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            <titleStmt>
                <title>Brief von Christian Herrmann an Paul Tillichvom 17. Juli 1948</title>
                <author ref="#tillich_person_id__2356">Christian Herrmann</author>
                <respStmt>
                    <resp>Editor</resp>
                    <name key="https://orcid.org/0009-0000-1606-0460">Cem Ölmez</name>
                </respStmt>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>
                    <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                        1933–1951</title>
                </edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>
                    <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
                    <address>
                        <street>Schenkenstraße 8–10</street>
                        <postCode>1010</postCode>
                        <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                            <settlement>Wien</settlement>
                            <country>Österreich</country>
                        </placeName>
                    </address>
                </publisher>
                <availability>
                    <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative
                        Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
                </availability>
            </publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <msDesc type="manuscript">
                    <msIdentifier>
                        <country>USA</country>
                        <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                        <institution>Harvard University</institution>
                        <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                        <collection>Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974.</collection>
                        <idno>bMS 649/208 (4)</idno>
                    </msIdentifier>
                    <physDesc>
                        <p>Brief, eigenhändig</p>
                    </physDesc>
                </msDesc>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <encodingDesc>
            <projectDesc>
                <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933–1951.</p>
            </projectDesc>
            <editorialDecl>
                <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
                    https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
            </editorialDecl>
        </encodingDesc>
        <profileDesc>
            <correspDesc>
                <correspAction type="sent">
                    <persName ref="#tillich_person_id__2356">Christian Herrmann</persName>
                    <placeName ref="#tillich_place_id__37">Berlin</placeName>
                    <date when="1948-07-17">17.07.1948</date>
                </correspAction>
                <correspAction type="received">
                    <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
                </correspAction>
            <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__2356">Korrespondenz mit Christian Herrmann</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__2356" target="L11239.xml">Brief von Paul Tillich an Christian Herrmannvom 5. Oktober 1948</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11191.xml">Brief von Ernst Seeberger an Paul Tillich vom 16. Juli 1947</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11193.xml">Brief von Johannes Kandeler an Paul Tillich vom 17. Juli 1948</ref></correspContext></correspDesc>
            <langUsage>
                <language ident="deu">Deutsch</language>
            </langUsage>
        <creation><date type="sort" when="1948-07-17"/></creation></profileDesc>
        <revisionDesc status="approved">
            <change when="2026-06-07" who="CO">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text type="letter">
        <body>
            <div type="writingSession">
                <pb n="1"/>
                <opener><dateline><rs ref="#tillich_place_id__37" type="place">Berlin</rs> W 30; den
                            <date when="1948-07-17">17. Juli 1948</date><lb/> Ansbacherstr.
                        16</dateline><salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paul</rs>!</salute>
                </opener>
                <p>Ich wäre Dir von Herzen sehr dankbar, wenn Du mir den beiliegenden Text als
                    Fürsprache in meiner Wohnungsangelegenheit schreiben wolltest. Am
                    zweckmässigsten ists wohl, Du schickst ihn mir, damit ich ihn zusammen mit den
                    übrigen Papieren einreichen kann.</p>
                <p>Meine Not ist gross. Die Wohnung ist mir durch die amerikan. Militärregierung
                    zwar zugesprochen worden nach zweijährigem Bemühen; ich bin auch schon darin
                    seit <date when="1948-07-01">1.7.</date> Aber es fehlt mir noch die
                        <q>Zuzugserlaubnis</q>, auf die ich erst Lebensmittelkarten beziehen kann
                    und auf die ich erst den Zuzug meiner Familie, die noch immer in einem Dorf
                    südwestl. von <rs ref="#tillich_place_id__658" type="place">Nordhausen</rs>
                    sitzt, beantragen kann. Ich bin durch das nun 5 Jahre dauernde Alleinleben in
                    möblierten Zimmern, manche Sorge und äussere und innere Not herzkrank und bis
