Der editierte Text

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New York,d.30.12.1935

Lieber Freund Adolf,

ich versprach Dir bestimmt, noch im alten Jahr den ersten als Rundbrief gemeinten Brief herausgehen zu lassen. Daraus wird nun nichts, denn das nächste Schiff geht erst im neuen Jahr, aber wenigstens soweit es an mir liegt, will ich mein Versprechen einlösen und da wird es Zeit. Ich gebe einen Durchschlag an {¿¿¿} und hier weitere {¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿} und an Paul. Mein Brief ist eine Antwort auf Deine beiden grossen Briefe vom Juli, der die ihm seinerseits an seinen Brief über Mannheim Buch angeknüpft hatte. Ich lasse diese vorübergehenden Dokumente hier zirkulieren (sie haben sehen [sic!] ein mal diskutiert), denke aber, dass dieser Brief auch ohne sie verständlich gemacht werden kann. Ich würde mich riesig freuen, wenn wir nun auf diese Weise wirklich den ersehnten Gedankenaustausch in Gang brächten. Dabei will ich ausdrücklich vorausschicken, dass dem Sinne des Rundbriefes entsprechend ich im vertrauten Kreise Dinge erörtern will, die entweder noch nicht druckreif sind, oder jedenfalls in dieser Form nicht druckreif sind. Der Rundbrief setzt also eine gemeinsame Basis voraus, im Namen dere man auf Verständnis auch da hoffen darf, wo man eine breitere Öffentlichkeit durchaus zu scheuen hätte.

Unsere bishrige Unterhaltung muss kurz rekapituliert werden. Sie ging von meiner Kritik an dem Mannheimschen Buche aus. Ich versuchte auseinander zu setzen, dass der Grundbegriff in diesem Buche, die planende Umbiegung des Menschen für die Zwecke eines reibungslosen Gesellschaftsprozesses zweideutig und gefährlich sei, weil sie den Gesellschaftsprozess rein formal fasst und daher ebenso gut für Hitler als für uns Material liefert, ja noch nicht einmal Unterscheidungsmerkmale bietet. Du wandest dagegen zweierlei ein: erstens habe die Seinsanalyse an sich ihr Recht, gleichgültig ob man die bestehenden Tendenzen billigt oder nicht, und zweitens sei ja in der Seinsanalyse die Werkanalyse mit enthalten, wenn man die Marx'sche Basis nicht ganz aufgeben will. Auf dieser Beziehung hatte ich geschrieben, dass ich keine Soziologie und keinen Marxismus {¿¿¿} könne, die von mir verlangen, immer dabei zu sein, und darauf {¿¿¿} Du mir fast unter Berufung auf meine frühere Arbeit, für die Aufklärung des Verhältnisses zwischen Sein und Sollen in unserer Welt. Das also ist der Punkt, den ich behandeln möchte. {¿¿¿} eins {¿¿¿ ¿¿¿}

