Der editierte Text

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Lieber Paul (Details anzeigen)!

Obgleich ich eigentlich keine Zeit habe, will ich doch den auf der Karte versprochenen Brief schreiben, um Dir von Großalmerode zu erzählen. Also zunächst verbrenne die proletige Karte, derer ich mich bis auf den Grund schäme.

Am Sonntag verabredeten wir 5 Theologen uns, die Tour zu machen. Wir hatten viel von der Bewegung gehört, ich speziell von meinem Lbb. in Hofgeismar (Details anzeigen), es war fast zu einem Austritt der dortigen Liberalen aus der Landeskirche gekommen. Am Sonntag Morgen in aller Frühe ½ 5 fuhren wir hier mit der Bahn los, es fing ganz sachte an zu schneien. Um ½ 7 kamen wir in Witzenhausen (Details anzeigen) an, von wo wir noch 3 Stunden zu laufen hatten. Inzwischen hatte es immer stärker geschneit, | und es schneite die ganze Zeit, sodaß wir bald wie Schneemänner aussahen, dabei ging es andauernd bergauf, u. vom Schnee rutschte man immer etwas zurück. Um ½ 10 kamen wir an und hatten gerade noch Zeit, uns etwas zu wärmen u. zu stärken. Um ½ 11 fing die Kirche an, Pastor Holzapfel (Details anzeigen), der Führer der Gemeinschaftsbewegung predigte. Die kleine Kirche faßte unglaublich viele Menschen u. sie war ganz voll, die Liturgie war ganz besonders fein, ebenso der Gemeindegesang. Der Text war Matth 25,1-13 die 10 Jungfrauen. Er verlas auch diesen Text, seine Predigt stand jedoch damit in keinem Zusammenhang. Weil Totensonntag war, predigte er über die Todesgemeinschaft, ein sehr feines Thema, das führte er auch ganz gut aus, allerdings mit besonderer Betonung des Geistes usw. Er hatte uns wohl bemerkt, denn er ließ eine kurze Apologie einfließen, etwa „Ist das nun unbiblisch, ist das schwärmerisch, oder ist das nicht gerade biblisch!“ Auch die moderne ungläubige Wissenschaft wies er mit schwersten Worten ab, auch ohne viel Zusammenhang mit dem Thema. Natürlich war die Predigt nicht präpariert, da ja der Geist es ihm eingeben muß, und dafür war die | Predigt fein. Vor allem merkte man, daß er eine energische und tief religiöse Natur ist, fern von jeder Süßlichkeit. Die ganze paulinische Theologie von Geistern u. Dämonen und eben der Gemeinschaft mit Christo brachte er. Am Nachmittag gingen wir, nachdem wir zu unserem großen Bedauern gehört hatten, daß keine Gemeinschaftsversammlung an dem Tage stattfände, zu ihm, um ihn auch persönlich kennen zu lernen. Er war nicht da, aber seine Frau nahm behielt uns sogleich zum Kaffee. Endlich kam er und widmete sich uns: das waren 2 ernste Stunden inneren Ringens mit uns und ihm, aber er konnte uns nicht überzeugen. Seine Ansicht ist etwa so. Man muß Christum annehmen, seinen Willen tun, ohne Rückhalt, ohne jeden inneren Widerstand; dann bekommt man den Geist, den er sich fast wie eine Materie denkt. Damit ist man bekehrt, der Geist äußert sich nun in den Früchten, die eine völlige Umwälzung des Menschen verursachen, die sich auch in der Gnadengabe, Zungenreden, Beten, Auslegen usw. 1 Kor. zeige. Auch von Krankenheilungen wird viel erzählt. Nun erscheint einem auch das Neue Testament u. das AT in einem ganz | anderen Lichte. Waren für den menschlichen Geist Widersprüche und Unklarheiten drin, so rückt der Geist alles unter die Betrachtung für die Bedeutung Jesu, und jedes Wort hat seinen Sinn. Der Geist hat ja auch die Verfasser beim Abfassen und die Kirche bei der Aussonderung des Kanons inspiriert, so daß nun im Geist Kanon der Geist widerlegt hat, was wir für unser ganzes Leben, für die ganze Geschichte, für alle Kultur haben. Wir Daher ist Wissenschaft u Kultur überflüssig, ja es leitet nur ab. Der Geist bewirkt ja, daß z.B. die Kirche des NT überflüssig wird usw., auch die ganze Teufeltheorie ist anzunehmen, im Menschen sitzen meist mehrere Teufel, die daran hindern daß man Christum annimmt. Sohn muß man eben ganz erfassen, ohne auf die Vernunft zu hören, seinen Willen tun, sich mit anderen Weltanschauungen zu beschäftigen, und dann einer sich anzuschließen, ist auch falsch – . Daran ist sicher viel richtiges, aber man kann doch nur mit Reserve zustimmen. Besonders anziehend ist vor allem die Betonung des „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ , aber auch darin sind sie einseitig. | Das scharfe Urteil über „Unbekehrte“ haben sie mit allen Gemeinschaftsbewegungen gemein.

