihnen kommen würde. Ich bin nicht sentimental – aber bei diesen Zeilen stiegen mir eben die Tränen auf; jetzt ist es schon wieder vorbei. – Und trotzdem – ich vermisse sie hier nicht. Weil's mir soweit gut geht, selbstverständlich.

| Ich bin gesund, habe keine allzu großen Sorgen und langweile mich nie. Sollte mir eine von diesen drei d reinen Äußerlichkeiten nicht vorhanden sein – bums wäre das Heimweh da! – Sonst aber, was meinen inneren Menschen anbetrifft, bin ich absolut isoliert in der Menge, die mich umgibt. Keine Möglichkeit sich zu verständigen. Und ich versuche es auch schon garnicht mehr. Ich besitze als Äquivalent eine für mich sehr wertvolle Eigenschaft: die Anpassungsgabe. Da man auf mich nicht eingeht, so gehe ich auf den anderen ein, ganz unwillkürlich. Und so bekomme

| ich aus dem Andern dies oder jenes heraus, was mir einen ziemlich tiefen Einblick in sein Wesen verschafft. Diese Anpassungsgabe wird mancher vielleicht mit „Charakterlosigkeit“ bezeichnen. Meinetwegen, nennt es so. Ich glaube daran, daß der Kern stark genug ist um sich gegen äußere Einflüsse zu behaupten und sich auszureifen in seiner Weise. – Gestern Abend, als ich von dem Amerikaner kam, bummelte ich so den Newski (Details anzeigen) herunter, nach Haus zu. Und während ich rechts und links fesche, buntfarbige Gestalten sah mit dickgeschmingten [sic!] frechen oder

| zahmen Gesichtern, fiel mir so allerhand zu aus der Luft her. Ich dachte an Amerika und daß es ja eben ganz gleichgültig ist, wo ich mich nun aufhalte. Ich bin meine Welt. Was gehen mich die Menschen im Grunde an? Ich meine die, die ich kenne. Und dann auch ganz allgemein genommen, es ist ja so furchtbar schnuppe, was der eine oder andere über mich denkt. Unsere ganze Welt der Sitten und Zeremonien ist ein großes Puppentheater. Und trotzdem mache ich mit. Ich belüge jedermann, weil er es ja so haben will und sich höchlichst wundern würde, wenn ich es

| nicht täte. Und dann ist es einem selbst auch schon zur Gewohnheit geworden, dieses ganze alberne Spiel. Angeboren, Anerzogen. Wie oft treffe ich mich dabei, wenn ich einen anderen verurteile, weil er meinetwegen auf den Boden spuckt oder mit dem Messer isst oder solcherlei „Verstöße“ mehr. Ach du liebes Himmelchen! Daß sich Menschen um solcher Mätzchen willen das Leben schwer machen können! –

Heute, als ich Deinen Brief las, dachte ich: Du bist eigentlich derjenige Mensch, der mir am nächsten steht auf der ganzen Welt! Das soll keine

| Liebeserklärung sein, wohl verstanden! Aber es ist tatsächlich so. Wem kann ich so aufrichtig schreiben, wie Dir, mit dem Bewußtsein, daß Du Dir die Mühe nimmst, Dich da hineinzudenken? Es ist schade, daß Du als wohlbestallter Pastor in Berlin (Details anzeigen) festsitzt und nicht mit mir zusammen in der Welt herumreisen kannst!!! Es wäre für uns beide recht schön. Zum Beispiel am letzten Sonnabend, in der Kasan'schen Kathedrale, das hätte Dich gewiß in einen Rausch versetzt! Denke Dir,

| eine riesige, kreuzförmige Kirchenhalle, an den Wänden prachtvolle dunkle Gemälde, schwere Goldra[h]men und gold- und silberne Geräte, hunderte und tausende von Perlen und kostbaren Steinen, in der Mitte der Halle Priester und Knaben in goldbrokatenen Gewändern, die Priester mit golden[en] Hauben, geschmückt mit blitzendem Gestein. Überall schwere silberne Leuchter mit vielen brennenden Kerzen. Und der ganze Raum angefüllt von einer schweigenden Menge, Kopf an Kopf, und in jeder Hand ein Buschen Weidenkätzchen mit

| einer langen, dünnen, brennenden Kerze darin. Denke Dir, in jeder Hand der tausendköpfigen Menge ein brennendes Licht! Und dazu ein fortwährender fast immer gleichmäßiger Gesang, ein Gesang, zusammengesetzt aus hellen Knabenstimmen und tiefem Männerchor. Immer ein Ton wird viele Male monoton wiederholt, und dann folgt ein höherer, sehr langgezogener Ton, der durch den gleichen tieferen Ton wieder ausgelöst wird. Feierlich ist das. So wird hier der Palmsonntag eingeweiht.