                    auf 122 Pfund heruntergekommen. <rs type="person">Die Kinder</rs> müssen in eine
                    höhere Schule und sie brauchen den Vater, und <rs type="persom">meine Frau</rs>
                    vergrämt und ver<pb n="2"/>sorgt sich durch die endlose Trennung. Wir
                        <unclear>alle</unclear> wären Dir tief dankbar, wenn Deine
                        F<unclear>ür</unclear>sprache bei der amerikan. Militärregierung
                        <unclear>mir</unclear><!-- evtl. auch <q>uns</q> – unleserlich, da durch Blattheftung verdeckt -->
                    die Einweisung verschaffte. –</p>
                <p>Ich war sehr glücklich, dass ich Dich nach langen Jahren wiedersah; es war
                    menschlich und geistig beglückend für mich. Ich bedaure nur, dass die
                    Verhältnisse es unmöglich machten, dass wir uns länger und intensiver
                    aussprachen. Sehr, sehr gern hätte ich mehr von Deiner Sicht und Beurteilung der
                    geistigen, politischen und sozialen Verhältnisse und Vorgänge gehört und mich
                    mit Dir darüber ausgesprochen. Gern hätte ich Dir etwas von meinem Buch über
                    Phänomenologie erzählt, an dem ich schreibe und gern hätte ich Dir auch etwas
                    von meinem Erinnerungs- und Gedenkbuch an das <q><rs ref="#tillich_place_id__37" type="place">Berlin</rs>, wie es war und wie es niemehr sein wird</q>,
                    an dem ich seit langem arbeite, erzählt oder etwas davon vorgelesen.</p>
                <p>Die fürchterliche Zerrüttung aller Verhältnisse, die Hilflosigkeit und Not, die
                    eigene und die unzählige anderer Menschen, die Ohnmacht des Einzelnen, das alles
                    seit Jahren an sich selbst und um sich zu sehen, hat mich im Tiefsten
                    erschüttert und bis zum seelischen Kranksein erschreckt und
                        bedrü<unclear>ckt.</unclear><pb n="3"/> Nur der Gedanke an meine Familie,
                    die mich ja noch eine Reihe von Jahren braucht und auch eine tief im Innern
                    empfundene Ahnung von einem höheren d. h. über das Zeitliche hinausgreifenden
                    Sinn hat mich ein paarmal abgehalten, mich von diesem missratenen Planeten
                    wegzugeben.</p>
                <p>Sehr gern hätte ich Deinen Vetter <rs ref="#tillich_person_id__1922" type="person">Ernst Tillich</rs> kennen gelernt, von dem ich seit langem
                    sehr kluge und gut geformte Aufsätze im <q>Sozialistischen Jahrhundert</q>
                    lese.<note/> Am Dienstag hielt hier <rs ref="#tillich_person_id__1176" type="person">Prof. Fritz Lieb</rs> aus <rs ref="#tillich_place_id__31" type="place">Basel</rs> einen Vortrag über <q>Christentum und Marxismus</q>.
                    Aus dem Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit des Christentums kam er zu
                    einem unbedingten Bekenntnis zum sowjetischen Kommunismus. –</p>
                <p>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__2356" type="person">Paul</rs>! Ich wünsche
                    Dir von Herzen alles Gute. Grüsse bitte <rs ref="#tillich_person_id__1923" type="person">Hannah</rs> sehr herzlich von mir und übermittle ihr meine
                    guten Wünsche für sie und die Kinder. Wie gnädig und günstig war Euch die dunkle
                    Macht, dass sie Euch vor 15 Jahren nach <rs ref="#tillich_place_id__684" type="place">Amerika</rs> führte!</p>
                <closer><salute>Mit herzlichem Händedruck</salute><signed>Dein <rs ref="#tillich_person_id__2356" type="person">Christian</rs><pb n="4"/></signed></closer>
            </div>
            <div>
                <opener><salute>An<lb/>die Amerikanische Militärregierung</salute><dateline><rs ref="#tillich_place_id__46" type="place">Berlin-Schöneberg</rs></dateline></opener>
                <p>Als Bürger der <rs ref="#tillich_place_id__684" type="place">Ver. Staaten v.
                        Amerika</rs> bitte ich, die Aufmerksamkeit und die Fürsorge der
                    Amerikanischen Militärregierung auf <rs ref="#tillich_person_id__2356" type="person">Herrn Christian Herrmann</rs>, der mir seit 1917 bekannt ist
                    und von dem ich sagen kann, dass er Ihre Förderung verdient, hinlenken zu
                    dürfen.</p>
                <p><rs ref="#tillich_person_id__2356" type="person">Herr Christian Herrmann</rs>,
                    der sehr erkrankt ist, braucht dringend die Fürsorge seiner Familie, wenn er
                    seinen Angehörigen noch länger erhalten bleiben soll. Dazu ist nötig, dass er
                    die Zuzugserlaubnis nach <rs ref="#tillich_place_id__46" type="place">Schöneberg</rs> in seine Wohnung erhält, damit er seine Familie zu sich
                    nehmen kann. Wie ich weiss, ist die Wohnung durch eine Sonderbestimmung der
                    Militärregierung bereits zugesprochen worden.</p>
                <p>Ich bitte, weil hier ein Härtefall vorliegt, allgemein menschlichen und
                    moralischen Erwägungen zu folgen und durch eine Sonderanweisung <rs ref="#tillich_person_id__2356" type="person">Herrn Christian Herrmann</rs>
                    und seinen Angehörigen die Zuzugserlaubnis nach <rs ref="#tillich_place_id__46" type="place">Schöneberg</rs> zu geben.</p>
                <closer><signed>gez. <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">P.