| Ich habe zu der Wirklichkeit des Proletariats und des Sozialismus immer ein ganz anderes und unendlich schwächeres Verhältnis gehabt als manche von uns, auch Du und noch mehr Standinger. Er war vor dem kriege aktiv in der Partei tätig. Du wohl spätestens zu Ende des Krieges. Ich bin mit Ach und Krach Weihnachten 1926 in die Partei eingetreten, nach dem Erscheinen der Sittlichen Idee des Klassenkampfes, als ich auf der einen Seite in der Partei einige {¿¿¿} hatte, andererseits den Erfolg des kleinen Buches wesentlich von meiner Zugehörigkeit zur Partei abhängig glaubte, da die orthodoxen Angriffe auf den Aussenseite sehr heftig waren, und drittens meine eigenen Ansichten und Absichten durch das kleine Buch auch gegenüber der Partei klargestellt waren. Vielleicht erinnerst Du Dich, dass Du in der Debatte nach Pauls Vortrag in der Hochschule für Politik eine sehr oppositionelle Rede von mir gegenüber den anwesenden Parteigrössen richtig stelltest, und dass Du mir mehrfach aus meinen Aufsätzen in den neuen Blättern Spitzen gegen die Partei und die Arbeiterbewegung herausgestrichen hast. Ich erwähne das alles, um klar zu machen, dass mein gegenwärtiger Mangel an Gefühl für die sozialistische Bewegung nicht etwa auf meine amerikanische Umgebung zurückgeführt werden kann. Ich habe mit der amerikanischen Umwelt sehr wenig Fühlung und sehe nicht, dass ich von ihr beeinflusst wäre, aber es bliebe ja für mich durchaus die Möglichkeit, mich so zu verhalten wie Laaki, der für Europa sehr radikal und für Amerika in keiner Weise Sozialist sondern Rossevelt Anhänger ist, was ich durchaus nicht als widerspruchsvoll empfinde, da die Wirklichkeitstendenzen diesseits und jenseits des Wassers zu verschiedenartig sind. Nicht einmal diese differenzierende Lösung aber kann ich für mich in Anspruch nehmen sondern habe auch für Europa sehr weitgehend den inneren Zusammenhang mit der sozialistischen Bewegung verloren oder viel mehr ihn auf die Treue gegenüber denjenigen reduziert, die sich unter Sozialismus etwas ähnliches vorstellen wie ich. Anders ausgedrückt, ich habe mich um das Problem von Sein und Sollen deswegen die vielen Jahre hindurch bemüht, weil mir das Zusammenfallen beider immer problematisch war, ich ihre Identität in keiner Weise als gegeben genommen habe, und ich vielmehr feststellen musste, bis zu welchem Grade und noch wichtiger unter welchen Bedingungen sie denn nun eigentlich zusammenfielen.

| Darin liegt nämlich, dass das Zusammentreffen von Sein und Sollen in der proletarischen Bewegung, selbst wenn es einmal bis zu einem menschlich möglichen Maße bestanden haben sollte, ein ander Mal auch aufhören kann. Historisch liegt das dann so, dass eine Gelegenheit vertan ist, und statt zu sinngemäßer Verwirklichung zu Dingen gebraucht worden ist, für die ich mich nicht deswegen interessieren kann, , weil ihre Träger die möglichen Träger des Sollens sind. Im Gegenteil, es scheint mir gute prophetische Tradition, dass man gegen das auserwählte Volk steht, gerade weil es das auserwählte Volk ist. Hier hab ich nun allerdings ein gut marxistisches Zugeständnis gemacht, wonach nämlich die Existenz des Proletariats nach wie vor ein Normelement in sich enthält, auch wenn die reale Bewegung es auchnoch so sehr verschüttet. Ich will nach dieser Einleitung nun auseinanderzusetzen versuchen, in welchem Sinne ich meine alte Position in Bezug auf den Zusammenhang von Sein und Sollen konsequent x inne zu halten glaube.

Vielleicht kann ich das, was ich meine mit einem Schlagwort andeuten, indem ich es materialistische Noologie nenne. Im Marxismus und übrigens ganz genauso in der Smith'schen Lehre sind ja eben zwei Elemente miteinander verknüpft, sodass das kausal Notwendige zugleich das sinngemäß Notwendige ist. Man kann also die ganze Lehre statt soziologisch unter dem Gesichtspunkt der Sinnentfaltung darstellen, man kann die Struktur des νοuς konkret feststellen. Wenn Sein und Sollen durch ein Versagen der Träger des Sollens in Sein auseinandergerissen werden, so ist damit die Sollenslehre in ihrer Geltung überhaupt nicht berührt. Sie bleibt eine materialistische, was bedeuten soll, dass die den Menschen formenden Wirtschaftsformen auf die ihnen inne wohnenden Formen sinnvollen Lebens hin befragt werden. Um es konkret zu sagen glaube ich nach wie vor, dass in einer grossindustriellen Arbeitswelt eine gemeinschaftliche Organisation des Arbeitslebens die einzig mögliche Verwirklichung des Sinnes darbieten würde, unter den Kantelen und mit den genauen Begrenzungen, die den Gegenstsant meines wissenschaftlichen und politischen Interesses gebildet haben. Dies bleibt wahr, auch wenn ich die Europäische Arbeiterbewegung unter dem Vorantritt Russlands für abgefallen halten muss und wenn in der amerikanischen Arbeiterbewegung weder in einer verzerrten noch in sonst irgend | einer Form etwas von dem vorausgesetzten Normbewusstsein zu Tage tritt.

