Der editierte Text

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Kassel (Details anzeigen), Reginestr. 12 4.6.48

Lieber Paulus (Details anzeigen)!

Die Zeit war zu kurz – zu gern hätte ich noch mit Dir gesprochen, über vieles, was uns bewegt, und was wir gern mit Dir besprochen hätten. Aber ich hoffe zuversichtlich, Du wirst uns noch mal Gelegenheit geben zu ein paar Stunden zum Plaudern.

Oma (Details anzeigen) war heute selig. Dein Paket kam an, aus Frankfurt (Details anzeigen) ausgezeichnet verpackt, und mit grandiosem Inhalt. Unsere alte Kaffeetante war beglückt über den Kaffee, zwei Büchsen! Übrigens sind die hier zusammengestellten Pakete fast zweckmässiger als die Original-Carepakete, die Qualität der Sachen ist offenbar auch besser. Allerdings haben wir die Fleischbüchsen noch nicht aufgemacht. Sehr gute Schokolade, die Oma, allerdings beide Omas und ich leider auch, ruckartig verkonsumiert hat. Heute mittag sagte sie strahlend: So, jetzt ist sie alle! Gott sei Dank!

Hab vielen herzlichen Dank. Ich habe in den letzten Wochen, die wirklich sehr schwer waren, mich bemüht, alles ran zu schaffen, was ich konnte. Aber so gross sind meine Möglichkeiten nicht und die Mittel beschränkt. Wir – fressen noch Oma Albrecht (Details anzeigen)s Brilliantohrringe auf, – die ich vorigen Sommer vertauschte, mir davon Instrumente organisierte, Operationsmöbel etc., das Haus bezw. die Wohnung bestreite und den Rest jagen wir durch die Gurgel, allerdings in fester Form. So habe ich die Omas vor dem dringendsten auch bewahren können, aber ohne die amerikanische Hilfe wäre es ganz ausgeschlossen gewesen, da ich ja doch vor allem Produktionsmittel für meine Existenz schaffen musste, also Kleider u. dergl.| kommen gar nicht in Frage. Nur vor Hunger musste ich sie schützen, und da[ ha]ben die Pakete von Brubaker und Kilde grossartig geholfen. Bitte versäume doch nicht, Ihnen selbst meine tiefe, tiefe Verbundenheit auszudrücken. Ich versuche wenigstens, die Liebe, die sich in der Beiden Tun kundgibt, nach meinen Kräften weiterzugeben. Und das ist nicht nur für die eigene Eitelkeit befriedigend, sondern sogar nutzbringend. Denk nur, heute kam ein Mann, dessen Tochter ich (ohne Entgelt) vor Monaten wegen seiner Notlage mal helfen konnte, und brachte eine halbe Hammelkeule!

Oma Albrecht (Details anzeigen) ist vorgestern noch in das Elisabethkrankenhaus aufgenommen wegen, wegen der unsagbaren Schwäche und Unterernährung. Einen Organbefund haben wir nicht, ausser Heimweh und Unterernährung. Die andere Umgebung wird ihr guttun. Heidi (Details anzeigen) soll auch hin, sie hat dauernd Fieber ohne fassbare Ursache, die körperliche Resistenz ist zu geschwächt. Sie war schon im Hersfelder Krankenhaus, aber sie musste wegen Ueberbelegung mit Infektionskrankheiten nach zwei Tagen ungeklärt wieder entlassen werden.

Am Dienstag kam Walter Krust-Ortlieb (Details anzeigen) zu mir, der Chefredakteur der Kasseler Zeitung, eine sehr sympathische Figur, überparteilich, und ich glaube, wirklicher Idealist im Sinne eines Humanismus. Er ist sehr erfreut, dass Du prinzipiell bereit bist, zu uns privat in Kassel (Details anzeigen) zu sprechen. Thema? Deine Vorschläge erbitten wir. Der Kreis der Menschen, der Dich gerne hören möchte, ist vielfältig. Ganz Junge, Unerfahrene, dialektisch ungeübte Jungens, Theologen, Wirtschaftler, Aerzte, Politiker aus allen Lagern. Es soll auf keinen Fall irgendeinen politischen oder offoziellen Anstrich haben. Ganz privat, im privaten Kreis, vielleicht mit Beisammensein hinterher für einige Stunden. Quartier (einfach)| entweder bei mir oder anders wo besorge ich für Dich, dass Du nicht nachts zu fahren brauchst. Du glaubst nicht, wie gross der Hunger nach Worten aus der „anderen“ Welt ist, und wie gross die Aufnahmebereitschaft.

Es wäre sehr schön von Dir, wenn Du uns einen Termin sagen könntest und Deine Wünsche äussern würdest über Form und Umfan[g].

Soll der Bürgermeister gebeten werden? Oder sieht das politisch aus? Soll die Auswahl nach einem bestimmten Niveau der Begriffsmöglichkeit getroffen werden? Bitte äussre doch ganz kurz Deine Wünsche. Wir hoffen sehr auf Dich! Die Diskussion mit dem Einzelnen ist doch der einzige Weg für uns, Klarheit zu suchen und einen Weg zueinander zu finden.

Oma (Details anzeigen) lässt tausendmal danken! Sie wird selbst noch schreiben, aber dieser Brief soll fort.

Ist Dir Prof. Dr. med. Sippel (Details anzeigen) noch ein Begriff? Er kennt Dich auch persönlich von irgend einer Diskussion über Nietzsche (Details anzeigen). Er ist jetzt Leiter der Ärztekammer hier. Mit Schafft (Details anzeigen) war ich gestern in einer Versammlung der Ev. Kirche, Hilfswerk, Flüchtlingsprobleme. Ich konnte ihn aber nicht sprechen. Ich vermute, er lehnt uns wegen seiner politischen Bindung a priori ab, aber leider sicher, ohne uns gehört zu haben. Er kennt sicher nur den Radau des Wahlkampfes. Das bedaure ich sehr. Ich habe ihn zum ersten Male gesehen und weiss sonst nichts von ihm.

Wenn es Dir möglich ist, mach unsere Bitte wahr und schreib bald.

Mit herzlichen Grüssen

Walther Werner (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aKassel
bTillich, Paul
cWerner, Louise
dFrankfurt am Main
e
f
g
hKrust-Ortlieb, Walter
iKassel
jWerner, Louise
kSippel, ?
lNietzsche, Friedrich
mSchafft, Hermann
nWerner, Walther

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 203(11)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Brief von Paul Tillich an Walter Wernervom 21. Juni 1948

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Walther Werner an Paul Tillich vom 4. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11145.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11145.pdf