Der editierte Text

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Bonn (Details anzeigen) Humboldtstr. 48 5.7.19.

Lieber Paul (Details anzeigen),

heut morgen kam Dein Brief. Und jetzt, abends, wo ich aus einer Gesellschaft bei einem Künstler mit Ateliergenüssen, einem philos. Vortrag und echten Pfannkuchen nach haus gekommen bin, sitze ich und grüble und muß an Dich schreiben. In gewisser Weise machst Du mir die Antwort leicht. Denn Dein Brief ist ja einfach ein Antrag auf Schluss der Debatte, und ich sehe ein, dass Du mit diesem Antrag recht hast. Wenn wir uns wieder sehn, musst Du mir noch einmal einen Nachm. oder Abend zur gründl. Aussprache opfern. Mündlich also wird's viell. noch etwas. Aber brieflich kommt nichts mehr heraus. Und doch, wie schmerzlich-schwer ist diese einfach leichte Antwort. Für Dich und für mich. Für Dich – ich bin von allen Deinen Freunden am weitesten mit Dir gegangen und glaube Dich immer am besten verstanden zu haben. Nun bleibe auch ich zurück. Nein mehr, nun stehe ich in einem starken Gegensatz zu dem was Du willst. Es stehn Gewissensurteile zwischen unsern Anschauungen, und die trennen bekanntlich mehr als andre. Was ich persönlich empfinde, mag ich nicht ausdrücken. Viell. ists für mich noch schwerer. Mir zerrinnt ein Traum von geistiger Gemeinsamkeit und Verbrüderung … Aber, Paul, wir wollen einander nah bleiben trotz allem. Ich rede nicht davon, dass wir Freunde bleiben. Das | versteht sich von selbst für mich. Du bist mir immer der Paul, den ich lieb habe, und den ich in seiner tiefen Kindlichkeit besser kenne als die meisten andern Menschen, nur Frede (Details anzeigen) und Johanna (Details anzeigen) will ich darin weichen. Und ich denke, Du weisst, dass auf meine Liebe und Treue zu Dir sich Häuser bauen lassen.

Aber auch über die Freundschaft hinaus muss und soll ein Band bleiben. Ich begehre weiter an Deinem Denken und Deinen Fragen teilzunehmen, ich will darum auch alle Deine opera zugeschickt haben, und werde sie gründlichst lesen. Auch die Briefe, mit denen Du mich alle halbe oder dreiviertel Jahr über Deine Gedanken zu orientieren pflegtest, will ich weiter haben. Soweit Dir daran liegt, steht Dir alles was ich schreibe und denke zur Verfügung. Aber ich fürchte, Dir liegt nicht gar zu viel daran. Ob Du z.B. den 'Osiander1' lesen wirst, den ich jetzt drucke, ein gelehrtes Buch zur Geschichte der reformatorischen Theologie? Also, ich weiss nicht, wieweit Du Gegenseitigkeit geben wirst. Auch wenn es einseitig ist, will ich aber von meinem Mitleben und Mitdenken nicht lassen. – Ich sprach einmal mit Rose (Details anzeigen) über meine Freundschaft mit Dir, und sie meinte, vielleicht hätte ich Dir es zu bequem gemacht und anspruchsvoller sein müssen. Ich weiss nicht, ob das wahr ist. Jedenfalls kann ich von der Art die ich gegen Dich habe nicht | lassen. Ich will also Dich begleiten auf Deinen Wegen, ohne zu erwarten, dass Du nun auch mich begleitest.

Nimm meinen Brief nicht pathetisch. Er ist viel kühler als ich empfinde. Du weisst gar nicht, wie sehr ich mit meinem innersten Wesen u. Denken an dem hänge, über das Dein Denken jetzt hinweggeht, und wie ernst ich den Gegensatz der beiden Weltanschauungen empfinde. Es ist mir |:aber:| nur natürlich, um Deinetwillen auch darüber hinüberzuspannen, ich könnte nicht anders, ich sehe im Verhältnis zu Dir selbst diese tiefen Gegensätze als Bagatelle an. Aber auch eben nur im Verhältnis zu Dir (und, falls Du sie mitziehst, zu Johanna (Details anzeigen)). Jedem andern gegenüber würde es mir ebenso unnatürlich sein wie Dir gegenüber natürlich. Einen Herrn kannst Du nicht ertragen? Vielleicht findest Du eines Tages, dass man ohne einen Vater es noch viel weniger ertragen kann. Ich könnte nicht fertig werden mit mir und der Welt, wenn nicht jemand da wäre, zu dem ich das Vaterunser beten kann.


Register

aBonn
bTillich, Paul
cFritz, Alfred
dFritz, Johanna
eHirsch, Emanuel
fHirsch, Die Theologie des Andreas Osiander und ihre geschichtlichen Voraussetzungen, 1919
gHirsch (geb. Ecke), Rosa
hFritz, Johanna
iHirsch, Emanuel

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/152
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Bonn - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Emanuel Hirsch an Paul Tillich vom 05. Juli 1919, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00621.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00621.pdf