Wenn ich von materialistischer Noologie sprach, so meine ich das Wort materialistisch ganz und gar im historisch dialektischen Sinne von Marx. Durch die Gewalt des Geschichtsprozesses wird die Struktur des Lebens geändert und sein innerer Drang richtet sich auf entsprechend neue Lebensformen. Nur wird die Gesamtdarstellung komplizierter, sozusagen auf jeder Stufe um alle ihre negativen Möglichkeiten bereichert. Auf jeder Stufe entsteht die Frage der ihr entsprechenden Sinnformung und die Frage nac hden möglichen Versiegungen und Dämonisierungen. Insofern das eben nur als sinnvolles gelebt werden kann, muss Sinnwidrigkeit natürlich in irgendwelche Katastrophen verstrickt werden und kann nur durch si hindurch oder durch das ganz merkwürdige Phänomen der historischen Verfälschung des Widersinnes in einen unbeabsichtigten Sinn überhaupt weitergeführt werden. Daher scheint es mir, dass wir Geschichte und gegenwärtige Geschichte nur in der Weise schreiben können, dass in ihr gleichzeitig ein Hinweis auf das Sinnkoordinatensystem enthalten ist. Denn eine bruchlose Entwicklung wird den noologisch notwendigen entsprechen, und in dem Maaße, als eine positive Entwicklung von ihm abweicht, führt sie in Katastrophen.

Mir ist sehr klar, wieviele ungelöste Probleme in diesem Schema stecken. Erstens eine verborgene Anthropologie, zweitens alles mögliche Erkenntnistheoretische, das ich nicht einmal formulieren kann, und dass ich nur mit der Frage andeuten kann, welches eigentlich der Bereich und die Streuweite der verschiedenen Möglichkeiten auf der jeweiligen Stufe sind. Wir wissen, was kausal notwendig heisst, aber ich wäre in Verlegenheit wenn ich sagen müsste, was ich als möglich bezeichnen soll. Wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo in der Nähe der historischen Produktivität, die sich immer nur den rückwärts gewandten Blick als strenge Notwendigkeit darstellt.

Vielleicht ist das alles zu abstrakt und gar nicht nötig, um meinen Standpunkt in den aktuellen Fragen klar zu machen. Denn es ist natürlich nur die Systematisierung dessen, was ich aktuell zu sehen glaube. Wieder möchte ich etwas biographisches einflachten. Ich habe eienen Ausdruck wie den von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel immer gehasst und nie in den Mund genommen, weil er die rein kausalistische Deduktion zum Ausdruck | bringt und den Normcharakter ganz unterschlägt. Ich habe anstattdessen verschiedene Ausdrücke gebraucht z.B. Gemeineigentum an den Mitteln der gemeinschaftlichen Arbeit und habe dadurch zweierlei Normatives zum Ausdruck zu bringen versucht, erstens den Normcharakter als solchen, der in der Übereinstimmung der Sozialform mit der Arbeitsform besteht, und zweitens den konditionell begrenzten Charakter dieser Norm, ihre Anwendbarkeit nur dort, wo wirklich gemeinschaftlich gearbeitet wird, also in der Welt des Grossbetriebes. Dies also ist die Sinnlehre, die bei Marx wechselnd als Selbstverwirklichung oder als das Reich der Freiheit erscheint und als deren Kriterium bei ihm der Mythus vom Absterben des Staates steht: genau entsprechend der Smith'schen Lehre die Verwirklichung der Ordnung durch Freiheit, weil Arbeit unter Kollektivplanung der historisch geformten Natur des Proletariats entspricht, und daher für das Proletariat Freiheit bedeutet. Ich habe jene begrenzten Formulierungen lange gebraucht, ehe die Geschichte sie mit einem mich sehr überraschenden Inhalt versah. Denn die demokratische Grundidee der Ordnung durch Freiheit hat das Proletariat in Russland verraten und hat anstatt dessen den totalen Staat der gewaltsamen Vergesellschaftung gesetzt. Die deutsche Sozialdemokratie widerstrebte nur der russischen Methode, wusste aber auch kein anderes Ziel, auch sie erstrebte die totale Vergesellschaftung der Produktionsmittel an Stelle des Gemeineigentums an den Bereichen der Gemeinschaftsarbeit. Den historischen Beweis für den dämonischen Charakter dieser absolutistischen Umdeutung liefert ihr historischer Erfolg, der Faschismus. Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass er nicht wäre, was er ist wenn nicht in ihm positive Elemente enthalten wären. Sie können aber in ihm nur enthalten sein, weil sie von dem proletarischen Programm ignoriert und verachtet wurden, womit also gesagt wäre, dass das proletarische Programm die Erfüllung des historischen Sinnes verfehlte, indem es im Konfliktfalle Vergesellschaftung über Freiheit setzte.

