Der editierte Text

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Berlin (Details anzeigen) W 30; den 17. Juli 1948
Ansbacherstr. 16

Lieber Paul (Details anzeigen)!

Ich wäre Dir von Herzen sehr dankbar, wenn Du mir den beiliegenden Text als Fürsprache in meiner Wohnungsangelegenheit schreiben wolltest. Am zweckmässigsten ists wohl, Du schickst ihn mir, damit ich ihn zusammen mit den übrigen Papieren einreichen kann.

Meine Not ist gross. Die Wohnung ist mir durch die amerikan. Militärregierung zwar zugesprochen worden nach zweijährigem Bemühen; ich bin auch schon darin seit 1.7. Aber es fehlt mir noch die „Zuzugserlaubnis“, auf die ich erst Lebensmittelkarten beziehen kann und auf die ich erst den Zuzug meiner Familie, die noch immer in einem Dorf südwestl. von Nordhausen (Details anzeigen) sitzt, beantragen kann. Ich bin durch das nun 5 Jahre dauernde Alleinleben in möblierten Zimmern, manche Sorge und äussere und innere Not herzkrank und bis auf 122 Pfund heruntergekommen. Die Kinder müssen in eine höhere Schule und sie brauchen den Vater, und meine Frau vergrämt und ver| sorgt sich durch die endlose Trennung. Wir {alle} wären Dir tief dankbar, wenn Deine F{ür}sprache bei der amerikan. Militärregierung {mir} die Einweisung verschaffte. –

Ich war sehr glücklich, dass ich Dich nach langen Jahren wiedersah; es war menschlich und geistig beglückend für mich. Ich bedaure nur, dass die Verhältnisse es unmöglich machten, dass wir uns länger und intensiver aussprachen. Sehr, sehr gern hätte ich mehr von Deiner Sicht und Beurteilung der geistigen, politischen und sozialen Verhältnisse und Vorgänge gehört und mich mit Dir darüber ausgesprochen. Gern hätte ich Dir etwas von meinem Buch über Phänomenologie erzählt, an dem ich schreibe und gern hätte ich Dir auch etwas von meinem Erinnerungs- und Gedenkbuch an das „Berlin (Details anzeigen), wie es war und wie es niemehr sein wird“, an dem ich seit langem arbeite, erzählt oder etwas davon vorgelesen.

Die fürchterliche Zerrüttung aller Verhältnisse, die Hilflosigkeit und Not, die eigene und die unzählige anderer Menschen, die Ohnmacht des Einzelnen, das alles seit Jahren an sich selbst und um sich zu sehen, hat mich im Tiefsten erschüttert und bis zum seelischen Kranksein erschreckt und bedrü{ckt.}| Nur der Gedanke an meine Familie, die mich ja noch eine Reihe von Jahren braucht und auch eine tief im Innern empfundene Ahnung von einem höheren d. h. über das Zeitliche hinausgreifenden Sinn hat mich ein paarmal abgehalten, mich von diesem missratenen Planeten wegzugeben.

Sehr gern hätte ich Deinen Vetter Ernst Tillich (Details anzeigen) kennen gelernt, von dem ich seit langem sehr kluge und gut geformte Aufsätze im „Sozialistischen Jahrhundert“ lese.1 Am Dienstag hielt hier Prof. Fritz Lieb (Details anzeigen) aus Basel (Details anzeigen) einen Vortrag über „Christentum und Marxismus“. Aus dem Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit des Christentums kam er zu einem unbedingten Bekenntnis zum sowjetischen Kommunismus. –

Lieber Paul (Details anzeigen)! Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute. Grüsse bitte Hannah (Details anzeigen) sehr herzlich von mir und übermittle ihr meine guten Wünsche für sie und die Kinder. Wie gnädig und günstig war Euch die dunkle Macht, dass sie Euch vor 15 Jahren nach Amerika (Details anzeigen) führte!

Mit herzlichem Händedruck

Dein Christian (Details anzeigen)|

An
die Amerikanische Militärregierung

Als Bürger der Ver. Staaten v. Amerika (Details anzeigen) bitte ich, die Aufmerksamkeit und die Fürsorge der Amerikanischen Militärregierung auf Herrn Christian Herrmann (Details anzeigen), der mir seit 1917 bekannt ist und von dem ich sagen kann, dass er Ihre Förderung verdient, hinlenken zu dürfen.

Herr Christian Herrmann (Details anzeigen), der sehr erkrankt ist, braucht dringend die Fürsorge seiner Familie, wenn er seinen Angehörigen noch länger erhalten bleiben soll. Dazu ist nötig, dass er die Zuzugserlaubnis nach Schöneberg (Details anzeigen) in seine Wohnung erhält, damit er seine Familie zu sich nehmen kann. Wie ich weiss, ist die Wohnung durch eine Sonderbestimmung der Militärregierung bereits zugesprochen worden.

Ich bitte, weil hier ein Härtefall vorliegt, allgemein menschlichen und moralischen Erwägungen zu folgen und durch eine Sonderanweisung Herrn Christian Herrmann (Details anzeigen) und seinen Angehörigen die Zuzugserlaubnis nach Schöneberg (Details anzeigen) zu geben.

Wenn Du diesen Text noch wirkungsvoller gestalten kannst, wäre ich Dir hierfür noch besonders dankbar.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cNordhausen
dBerlin
eTillich, Ernst
fLieb, Fritz
gBasel
hHerrmann, Christian
iTillich, Hannah
jVereinigte Staaten von Amerika
kHerrmann, Christian
lBerlin-Schöneberg
mVereinigte Staaten von Amerika
nHerrmann, Christian
oHerrmann, Christian
pBerlin-Schöneberg
qHerrmann, Christian
rBerlin-Schöneberg
sTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/208 (4)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt
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Brief von Paul Tillich an Christian Herrmannvom 5. Oktober 1948

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Christian Herrmann an Paul Tillichvom 17. Juli 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11192.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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