29.11.07.

Gestern wurde ich gestört, u kam Abends nicht mehr zum Schreiben, ich will jetzt das Seminar bei Titius (Details anzeigen) etwas weiter machen. Wir lesen da Kants (Details anzeigen) ethische Schriften, die Du natürlich längst intus hast; ich habe viel davon, weniger vom Seminar als von der Lektüre, ich mache mir immer Exzerpte. Bis jetzt haben wir die Prolegomena zur Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Details anzeigen) gelesen und sind mitten in der Kritik der praktischen Vernunft (Details anzeigen), die wir noch vor Weihnachten beenden. So lernt man doch Kant (Details anzeigen) etwas kennen. Ich habe eine Arbeit zu liefern über den Streit d. Fakultäten (Details anzeigen), am 7. Februar; hoffentlich fällt das nicht mit dem Februarkommers zusammen. Am 22. Febr. habe ich eine Predigt zu halten über 1Thess. 5,9 u. 10. Als Thema denke ich mir „Unsre Seligkeit besteht in der Gemeinschaft mit Christen, 1. Christus hat sie d.h. durch seinen Tod erworben, 2. wir erlangen sie, indem wir mit ihm sterben, Schlußged: Erst dann haben wir rechtes Leben in ihm.“ Was meinst Du davon? Z.T. hat mich Holzapfels (Details anzeigen) Thema beeinflusst, auch | die Erinnerung an einige Collegs bei Schmuhl (Details anzeigen).

Die Sache Erlangen (Details anzeigen)-Halle (Details anzeigen) klärt sich ja auf, alle 7 haben um Entschuldigung gebeten, die Philister sind auf die Seite der Verbindung getreten. Erlangen (Details anzeigen) wird nächstens in einem Bundesbrief den Verkehrsbruch mit Halle (Details anzeigen) rückgängig machen.1

Am 27. hatten wir hier unsern {Arminen} Kommers mit Landesvater, der sehr nett verlief.2 Ich sprach mit Tielking (Details anzeigen) und Hukmann (Details anzeigen) I, der keinen {Conlands} hatte finden können u. mich schon lange fragen wollte, es aber versäumt hatte. Das machte aber nichts aus, ich verkehre mit den beiden am meisten, es ist doch fein, wie die Hallenser gleich anderswo eng sich zusammenschließen können. Mit Heinzelmann (Details anzeigen) komme ich doch wenig zusammen, er hat viel zu tun, und ich auch, im Stift wird er außerordentlich geschätzt, er hat einen freiwilligen Stiftsabend neben den offiziellen eingerichtet, auf dem Geschichte der Philosophie getrieben wird. Heinzelmann (Details anzeigen) verkehrt sehr viel mit {Gerd Frieshammer} [Darstellung: Wingolfzirkel.] !, der hier als 9. Semester herumläuft. Ein Hallenser u. Marburger Philister ist jetzt hergekommen, ein | Hilfsprediger Stefan, wann er Vikar war, weiß ich nicht. Professoren waren leider nicht da, da denselben Abend eine Festlichkeit beim Kurhaus stattfand. Heute Abend werden wir über die Inaktivenfrage behandeln, davon will ich doch auch berichten.

1.12. Bisher kam ich nicht wieder dazu. Das Göttinger A.H.C 3 schlug vor, 4 Semester zu verlangen, nach 2 Semestern bekommt man das Band, wenn eins ein Burschensemester war. Gegen beides ging ich an, mindestens 5 müssen verlangt werden, da u. nach 2 Fuxsemestern muß einer das Band haben. Mit ersterem dringe ich vielleicht durch, aber kaum mit dem letzten, das erstere ist auch wohl wichtiger.

