Der editierte Text

| Kassel (Details anzeigen), Reginastr. 12
28.6.48

Lieber Paulus (Details anzeigen)!

Vielen Dank für Deinen Brief, ich weiss nicht, ob Huschchen (Details anzeigen) schon selbst geschrieben hat, weil ich wenig zu Hause war, sie wolle es tun. Einstweilen ist sie selig mit ihrem Kaffee und hat ihre Margarine bereits zu dreivierteln uffgefuttert!

In den nächsten Tagen bekomme ich die Zulassung für mein Motorrad, da rutsche ich mal nach Lüdersdorf (Details anzeigen) zu meinen Kindern, und wenn ich es schaffe, komme ich vielleicht mal in Marburg (Details anzeigen) mit ran.

Mit Schafft (Details anzeigen) sprach ich heute nachmittag. Ich war ein bisschen erstaunt, als er mir Vorschläge vorlegte, da ich selbst doch herzlich gebeten hatte, Du möchtest in einem kleinen Kreise mal sprechen, der – aus meiner Umgebung – hier auf Dich wartet. Schafft (Details anzeigen) sagte, Du solltest in der Kurhessischen Gesellscha[ft] sprechen, im Landesmuseum. Ich hatte davon bis heute keine Kenntnis, und hatte mich selbst bemüht und für diesen Zweck einen Magistratssaal zugesagt erhalten, in dem der Raum etwas festlicher und zugleich intimer ist. Es wäre Gelegenheit gewesen, das Ganze im Rahmen eher einer geselligen Veranstaltung aufzuziehen und nicht im Rahmen eines Vortrages. Ich hätte dann auch Gelegenheit gehabt, alle die jungen Menschen, die sich viel davon versprachen, einzuladen und dazu zubitten.

Wie das jetzt sein soll, weiss ich nicht, es ist alles so aus meiner Hand genommen worden.

Spielen politische Bedenken eine Rolle?

Ich weiss, dass Schafft (Details anzeigen) an die SPD gebunden ist und dass die SPD aus begreiflichen Gesichtspunkten – wir lehnen die weltanschaulich gebundenen Parteien ab – nicht gut auf uns zu sprechen ist. Grade von ihrer Seite sind wir manchmal i wenig schöner Weise persönlich und unsachlich apostrophiert worden, ohne dass sich jemals einer wirklich um diese jungen Leute bemüht hätte. Es ist also sehr billig, zu verdammen, ohne gehört zu haben. Dabei sind die Tendenzen der Jugend in Deutschland (Details anzeigen) so unzweideutig ablehnend gegenüber den „alten“ Parteien, dass jeder Versuch, die „neuen“ Kräfte zu bagatellisieren oder präsumtiv zu verdammen und als neue Faschisten oder dergl. abzustempeln, zum Misserfolg verurteilt sind, und im besten Falle durch die damit erfolgte Ablehnung und Nichtanhörung die Jugend wieder in irgend ein radikales Lager führen. Die Jugend will aber hören, sie ist durchaus aufgeschlossen, nur glaubt sie den „Alten“ nicht mehr, sie will selbst ein Urteil und eine Form finden.

Aus diesem Grunde finde ich es so bedauerlich, dass es Dir scheinbar bis jetzt noch nicht möglich ist, auf meine Bitte einzugehen.

Die Jungen Leute lehnen Schafft (Details anzeigen) ab, wegen seiner Stellung im Jugendaufbauwerk, seiner Bindung an den zweifelhaften Herrn Schotte (Details anzeigen), seiner Tendenz bei der Bevorzugung einzelner Jugendgruppen, die klar parteilich gebunden sind usw., – na, alles Dinge, deren wirklicher Wert schwer zu beurteilen ist, aber der Erfolg ist, dass diejenigen, die ich gerne mit an die Arbeit haben will, und die nicht irgendwie parteimässig gebunden sind, ihn nicht mögen. Da man kann man nichts machen, es ist so.|

Schafft (Details anzeigen) will am Sonntag in Marburg sein. Vielleicht hast Du die Möglichkeit, mit ihm darüber zu sprechen, ob es möglich ist, dass wir uns mit unserem Kreise beteiligen. Auch Walter Krust-Ortlieb (Details anzeigen), Chefredakteur der Kassler Zeitung, der von der SPD ebenfalls als Parteiloser sehr angefeindet wird, hat zahlreiche Leute zur Hand, die gern von Dir etwas hören würden.

Es würde mich sehr freuen, wenn Du mir darüber etwas schreiben oder durch Schafft (Details anzeigen) ausrichten lassen könntest. Ich rufe ihn am Montag an oder suche ihn auf, wie er wünscht.

Oma (Details anzeigen) bittet Dich, doch an den Shawl mal zu denken, der bei Frau Ruth Kempner (Details anzeigen) eingegangen sein muss. Sollte Dich der Weg über Nürnberg (Details anzeigen) führen, vergiss es nicht!

Ich bin gespannt auf Deine Antwort und grüsse Dich herzlich!

Dein
Walther Werner (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aKassel
bTillich, Paul
c
dLüdersdorf
eLüdersdorf
fSchafft, Hermann
gSchafft, Hermann
hSchafft, Hermann
iDeutschland
jSchafft, Hermann
kSchotte, ???
lSchafft, Hermann
mKrust-Ortlieb, Walter
nSchafft, Hermann
o
pKempner, Benedicta Maria
qNürnberg
rWerner, Walther

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/203 (11)
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Unterschrift eigenhändig

Postweg
Kassel - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Walter Wernervom 21. Juni 1948

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Walther Werner an Paul Tillichvom 28. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11175.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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