Der editierte Text

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Mein lieber Paul (Details anzeigen),

der Sonntagsgruß soll schon eher geschrieben werden, da wir morgen vorhaben nach Lichterfelde (Details anzeigen) zu fahren. Daraus siehst Du, daß es Papa (Details anzeigen) leidlich gut geht, trotz eines starken Schnupfens den er sich neulich im Dom bei der landeskirchlichen Versammlung1 geholt hat. Die kleine Elisabeth (Details anzeigen) hat nicht nur reine Hände – sondern höre und staune, im letzten Exercitium eine No 1. Die Lehrerin hat sie sehr gelobt u. ist das kleine Ding nun doppelt fleißig. Es ist überhaupt | rührend mit anzusehen, wie sie versucht ihrem Papa das Fernsein seiner beiden ältesten Kinder, durch besondere Zärtlichkeit zu ersetzen. Ihr fehlt uns natürlich sehr, aber doppelt viel Arbeit, die man ja findet, wenn man sie sucht, helfen darüber hinweg, u. außerdem ist es ja nicht für lange. Wie gehts denn mit dem Verbinden?2 Wann bekommst Du denn nun ein Pflaster: Jetzt; wenn's warm ist, wirds Dir unangenehm heiß sein, solch einen Verband noch zu haben. Heut schrieb Johanna (Details anzeigen) einen sehr netten Brief, sie | treibt Italienisch u. Musik, u. reitet auch. Alle Tage fahren sie in einem Ponny Fuhrwerk spazieren, sie schrieb, sie erholt sich sehr, ist aber noch immer müde. Natürlich freut sie sich schon sehr auf die Reise, besonders schön ist es, daß Ihr Euch so bald wieder sehen könnt. Uebrigens hat nun Papa (Details anzeigen) auch einen Hülfsprediger „Höfer“ (Details anzeigen) mit Namen, ich bin ja nun sehr neugierig wie er predigt, er ist erst neulich ordiniert, u. sucht nun in der Nähe eine Wohnung. Ist schon 34 Jahr alt. Papa (Details anzeigen) will nun schreiben, so leb wohl für heut.

Gott befohlen,

Deine Tante (Details anzeigen)Toni


Fußnoten, Anmerkungen

1Gemeint ist die landeskirchliche Versammlung, die am 3. Mai 1905 in Berlin (Details anzeigen) stattfand. Diskutiert wurden die Fragen nach der unbedingten Lehrfreiheit theologischer Einrichtungen und inwiefern die liberale Theologie eine Bedrohung des christlichen Glaubens darstelle.
2Paul Tillich hatte sich während des Sommersemesters 1905 in Tübingen (Details anzeigen) zweier Ohrenoperationen unterziehen müssen. Vgl. GW XIII, 541 (Details anzeigen); EW V, 26 (Details anzeigen). Patientenakten aus diesem Zeitraum sind nicht erhalten.

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cBerlin-Lichterfelde
dTillich, Johannes Oskar
eBerlin
fSeeberger, Elisabeth
g
hTillich, Impressionen und Reflexionen, 1972
iTillich, Ein Lebensbild in Dokumenten: Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte, 1980
jFritz, Johanna
kTillich, Johannes Oskar
lHöfer, Friedrich
mTillich, Johannes Oskar
nWinkler, Toni

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974., bMS 649/205(15)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Toni Winkler an Paul Tillich vom 11. Mai 1905, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00054.html, Zugriff am ????.

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