Doch ich muß jetzt schließen. Herzl. Grüße an Kilger (Details anzeigen), der mir noch sein Typ schuldet, bestelle auch Deinem Vater (Details anzeigen), Deiner Schwester (Details anzeigen) freundlichen Gruß von

G. v. Hanffstengel (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Kurz nach dem Wartburgfest 1907 waren Ende Mai und Anfang Juni 1907 innerhalb kurzer Zeit sieben Mitglieder des Erlanger (Details anzeigen) Wingolfs aus demselben ausgetreten. Sie warfen ihrer Verbindung vor, die in dem Verbindungsprinzip festgehaltene Verpflichtung auf eine christliche Lebensführung zu verletzen, und kündigten die Gründung eines „Alt-Wingolfs“ in Erlangen an, wovon sie jedoch schließlich absahen. (Siehe die Bekanntmachung des Austritts der sieben Mitglieder durch die Verbindung: Johannes Remmers: Erklärung, in: Wingolfs-Blätter 36 (1906/07), Heft 18, S. 161 (Details anzeigen); siehe auch eine Erklärung im Namen aller Ausgetretenen: Johannes Brachmann: Erklärung, in: ebd., Heft 21, S. 197. (Details anzeigen)) Unter Vermittlung des ortsansässigen Philisterverbands beschloss die Erlanger Verbindung, unter zwei Bedingungen auf ihr in den Bundes-Statuten des Wingolfsbundes verankerten Einspruchsrecht bei einem Wechsel der Ausgetretenen in andere Wingolfsverbindungen zu verzichten: Sie mussten sich bei ihrer Aufnahme erstens beim Erlanger Wingolf entschuldigen, und zweitens mussten sie den Vorwurf des Verstoßes gegen die christliche Lebensführung, den sie der Erlanger Verbindung gemacht hatten, zurücknehmen. Johannes Brachmann (Details anzeigen) teilte dem Erlanger Wingolf am 24. November 1907 im Namen der Ausgetretenen mit, diese Bedingungen anzunehmen. (Vgl. Rudolf Tschudi: Der Erlanger Wingolf an seine Bruderverbindungen, in: Wingolfs-Blätter 37 (1907/08), Heft 8, S. 74. (Details anzeigen)) Zum Wintersemester 1907/08 wurde einer der Erlanger Ausgetretenen, Ernst Lotz (Details anzeigen), vom Hallenser (Details anzeigen) Wingolf als Fuchs aufgenommen. Dies geschah zunächst ohne Absprache mit Erlangen und demgemäß unter Verletzung der genannten Bedingungen. Daraufhin brach die Erlanger Verbindung am 30. Oktober 1907 ihre Beziehungen zu Halle ab, bis sie diese am 29. November desselben Jahres nach Vergleichsverhandlungen und der erfolgten Entschuldigung aller Ausgetretenen wieder aufnahm. (Vgl. Konrad Gaiser: Bundesprotokoll für das I. Quartal des Wintersemesters 1907/08, in: Wingolfs-Blätter 37 (1907/08), Vertrauliche Beilage zu No. 8 der „Wingolfs-Blätter“ 1908, S. 1. (Details anzeigen))
2Am 27. November 1907 fand im Göttinger Verbindungshaus der Arminenkommers statt. Siehe die Ankündigung in: Wingolfs-Blätter 37 (1907/08), Heft 4, S. 37. (Details anzeigen)
3Gremium, das die Beschlüsse des Convents vorbereitet.

Register

aGöttingen
bTillich, Paul
cHofgeismar
dWitzenhausen
eHolzapfel, ???
fTitius, Arthur
gKant, Immanuel
hKant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird ..., 1783
iKant, Critik der practischen Vernunft, 1788
jKant, Immanuel
kKant, Der Streit der Fakultäten, 1798
lHolzapfel, ???
mLütgert, Wilhelm
nErlangen
oHalle (Saale)
pErlangen
qHalle (Saale)
rErlangen
sRemmers, Erklärung, 1907
tBrachmann, Erklärung, 1907
uBrachmann, Johannes
vTschudi, Der Erlanger Wingolf an seine Bruderverbindungen, 1908
wLotz, Ernst
xHalle (Saale)
yGaiser, Bundesprotokoll für das I. Quartal des Wintersemesters 1907/08, 1908
z[Anonym], Bekanntmachungen, 1907
aaTielking, Ludwig
abHukmann, ???
acHeinzelmann, Gerhard
adHeinzelmann, Gerhard
aeKilger, Albert
afTillich, Johannes Oskar
agFritz, Johanna
ahHanffstengel, Gottfried von

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/147
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Göttingen - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Gottfried von Hanffstengel an Paul Tillich vom 24. November 1907
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Gottfried von Hanffstengel an Paul Tillich vom 28. Dezember 1907

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Bibelstellen

Zitiervorschlag

Brief von Gottfried von Hanffstengel an Paul Tillich vom 28. November 1907, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00248.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00248.html |titel=Brief von Gottfried von Hanffstengel an Paul Tillich vom 28. November 1907 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=28.11.1907 |abruf=???? }}
L00248.pdf