Der editierte Text

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Mein herzlieber Junge !

Von Rechts wegen hättest Du ja wohl deiner Mutter Maria (Details anzeigen) ein Kärtchen schreiben können, nachdem sie Dich 3 Wochen lang mit Milde gesäugt und trocken gelegt hat oder richtiger feucht gesetzt (auf Teewasser mit Schnaps.) Aber seit Einstein (Details anzeigen) sprach, sind ja alle Begriffe ins Wackeln gekommen - also verzichten wir auf die Kategorien des Rechtes und lauschen wir dem tiefen blauen Strom, der von mir zu Deiner scheuen, flatternden Seele fließt, die bald von Mutter Geist bald von Mutter Sinnlichkeit bedrängt und geknebelt wird. - Ehe meine stille männerlose Zeit zu Ende geht, soll der Strom der immer leise um Dich webt einmal zu Tage treten und zum Buchstabengebilde erstarren. In den einsamen 14 Tagen sind mir unsere Gespräche und die frohen Stunden des Beieinander - und des Zusammenseins oft noch durch den Sinn gegangen. Lächeln muß ich immer wieder wenn ich an Deine Behauptung - meiner „Lebensform“ - denke. Ich wäre so froh, wenn ich auch etwas davon spürte, aber stärker denn je empfinde ich jetzt hier | daß Morgenstern (Details anzeigen) sein Galgenlied vom Knie speziell für mich und auf mich gedichtet hat.1 Oft möchte ich im Kreise der liebenswürdigen, normalen Bremer (Details anzeigen) mich entschuldigend verbeugen: ich bin ein Knie sonst nichts. - Das große X über meinem Sein wird oft zum Schmerz und die Ahnung immer deutlicher, daß diese Erde nicht die erlösende Form dafür birgt. - Aber schließlich ist das ja nicht erheblich für die Neuwertung, die Neuformung des stärker strömenden Gehaltes; viel wichtiger bist Du mir, mein Jung, der mitschaffen kann an diesem Werk. - Ich fürchte dieser Monat wird Dir viel Unruhe und mehr als das bringen und möchte gern meine Hände um das Schwache in Dir legen, damit es stark wird im rechten Augenblick und um das Weiche, damit es fest wird im erfassen des Positiven auch im Schmerz. Neben all dem Beunruhigenden blieb Dir ja immer tröstend und ruhevoll Dein weißer Liliengarten des schaffenden Denkens; da kannst Du alle Nesseln, Rosen und Dornen der Nahrung + Wohnung der Ehe und der Liebe weit hinter Dir lassen!

Wie weit bist Du mit dem Styl des Denkens gekommen? Hast Du ihn erfaßt? Warum hieße er Stiel, wenn er nicht zu fassen wäre? Und da es Dein Denkstyl an sich hat, die Abstrakta am | rechten Ende zu packen (bei den Konkreta ist es weit fraglicher - ) trage ich weiter keine Bedenken um den Ausgang! Nun wünschte ich recht innig im Kolleg sitzen zu können und ein Gläschen Sekt zu mir zu nehmen -. Mein Kamerad schrieb mir, daß er nächstens bei Dir hören will - es hängt ihm Bremer (Details anzeigen) Luft in Deinen Vorlesungen -. Ach Paule (Details anzeigen) es ist doch etwas Köstliches um ein ungeteiltes Herz mit seinem Liebeswillen! - Gieselkind (Details anzeigen) ist |:auch:| noch solch einheitliches Persönchen und ihr Herzchen kreist in dieser Zeit selig strahlend um ihre „Mamma-Tude“ wie sie jetzt herausgeknobelt hat. Im übrigen bewegen sich ihre frohen Tage zwischen Happahappa und Bettchen - Töpfchen und | Struwelpeter. - Sind wir eigentlich weitergekommen? Nun statt |:im:| Struwelpeter finden wir Erquickung in Nolde (Details anzeigen), statt de mit der Puppe im Arm schlafen die meisten am liebsten mit einem warmen weichen Wesen am Herzen ein etc etc. Gisela (Details anzeigen) ist uns im Vorteil, weil ihr gestern abend, - morgen früh, vorgestern und übermorgen völlig gleichbedeutend - sie gänzlich befreit von der Zeit ist; während andere „Arme“ sich hart herumschlagen mit Tagen und Stunden um alle Verpflichtungen gegen seinen ihren Weiberschwarm und andere Leute richtig unterzubringen!!! - Wie war`s bei Eva Dürselen? Greti (Details anzeigen)? - In 6 Wochen ist unser lieber Junge wieder bei uns! Die Lücke ist noch garnicht | zu, die du zurückließest! Gieselkind (Details anzeigen) kann sich einen Weihnachtsmann, der nicht „Onke Paul (Details anzeigen)“ mitbringt, garnicht vorstellen. Vor allem bist Du Frede (Details anzeigen) das letzte wahre Stück vom Muckilein, das muß er so oft wie möglich haben für seine arme Seele! Wie nötig Du mir selber bist, brauche ich Dir nicht zu sagen. Wenn ich viele Menschen zum liebhaben um mich haben legen sich Schleier über die tiefen Einsamkeiten, durch die „das Knie“ seinen Weg wandert - oft ein Büßerweg wie es sich für ein Knie wohl gehört. - Bremen (Details anzeigen) hat nicht viele Menschen für mich, die liebhaben | brauchen, sie sind alle so fertig und innen rundlich bei äußerer Eckigkeit. Nun freue ich mich auf Fredemann (Details anzeigen), er bringt auch einen Einsamkeitsschleier mit: viel erzählen von der Wunderschönheit der Schweiz (Details anzeigen). Von Medikus (Details anzeigen) schrieb er sehr erfreut (er will Dir auch helfen) von Barth (Details anzeigen) - schien mir - etwas enttäuscht. Gewiß hast Du direkt von ihm gehört. Montag abend will er in Bremen (Details anzeigen) sein. - Wie geht es Hanna (Details anzeigen)?

Nun sag mal „piep“, mein Einziger!

Ich wickele Dich ganz dicht und warm in mein liebevolles Denken und lösche für eine Weile alle grellen „gelb-roten“ Lichter aus zum Ausruhen bei Deiner

St. Maria (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1 Der Dichter Christian Morgenstern (Details anzeigen) verfasste 1905 ein Gedicht mit dem Titel Das Knie.

Register

aBremen
bMorgenstern, Christian
cEinstein, Albert
dMorgenstern, Christian
eMorgenstern, Christian
fBremen
gBremen
hTillich, Paul
iWalker, Gisela
jNolde, Emil
kWalker, Gisela
lTillich, Margarete
mWalker, Gisela
nTillich, Paul
oFritz, Alfred
pBremen
qFritz, Alfred
rSchweiz
sMedicus, Fritz
tBarth, Karl
uBremen
vTillich, Hannah
wFritz (geb. Horn), Gertrude

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/143(25)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Bremen - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Gertrude Horn an Paul Tillich vom 6. November 1920, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00694.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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