Brief von Paul Tillich an Herrn Dekan der hochwürdigen theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg vom 13. Februar 1912

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Dr. Paul Tillich (Details anzeigen) cand. theol. Nauen (Details anzeigen), d. 13. Feburar 1912 Superintendentur An den Herrn Dekan der hochwürdigen theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg (Details anzeigen).

Die hochwürdige Fakultät bitte ich gehorsamst, mir zu gestatten, bei Gelegenheit meiner Promotion über folgenden Thesen zu disputieren:

Apologetik.

1. Der Religionsbegriff muß aus dem Gottesbegriff abgeleitet werden, nicht umgekehrt.

Dogmatik.

2. Nicht die Idee der Sittlichkeit, sondern die Idee der Wahrheit muß die Grundlage der Lehre von Gott bilden.

3. Die Lehre von der „Natur in Gott“ ist Bedingung für einen lebendigen Gottesbegriff.

4. Natürlich und Übernatürlich verhalten sich weder wie Natur und Nicht-Natur, noch wie Natur und Geist, sondern wie Relatives und Absolutes.

Ethik.

5. Jede Deduktion der Sünde hebt den Begriff der Sünde auf.

6. Die Einheit von Ethik und Ästhetik ist in ihrem Verhältnis zur Wahrheit begründet: Sittliches und ästhetisches Handeln verhalten sich wie tätiges und anschauendes Bejahen der Wahrheit.

Altes Testament.

7. Die eschatologischen Stoffe der Schriftprophetie sind älter als die prophetische Periode der israelitischen Religion.

Neues Testament.

8. Taufe und Abendmahl haben nirgends im Neues Testament lediglich symbolische sondern überall sakramentale Bedeutung.

Kirchengeschichte.

9. Das Wiedererwachen des deutschen Idealismus im geistigen und religiösen Leben der Gegenwart wird historisch verständlich durch die Tatsache, daß der sogenannte Zusammenbruch des Idealismus nicht durch innere Überwindung desselben, sondern durch äußere Abwendung von ihm verursacht war.

Praktische Theologie.

10. Die Kirche kann ihrer apologetischen Aufgabe an den Gebildeten nur dann gerecht werden, wenn sie weder die Verteidigung kirchlicher Lehren noch Grenzregulierungen zwischen Glauben und Wissen anstrebt, sondern das dialektische, lebendige Verhältnis des vorhandenen Geisteslebens zum Christentum offenbar macht.

Gehorsamst

Dr. Paul Tillich (Details anzeigen) cand. theol.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bNauen
cHalle (Saale)
dTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Halle, Universitätsarchiv Halle, Universitätsarchiv Halle, Rep. 27 Nr. 855
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Nauen - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Herrn Dekan der hochwürdigen theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg vom 13. Februar 1912, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00298.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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