Der editierte Text

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11.II.48

Lieber Freund Tillich (Details anzeigen):

Sie erwarten zu viel von mir. Ich weiss fast gar nichts über Przywara (Details anzeigen). Trotzdem antwortete ich dem Yale Mann1 und sagte ihm einiges, besonders empfahl ich ihm, Helmuth Kuhn (Details anzeigen) und Maximilian Back (Details anzeigen) zu konsultieren.

Mein Bedauern, Sie nie erreichen zu können bei meinen verschiedenen Aufenthalten in New York (Details anzeigen), war gemildert durch die Befriedigung, die ich empfand ob der Tatsache, dass Sie on sabbatical leave waren.

Ich hoffe, dass es Ihnen jetzt sehr gut geht – mit diesem Urlaub im Rücken. Und den Ihren auch.

Von mir kann ich Gutes berichten. Ich bin seit September assistant professor for sociology at Marquette University und werde im Juni ein associate sein. Ich habe grösseren Erfolg in meiner Arbeit, als ich erwarten konnte. Meine Studenten schicken mir anonym Schlipse und Zigaretten und geben unanonym ihrer Befriedigung über meine Kurse Ausdruck. Die Kollegen haben zu einem beträchtlichen Teil ein sehr gutes Niveau, und ich finde Anregung. Ich bin zu 75% in social science und zu 25% in political science (current international problems). Ich betrachte es als eine nicht unkomische Seite meines Erfolgs, dass ich nächste Woche der Redner des Eagle's Luncheon Club on the Air sein werde (Atomic Energy and our Responsibilities).

Ich fühle mich an Marquette freier, als ich mich wahrscheinlich an Fordham fühlen würde. Zu traurig, dass Marquette nicht in N. Y. (Details anzeigen) ist.

Ich fange gar nicht erst an, in diesem kurzen Brief etwas zu sagen über die Weltlage und über den Geist, der „unser“ Vaterland durchweht. Ich betrachte Soziologie manchmal als eine Art escape from despair, weil ich als Soziologe nicht nur das Recht, sondern die Pflicht habe, zu fragen nach den Ursachen zu fragen, die es zuwege bringen, dass Dummheit die Welt regiert und dass die herrschenden Gruppen sich am besten gesichert fühlen, wenn sie sich der niederen Instinkte im Menschen und seiner Vorurteile als Waffen bedienen. Solche Forschung verändert nicht die Welt, aber gibt dem Forschenden Beruhigung. Und nebenbei kann es vielleicht ein ganz, ganz klein wenig helfen, das Denken junger Menschen zu verbessern. So versuche ich gerade jetzt, mit meinen Studenten ein Bild der Welt zu entwickeln, wie sie um das Jahr 2000 aussehen wird (wenn sie dann noch existiert). Die Studenten sollen erkennen, dass der Gegensatz: Amerika (Details anzeigen)Russland (Details anzeigen) kein absoluter ist, sondern nur eine Phase eines lang ausgezogenen Prozesses darstelltund dass das Schwergewicht in 2000 wohl in China (Details anzeigen) und Indien (Details anzeigen) liegen wird und nicht in USA (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Konnte nicht ermittelt werden.

Register

aTillich, Paul
bPrzywara, Erich
cKuhn, Helmut
dBack, Maximilian
eNew York City
fNew York City
gVereinigte Staaten von Amerika
hRussland
iChina
jIndien
kVereinigte Staaten von Amerika
lMorris, Rudolph Edward

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/167 (66)
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Briefkopf, Schlussgruß und Unterschrift eigenhändig; Briefkopf: „Marquette University, Milwaukee 3, Wisc.“

Postweg
Milwaukee, Wisc. - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Rudolph Edward Morris an Paul Tillich vom 29. September 1946

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Rudolph Edward Morris an Paul Tillichvom 11. Februar 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11123.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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