Meine Entfernung von der Arbeiterbewegung ist meine Annäherung an die Bauernbewegung. Die Arbeiter stehen mir nicht näher als andere, denen es ebenso schlecht geht, und die Bauern in Russland stehen mir näher als die russischen Arbeiter. Die Produktivitätsfrage ist erstens ungeklärt, zweitens ist sie nicht von ausschlggebender grundsätzlicher Bedeutung und die sinnvolle russische Lösung habe ich in meinem Demokratieaufsatz zu analysieren versucht. Ich habe alle diese | Gedanken zuerst in etwas systematischer Form im Herbst 1933 in Ammersfoort vorgetragen und erinnere mich genau, wie Mannheim mich nach beiden Vorträgen ansprach und mich fragte, wo es eigentlich geschrieben stehe, dass man die Bauern nicht vergewaltigen dürfe. Ich hatte darauf keine Antwort und habe sie heute ebenso wenig. Aber Du siehst, dass dies der springende Punkt für mich ist, und wie ich zu meiner Kritik an seinem Buch gekommen bin. Du schreibst, der Satz sei nicht widerlegt, dass echte Ratio Gewaltlosigkeit sei, und auch Mannheim schreibt in seinem neuesten Brief, er könne mir verraten, dass Planung in Richtung der Spontanität das eigentlich von ihm gemeinte sei. Dann kommen wir zusammen. Planung in Richtung der Spontanität ist die historische Form des demokratischen Grundgedankens der Ordnung durch Freiheit, und der Verminderung der Gewaltsamkeit auf das Minimum. Aber sie fordert den produktiven Sinn, den ich meine, wenn ich von einer materialistischen Noologie sprach. Denn eine wirkliche Reibungslosigkeit des Gesellschaftsprozesses hat mit einer bestimmten gegebenen Natur der Menschen zu rechnen, in der zu leben Seine Freiheit ausmacht, auch wenn diese Natur noch so sehr historisch bedingt und gewandelt ist. Indieser Natur ist der Mensch er selber, das Geschöpf, mit dem wir zu rechnen haben, und da so wie es ist einen Sinnbeitrag in sich trägt. Indemn wir ihn entfalten, bauen wir das allein mögliche Reich der Freiheit und nicht dadurch, dass wir eine bestimmte, einer bestimmten Gruppe entsprechende Freiheitsform anderen Gruppen auferlegen.

Ich hoffe, klar gemacht zu haben, warum ich diese Überlegungen für äusserst realistisch halte, ich fürchte, sie enthalten den Schlüssel zu der Lage, die der Sozialismus nicht gemeistert hat, und der doch ausschließlich mit den Mitteln seiner eigenen Lehre gemacht ist.

Allen ein recht gutes Jahr ! Ich schliesse diesen Brief drei Stunden vor seinem Beginn, und bin sehr stolz, dass ich mein Versprechen doch noch gehalten habe.

Fußnoten, Anmerkungen

Register

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Marburg ???, ???, ???, ???
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Adolf ???vom 30.12. 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10246.html, Zugriff am ????.

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