O ja, es geht mir eigentlich recht

| gut hier. Am Sonntag war ich in Terijoki (Details anzeigen) in Finnland, 11/2 Std. Bahnfahrt von hier, mit einem bekannten jungen Ehepaar zusammen. Wir gingen in einer sehr melancholischen grauen Abendstimmung am Meer entlang. Die ganze Bucht war noch vereist. Eine weite, starre, weißgraue Fläche, ohne Leben, ohne Bewegung; am Ufer große Schollen aufeinandergeschoben, – ein merkwürdiger Anblick. Hinten, wo die Festung Kronstadt (Details anzeigen) liegen mußte, blitzte ab und zu ein Licht auf, und ein anderes gab Antwort – anscheinend Funkentelegraphische Meldungen. –

| Morgen Abend um 705 geht mein Zug. Da fahre ich nach Pleskau (Details anzeigen), – einem kleinen Städtchen etwa 4 Std. Fahrt mit dem Schnellzuge entfernt –, für die Osterfeiertage. der nächste Sonntag ist hier Ostern. In Pleskau (Details anzeigen) werde ich bei Edith Luig's Eltern (Details anzeigen) wohnen. Edith Luig (Details anzeigen) ist meine Freundin hier. Siehst Du, sogar eine Freundin habe ich schon gefunden. Sie ist 20, deutsche Lehrerin an einem russischen Knabengymnasium in Petersbg. (Details anzeigen) Sie wohnte seit Januar auch bei Frau v. Schön (Details anzeigen). Wir haben uns sehr miteinander befreundet und ma[n]che Nacht bis 2 uns unter-

| halten. Sie ist ein außerordentlich intelligenter und netter Mensch. Nur leider ein ganz ganz anderer Genre als ich. Trotzdem – wir vertragen uns gut und werden im Winter vielleicht zusammen leben in einem Zimmer. – Für 21/2-3 Sommermonate ist sie verreist. Ich werde in dieser Zeit irgendwo in der Nähe „auf dem Lande“ leben in einer sogenannten „Datsche“ (Sommerhäuschen). Da habe ich dann das Vergnügen, jeden Morgen und Abend gut eine halbe Std. in der Eisenbahn zu sitzen und eine weitere halbe Stunde in der Elektrischen. Aber man

| macht es hier allgemein so. Vielleicht ist es sogar recht amüsant. –

Wie gesagt, im kommenden Winter werde ich ein paar Wochen, 2 oder 3, in Berlin (Details anzeigen) verbringen. Ich freue mich doch schon drauf. –

Aber nun muß ich Schluß machen, denn es ist spät und ich möchte für meine morgige Reise noch einiges Zurechtmachen. Auch mein Bleistift ist schon gründlich abgeschrieben. –

Ich hoffe, Du wirst die erwähnte Ruhepause benutzen, um bald einmal zu schreiben.

Gerda Wittkowski (Details anzeigen)

Bitte adressiere den nächsten Brief:
p. Adr. Firma Alfred H. Schütte
St. Petersburg (Details anzeigen),
Liteiny prosp. 53.

Wenn die Antwort von Dir nämlich nicht sehr bald kommt, werde ich inzwischen auf's Land gezogen sein und bei Schön's (Details anzeigen) ist alles zu. Sie ziehen auch weg über Sommer.


Fußnoten, Anmerkungen

1Der Brief ist nicht überliefert.

Register

aPetersburg
bTillich, Paul
cBerlin
dBerlin
e
fBerlin
g
hBerlin
i
j
kNewski-Prospekt
lBerlin
mSelenogorsk
nKronstadt
oPleskau
pPleskau
qLuig, Ida; Luig, Wilfred
rBötzelen, Edith Emilie Wilhelmine
sPetersburg
t
uBerlin
vErdmann, Gerda
wPetersburg
x

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/138(72)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
St. Petersburg - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Gerda Erdmann an Paul Tillich vom 10/23.IV.1913, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00323.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00323.pdf