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            <title>Brief von Paul Tillich an Adolf ???vom 30.12. 1935</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3229-6246">Ole Soldatow</name>
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            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
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            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
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            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
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                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Marburg ???</institution>
                  <repository>???</repository>
                  <collection>???</collection>
                  <idno>???</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
               </physDesc>
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            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
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         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
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         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <date>1936</date>
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               <persName>Unbekannt</persName>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="2000"/></creation></profileDesc>
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         <change who="OS" when="2025-04-14">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
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         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline>New York,d.30.12.1935</dateline>
               <salute>Lieber Freund Adolf,</salute>
            </opener>
            <p>ich versprach Dir bestimmt, noch im alten Jahr den ersten als Rundbrief gemeinten
               Brief herausgehen zu lassen. Daraus wird nun nichts, denn das nächste Schiff geht
               erst im neuen Jahr, aber wenigstens soweit es an mir liegt, will ich mein Versprechen
               einlösen und da wird es Zeit. Ich gebe einen Durchschlag an <unclear reason="damage">¿¿¿</unclear> und hier weitere <unclear reason="damage">¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿
                  ¿¿¿</unclear> und an Paul. Mein Brief ist eine Antwort auf Deine beiden grossen
               Briefe vom Juli, <del rend="s">der</del> die ihm seinerseits an seinen Brief über
               Mannheim Buch angeknüpft hatte. Ich lasse diese vorübergehenden Dokumente hier
               zirkulieren (sie haben <sic>sehen</sic> ein mal diskutiert), denke aber, dass dieser
               Brief auch ohne sie verständlich gemacht werden kann. Ich würde mich riesig freuen,
               wenn wir nun auf diese Weise wirklich den ersehnten Gedankenaustausch in Gang
               brächten. Dabei will ich ausdrücklich vorausschicken, dass dem Sinne des Rundbriefes
               entsprechend ich im vertrauten Kreise Dinge erörtern will, die entweder noch nicht
               druckreif sind, oder jedenfalls in dieser Form nicht druckreif sind. Der Rundbrief
               setzt also eine gemeinsame Basis voraus, im Namen dere man auf Verständnis auch da
               hoffen darf, wo man eine breitere Öffentlichkeit durchaus zu scheuen hätte.</p>
            <p>Unsere bishrige Unterhaltung muss kurz rekapituliert werden. Sie ging von meiner
               Kritik an dem Mannheimschen Buche aus. Ich versuchte auseinander zu setzen, dass der
               Grundbegriff in diesem Buche, die planende Umbiegung des Menschen für die Zwecke
               eines reibungslosen Gesellschaftsprozesses zweideutig und gefährlich sei, weil sie
               den Gesellschaftsprozess rein formal fasst und daher ebenso gut für Hitler als für
               uns Material liefert, ja noch nicht einmal Unterscheidungsmerkmale bietet. Du wandest
               dagegen zweierlei ein: erstens habe die Seinsanalyse an sich ihr Recht, gleichgültig
               ob man die bestehenden Tendenzen billigt oder nicht, und zweitens sei ja in der
               Seinsanalyse die Werkanalyse mit enthalten, wenn man die Marx'sche Basis nicht ganz
               aufgeben will. Auf dieser Beziehung hatte ich geschrieben, dass ich keine Soziologie
               und keinen Marxismus <unclear reason="damage">¿¿¿</unclear> könne, die von mir
               verlangen, immer dabei zu sein, und darauf <unclear reason="damage">¿¿¿</unclear> Du
               mir fast unter Berufung auf meine frühere Arbeit, für die Aufklärung des
               Verhältnisses zwischen Sein und Sollen in unserer Welt. Das also ist der Punkt, den
               ich behandeln möchte. <unclear reason="damage">¿¿¿</unclear> eins <unclear reason="damage">¿¿¿ ¿¿¿</unclear></p>
            <p><pb n="2"/>Ich habe zu der Wirklichkeit des Proletariats und des Sozialismus immer
               ein ganz anderes und unendlich schwächeres Verhältnis gehabt als manche von uns, auch
               Du und noch mehr Standinger. Er war vor dem kriege aktiv in der Partei tätig. Du wohl
               spätestens zu Ende des Krieges. Ich bin mit Ach und Krach Weihnachten 1926 in die