                        T.</rs></signed></closer>
                <postscript>
                    <p>Wenn Du diesen Text noch wirkungsvoller gestalten kannst, wäre ich Dir
                        hierfür noch besonders dankbar.</p>
                </postscript>
            </div>
        </body>
    <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__1922">
                  <persName>Tillich, Ernst</persName>
                  <birth>
                     <date>1910-06-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Marienwerder</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1985-03-16</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__130">Düsseldorf</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/128547227</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Er war der Neffe von Paul Tillich.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1176">
                  <persName>Lieb, Fritz</persName>
                  <occupation>Schweizer reformierter Theologe und Slawist</occupation>
                  <note type="bio">
                     <p>Ab 1912 zunächst Studium der Assyriologie in Basel und Berlin, unter dem Einfluss der Schweizer religiöse-sozialen Bewegung wechselte er zur Theologie, wurde ordiniert und Vikar bei Karl  Barth in Safenwil. 1923 wurde L. zum lic. theol. promoviert. 1924 habiliterte er sich in Basel. Seit 1915 war er Mitglied der SP. 1925-1930 war er Privatdozent an der Universität Basel, danach ao. Professor für östliches Christentum in Bonn. Nach seiner Entlassung 1933 lebte er 1934-1937 bei Paris, wo er unter anderem die Freie Deutsche Akademie gründete und bis 1936 (seit 1929) zusammen mit Nikolaj Berdjajew die Zeitschrift Orient und Occident herausgab. 1937 konnte er an die Universität Basel zurückkehren, wo er bis 1962 Dogmatik und Theologiegeschichte lehrte. 1938-1953 saß er zudem für die SP im Basler Großen Rat.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1923">
                  <persName>Tillich, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1896-05-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Rotenburg a. d. Fulda</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1988-10-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>East Hampton, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119096102</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Tillich (17. Mai 1896 – 27. Oktober 1988) war eine deutsche und später US-amerikanische Zeichenlehrerin, Malerin, Schriftstellerin und Modell. Aufgewachsen im Pfarrhaus ihrer Eltern in Rotenburg an der Fulda, absolvierte sie von 1912 bis 1916 eine Ausbildung an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und arbeitete ab 1919 als Zeichenlehrerin in Berlin-Neukölln. 1920 heiratete sie den Maler Albert Gottschow, von dem sie sich nach kurzer Ehe und einem persönlichen Schicksalsschlag wieder trennte. 1924 ging sie die Ehe mit Paul Tillich ein, mit dem sie in Marburg, Dresden und Frankfurt lebte und 1933 in die USA emigrierte. Nach der Geburt zweier Kinder nahm sie Mitte der 1930er Jahre ihre künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer autobiographischen Schrift From Time to Time (1973), in der sie offen über ihr Leben und ihre Ehe berichtete; eine deutsche Ausgabe erschien erst 1993.</p>
                  </note>
               </person>
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                  <persName>Herrmann, Christian</persName>
                  <occupation>Philosoph und Pädagoge</occupation>
                  <note type="bio">
                     <p>Christian Herrmann (1890–1953) war ein deutscher Philosoph und Pädagoge mit religiös-sozialistischer Ausrichtung. Er gehörte zum engen Bekanntenkreis des Theologen Paul Tillich. 1919 erwarb er seinen Doktortitel durch eine Abhandlung zu Hegel bei zwei namhaften Gelehrten. Herrmann wirkte als Herausgeber von Werken eines bedeutenden Idealisten und veröffentlichte in sozialistischen Periodika. 1926 unternahm er eine Reise durch Frankreich mit Tillich und einem Kunsthistoriker, während welcher Tillich eine philosophische Schrift zum Dämonischen erarbeitete.</p>
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