Der editierte Text

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99 Claremont Avenue, New York 27, N.Y.Oct. 1. 1945.

Meine liebe Elisabeth (Details anzeigen)!

Hab Dank für deinen zweiten Brief, der mir einige Lasten von der Seele genommen hat. Denn ich weiss nun, dass Ihr vereinigt seid und Du mit Deiner gewohnten Energie Euer beider Leben in die Hand nehmen kannst. Ich bewundere Deine Kraft, mit der Du zurückgegangen bist. Das Allgemeine über uns weisst Du ja, so will ich jetzt auf einzelne Fragen eingehen. Die erste und wichtigste: Die Lebensmittelpakete. Selbstverstädnlich schicken wir regelmässig, sobald wir klar wissen, wie. Es dauert ziemlich lange, und es wäre nach der Auskunft, die wir erhalten haben, nicht mehr möglich gewesen, es an den Übermittler dieses Briefes zu senden. Wir sind aber einer anderen Adresse auf der Spur, und denken, sie heut zu bekommen. Wir wer| den dann sofort etwas schicken, und regelmäßig fortfahren. Es kommt alles auf die Adresse eines lange in Berlin oder Tempelhof stationierten Soldaten an. An Jacob Billström (Details anzeigen) in Schweden habe ich geschrieben. Ich war immer mit ihm in Verbindung und habe oft von Euch durch ihn gehört. – Stehst du mit Frede (Details anzeigen) und Trude (Details anzeigen) in Verbindung? Ich kann mir denken, dass er alt geworden ist. Er hat ja die Welt immer so beurteilt, wie sie nun aussieht. Was sagt Ihr und er wohl zu der Atom-Bombe? Sie hat hier alles übertönt, sogar den Beginn des Friedens. Sie bedeutet eine neue Welt, die nicht mehr viel mit der zu tun hat, in der wir gelebt haben. Schreibe doch mehr über Frede (Details anzeigen) oder bitte ihn, mir zu schreiben. Das letzte, was ich von ihm gehört hatte, war über Pestalozzis (Details anzeigen) in Zürich (Details anzeigen); und das klang sehr traurig. – Weisst Du dass Eckart v. Sydow (Details anzeigen) schon 1942 gestorben ist? Wir haben zwei Nachrichten von M.L. (Details anzeigen) darüber. Die erste vor langer Zeit in einem Roten Kreuz Brief, die letzte aus Kassel (Details anzeigen), Reginastr. 12, wohin sie mit| ihrer Mutter (Details anzeigen) in ihr halb zerstörtes Haus zurückgekehrt ist. Vater (Details anzeigen) und ein Bruder sind gestorben, ein anderer Bruder ist in Breslau verschwunden, ein Bruder lebt mit ihnen [in] Kassel,1 eine Schwester (Details anzeigen) in Augsburg. – Die Schwerste von allen Nachrichten ist das Verschwinden von Hans Jürgen (Details anzeigen) und Hermann. Besteht nicht auch die Möglichkeit, dass sie in russischer Gefangenschaft sind und irgendwann einmal wieder auftauchen werden? Es ist unmöglich sich all das vorzustellen, was sich zur Zeit abspielt. Ich denke so oft an meine weissagenden Träume seit 1926: Die Schafe auf dem Potsdamerplatz weidend (wir haben Bilder gesehen, wie die Russen Vieh durch das Brandenburger Tor treiben), Erdmuthe (Details anzeigen) als Lager-Mädchen des 30 Jährigen Krieges (wir hören die tollsten Geschichten in dieser Beziehung von den deutschen Mädchen, mit und ohne Schuld). Es ist schrecklich, wenn Weissagungen wahr werden. – Ich habe an Frau Ohly geschrieben. Sie will wissen, wie es dem Mann ihrer Nichte geht. Ich weiss| wen sie damit meint. – Bitte schreibe mir doch gleich, wie Eckart von Sydow (Details anzeigen)gestorben ist. M.L. (Details anzeigen) hat das nicht angedeutet. Ich blicke, während ich dies schreibe, auf sein Bild. – Erzähle mir mehr von Euch, von Ehrhard (Details anzeigen) und seinen Erlebnissen während der Belagerung, von seinen Gedanken über die kirchliche Lage, die Treysaer Konferenz2 etc. Ich bin in einem beratenden Komittee des Welt-Kirchen-Rates für deutsche Kirchendinge und wäre Dir für jede Nachricht dankbar. Wir arbeiten hier für Hilfe für die deutschen Kirchen. – Sonst stecke ich tief in der Wissenschaft und werde bald ein Buch veröffentlichen, eine Sammlung von Artikeln unter dem Namen (übersetzt) Das Ende des protestantischen Zeitalters? (Details anzeigen) – Bitte schreibe mir doch auch über Deine Wanderungen in Tagebuchform, d.h. so genau wie möglich! Schreibe, so oft zu kannst!

In Liebe

Dein

Paul (Details anzeigen)

Es grüssen Hannah (Details anzeigen), Erdmuthe (Details anzeigen) und René (Details anzeigen).

Grüsse Ehrhard (Details anzeigen) und alle, die du erreichen kannst!


Fußnoten, Anmerkungen

1Die drei Söhne der Familie Werner hießen Roland (Details anzeigen), Hellmuth (Details anzeigen) und Walter (Details anzeigen). Eine Zuordnung der im Brief genannten Schicksale zu den einzelnen Brüdern ist nicht möglich.
2Die Konferenz von Treysa fand vom 27. bis 31. August 1945 in Treysa (Details anzeigen) (heute Schwalmstadt-Treysa, Nordhessen) statt. Sie war eine der wichtigsten kirchenpolitischen Versammlungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und legte den Grundstein für die Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Vertreter der Landeskirchen berieten über die Neuordnung der evangelischen Kirche nach dem Ende des NS-Regimes und das Verhältnis zur internationalen Ökumene.

Register

aSeeberger, Elisabeth
bBillström, Jakob
cFritz, Alfred
dFritz, Gertrude
eFritz, Alfred
fPestalozzi, Rudolf
gZürich
hSydow, Eckart von
iWerner, Marie Luise
jKassel
kWerner, Louise
lWerner, Jean Otto Nikolaus
mWerner, Roland
nWerner, Hellmuth
oWerner, Walther
pWerner, Elisabeth
qSeeberger, Hans-Jürgen
rFarris, Erdmuthe
sSydow, Eckart von
tWerner, Marie Luise
uSeeberger, Erhard
vTreysa
wTillich, The Protestant Era, 1948
xTillich, Paul
yTillich, Hannah
zFarris, Erdmuthe
aaTillich, René Johannes Stefan
abSeeberger, Erhard

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/184(11)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Paul Tillich an Elisabeth Seebergervom 16. Juli 1938
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Elisabeth Seeberger an Paul und Hannah Tillich vom 01. Juli 1946

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vom 1. Oktober 1945, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10867.html, Zugriff am ????.

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