               Partei eingetreten, nach dem Erscheinen der Sittlichen Idee des Klassenkampfes, als
               ich auf der einen Seite in der Partei einige <unclear reason="damage">¿¿¿</unclear>
               hatte, andererseits den Erfolg des kleinen Buches wesentlich von meiner Zugehörigkeit
               zur Partei abhängig glaubte, da die orthodoxen Angriffe auf den Aussenseite sehr
               heftig waren, und drittens meine eigenen Ansichten und Absichten durch das kleine
               Buch auch gegenüber der Partei klargestellt waren. Vielleicht erinnerst Du Dich, dass
               Du in der Debatte nach Pauls Vortrag in der Hochschule für Politik eine sehr
               oppositionelle Rede von mir gegenüber den anwesenden Parteigrössen richtig stelltest,
               und dass Du mir mehrfach aus meinen Aufsätzen in den neuen Blättern Spitzen gegen die
               Partei und die Arbeiterbewegung herausgestrichen hast. Ich erwähne das alles, um klar
               zu machen, dass mein gegenwärtiger Mangel an Gefühl für die sozialistische Bewegung
               nicht etwa auf meine amerikanische Umgebung zurückgeführt werden kann. Ich habe mit
               der amerikanischen Umwelt <hi rend="u">sehr</hi> wenig Fühlung und sehe nicht, dass
               ich von ihr beeinflusst wäre, aber es bliebe ja für mich durchaus die Möglichkeit,
               mich so zu verhalten wie Laaki, der für Europa sehr radikal und für Amerika in keiner
               Weise Sozialist sondern Rossevelt Anhänger ist, was ich durchaus nicht als
               widerspruchsvoll empfinde, da die Wirklichkeitstendenzen diesseits und jenseits des
               Wassers zu verschiedenartig sind. Nicht einmal diese differenzierende Lösung aber
               kann ich für mich in Anspruch nehmen sondern habe auch für Europa sehr weitgehend den
               inneren Zusammenhang mit der sozialistischen Bewegung verloren oder viel mehr ihn auf
               die Treue gegenüber denjenigen reduziert, die sich unter Sozialismus etwas ähnliches
               vorstellen wie ich. Anders ausgedrückt, ich habe mich um das Problem von Sein und
               Sollen deswegen die vielen Jahre hindurch bemüht, weil mir das Zusammenfallen beider
               immer problematisch war, ich ihre Identität in keiner Weise als gegeben genommen
               habe, und ich vielmehr feststellen musste, bis zu welchem Grade und noch wichtiger
               unter welchen Bedingungen sie denn nun eigentlich zusammenfielen.</p>
            <p><pb n="3"/>Darin liegt nämlich, dass das Zusammentreffen von Sein und Sollen in der
               proletarischen Bewegung, selbst wenn es einmal bis zu einem menschlich möglichen Maße
               bestanden haben sollte, ein ander Mal auch aufhören kann. Historisch liegt das dann
               so, dass eine Gelegenheit vertan ist, und statt zu sinngemäßer Verwirklichung zu
               Dingen gebraucht worden ist, für die ich mich nicht deswegen interessieren kann, ,
               weil ihre Träger die möglichen Träger des Sollens sind. Im Gegenteil, es scheint mir
               gute prophetische Tradition, dass man gegen das auserwählte Volk steht, gerade weil
               es das auserwählte Volk ist. Hier hab ich nun allerdings ein gut marxistisches
               Zugeständnis gemacht, wonach nämlich die Existenz des Proletariats nach wie vor ein
               Normelement in sich enthält, auch wenn die reale Bewegung es <del rend="s">auch</del>noch so sehr verschüttet. Ich will nach dieser Einleitung nun
               auseinanderzusetzen versuchen, in welchem Sinne ich meine alte Position in Bezug auf
               den Zusammenhang von Sein und Sollen konsequent x inne zu halten glaube.</p>
            <p>Vielleicht kann ich das, was ich meine mit einem Schlagwort andeuten, indem ich es
               materialistische Noologie nenne. Im Marxismus und übrigens ganz genauso in der
               Smith'schen Lehre sind ja eben zwei Elemente miteinander verknüpft, sodass das kausal
               Notwendige zugleich das sinngemäß Notwendige ist. Man kann also die ganze Lehre statt
               soziologisch unter dem Gesichtspunkt der Sinnentfaltung darstellen, man kann die
               Struktur des <foreign>νοuς</foreign> konkret feststellen. Wenn Sein und Sollen durch
               ein Versagen der Träger des Sollens in Sein auseinandergerissen werden, so ist damit
               die Sollenslehre in ihrer Geltung überhaupt nicht berührt. Sie bleibt eine
               materialistische, was bedeuten soll, dass die den Menschen formenden
               Wirtschaftsformen auf die ihnen inne wohnenden Formen sinnvollen Lebens hin befragt
               werden. Um es konkret zu sagen glaube ich nach wie vor, dass in einer
               grossindustriellen Arbeitswelt eine gemeinschaftliche Organisation des Arbeitslebens
               die einzig mögliche Verwirklichung des Sinnes darbieten würde, unter den Kantelen und
               mit den genauen Begrenzungen, die den Gegenstsant meines wissenschaftlichen und
               politischen Interesses gebildet haben. Dies bleibt wahr, auch wenn ich die
               Europäische Arbeiterbewegung unter dem Vorantritt Russlands für abgefallen halten
