Der editierte Text

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Berlin (Details anzeigen), den 20. Sept. 1913
Neuenburger Str. 3.

Hochverehrter Herr Amtmann (Details anzeigen)!

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Diese Zeilen haben den Zweck, Sie um das Größte zu bitten, was Sie mir gewähren können, Sie um das Größte zu bitten, was Sie mir gewähren können, Sie zu bitten, mit Ihrer Tochter Greti (Details anzeigen) für's Leben anzuvertrauen. Sie werden mir glauben, daß ich einen solchen Schritt nie tun würde, ohne die Gewißheit erlangt zu haben, daß wir uns vor allem in dem Tiefsten berühren, was im Menschen ist, und wo allein die Gewähr eines dauernden, innerlich unlöslichen Verhältnisses gegeben ist. Wenn das Gefühl um dieses Verbundensein die Liebe ist, so kann es sich doch bei uns nicht um ein blindes Verliebtsein handeln, sondern um ein bewußtes, immer neues Ringen umeinander, bei dem dennoch die Sicherheit des Findens nie entschwindet.– Dem entsprach auch unser Kennenlernen. Die entscheidenden Eindrücke empfingen wir voneinander bei den Gesprächen über die großen Lebensfragen, wo wir uns trotz der Verschiedenheit der Denkformen und Ausdrucksweise und des Unterschiedes der Lebenssphären immer wiederfanden. Die erste Aussprache über unser Verhältnis hatten wir am 22.August, aber eben wegen jener vielfachen Verschiedenheit gaben wir uns eine Zeit, in der wir uns frei und ungestört kennenlernen wollten, und beschlossen, die Entscheidung bis Weihnachten hinauszuschieben. Es liegt uns außerordentlich viel daran, daß es bei dieser Verabredung bleibt, weil wir beide zu selbständige Naturen sind, als daß wir einen solchen Schritt anders als in vollkommener Klarheit machen könnten. Hier liegt auch einer der Gründe, warum ich mich nicht eher an Sie gewandt habe: Erst durch die letzten Tage in Berlin (Details anzeigen), wo wir in aller Freiheit zusammensein konnten, ist uns der richtige Zeitpunkt gekommen. Daß Ihre Frau Gemahlin (Details anzeigen) und Frl. Eva (Details anzeigen) in gewisser Weise vorher orientiert werden mußten, lag in den äußeren Verhältnissen und war unvermeidlich, wenn wir uns öfter sehen wollten. Ausschlaggebend für mein Zögern war schließlich die äußere Seite, der Materielle, über das ich mich erst hier in Berlin (Details anzeigen) orientieren konnte. Wie bekannt, verdient man als Privatdozent nicht mehr als die Kolleggelder, d.h. nichts irgendwie Sicheres oder Erhebliches. Infolgedessen habe ich mich nach einer Stellung umgesehen, die eine gewisse materielle Grundlage geben kann, und stehe vor der Wahl, mich entweder um einen kirchenregimentlichen Nebenauftrag in Berlin (Details anzeigen) oder eine studentische Konviktsinspektor-Stelle in Bonn (Details anzeigen) zu bewerben; ich habe beide Bewerbungen eingereicht, denke aber, daß ich gegebenfalls Bonn (Details anzeigen) annehmen werde. Dort hätte ich 1500 M Gehalt, dazu im ersten Jahr 300 M Stipendium, im zweiten Jahr eine wesentliche Erhöhung des Stipendium, dazu das Privatdozentenstipendium. Also eine Grundlage von ca. 2000 M; dazu würde ich, das ist das Resultat unserer Verhandlungen, von meinem Vater (Details anzeigen) jährlich 1000 M aus meinem Erbe erhalten. Freudig aber könnte ich Ihre Tochter nur dann aus ihren gegenwärtigen Verhältnissen herausreißen in die Enge einer städtischen Existenz, wenn wir von Ihnen aus dem Erbe Ihrer Tochter noch einen Zuschuß von jährlich ca. 1000 M erhielten. Und das ist die Bitte, die ich in dieser Beziehung an Sie richte.

Alles andere möchte ich der mündlichen Aussprache überlassen, die, wie ich denke, in etwa 10 Tagen möglich sein wird. Mit der Bitte um Ihr Vertrauen bin ich


Fußnoten, Anmerkungen

1Dieser Brief wurde aus dem Band V der Ergänzungswerke zu Paul Tillich entnommen. Ehemals soll dieser im Privatbesitz von R. Albrecht in Düren gewesen sein und soll in das Tillich-Archiv in Marburg übergegangen sein, ist aber nicht im Findebuch verzeichnet.

Register

aBerlin
bWever, Wilhelm
cTillich, Margarete
dBerlin
eWever, Mathilde
fWever, Eva
gBerlin
hBerlin
iBonn
jBonn
kTillich, Johannes Oskar
lTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Erstpublikation
Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Erste Auflage. Frankfurt a.M.: De Gruyter, 1980, 66f.. (Ergänzungs- und Nachlassbände zu den gesammelten Werken von Paul Tillich , V)
Typ

Brief, liegt maschinenschriftlich vor

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Wilhelm Wever vom 20. September 1913, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00372.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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