               muss und wenn in der amerikanischen Arbeiterbewegung weder in einer verzerrten noch
               in sonst irgend <pb n="4"/> einer Form etwas von dem vorausgesetzten Normbewusstsein
               zu Tage tritt.</p>
            <p>Wenn ich von materialistischer Noologie sprach, so meine ich das Wort materialistisch
               ganz und gar im historisch dialektischen Sinne von Marx. Durch die Gewalt des
               Geschichtsprozesses wird die Struktur des Lebens geändert und sein innerer Drang
               richtet sich auf entsprechend neue Lebensformen. Nur wird die Gesamtdarstellung
               komplizierter, sozusagen auf jeder Stufe um alle ihre negativen Möglichkeiten
               bereichert. Auf jeder Stufe entsteht die Frage der ihr entsprechenden Sinnformung und
               die Frage nac hden möglichen Versiegungen und Dämonisierungen. Insofern das eben nur
               als sinnvolles gelebt werden kann, muss Sinnwidrigkeit natürlich in irgendwelche
               Katastrophen verstrickt werden und kann nur durch si hindurch oder durch das ganz
               merkwürdige Phänomen der historischen Verfälschung des Widersinnes in einen
               unbeabsichtigten Sinn überhaupt weitergeführt werden. Daher scheint es mir, dass wir
               Geschichte und gegenwärtige Geschichte nur in der Weise schreiben können, dass in ihr
               gleichzeitig ein Hinweis auf das Sinnkoordinatensystem enthalten ist. Denn eine
               bruchlose Entwicklung wird den noologisch notwendigen entsprechen, und in dem Maaße,
               als eine positive Entwicklung von ihm abweicht, führt sie in Katastrophen.</p>
            <p>Mir ist sehr klar, wieviele ungelöste Probleme in diesem Schema stecken. Erstens eine
               verborgene Anthropologie, zweitens alles mögliche Erkenntnistheoretische, das ich
               nicht einmal formulieren kann, und dass ich nur mit der Frage andeuten kann, welches
               eigentlich der Bereich und die Streuweite der verschiedenen Möglichkeiten auf der
               jeweiligen Stufe sind. Wir wissen, was kausal notwendig heisst, aber ich wäre in
               Verlegenheit wenn ich sagen müsste, was ich als möglich bezeichnen soll.
               Wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo in der Nähe der historischen Produktivität,
               die sich immer nur den rückwärts gewandten Blick als strenge Notwendigkeit
               darstellt.</p>
            <p>Vielleicht ist das alles zu abstrakt und gar nicht nötig, um meinen Standpunkt in den
               aktuellen Fragen klar zu machen. Denn es ist natürlich nur die Systematisierung
               dessen, was ich aktuell zu sehen glaube. Wieder möchte ich etwas biographisches
               einflachten. Ich habe eienen Ausdruck wie den von der Vergesellschaftung der
               Produktionsmittel immer gehasst und nie in den Mund genommen, weil er die rein
               kausalistische Deduktion zum Ausdruck <pb n="5"/> bringt und den Normcharakter ganz
               unterschlägt. Ich habe anstattdessen verschiedene Ausdrücke gebraucht z.B.
               Gemeineigentum an den Mitteln der gemeinschaftlichen Arbeit und habe dadurch
               zweierlei Normatives zum Ausdruck zu bringen versucht, erstens den Normcharakter als
               solchen, der in der Übereinstimmung der Sozialform mit der Arbeitsform besteht, und
               zweitens den konditionell begrenzten Charakter dieser Norm, ihre Anwendbarkeit nur
               dort, wo wirklich gemeinschaftlich gearbeitet wird, also in der Welt des
               Grossbetriebes. Dies also ist die Sinnlehre, die bei Marx wechselnd als
               Selbstverwirklichung oder als das Reich der Freiheit erscheint und als deren
               Kriterium bei ihm der Mythus vom Absterben des Staates steht: genau entsprechend der
               Smith'schen Lehre die Verwirklichung der Ordnung durch Freiheit, weil Arbeit unter
               Kollektivplanung der historisch geformten Natur des Proletariats entspricht, und
               daher für das Proletariat Freiheit bedeutet. Ich habe jene begrenzten Formulierungen
               lange gebraucht, ehe die Geschichte sie mit einem mich sehr überraschenden Inhalt
               versah. Denn die demokratische Grundidee der Ordnung durch Freiheit hat das
               Proletariat in Russland verraten und hat anstatt dessen den totalen Staat der
               gewaltsamen Vergesellschaftung gesetzt. Die deutsche Sozialdemokratie widerstrebte
               nur der russischen Methode, wusste aber auch kein anderes Ziel, auch sie erstrebte
               die totale Vergesellschaftung der Produktionsmittel an Stelle des Gemeineigentums an
               den Bereichen der Gemeinschaftsarbeit. Den historischen Beweis für den dämonischen
               Charakter dieser absolutistischen Umdeutung liefert ihr historischer Erfolg, der
               Faschismus. Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass er nicht wäre, was er ist
               wenn nicht in ihm positive Elemente enthalten wären. Sie können aber in ihm nur
               enthalten sein, weil sie von dem proletarischen Programm ignoriert und verachtet
               wurden, womit also gesagt wäre, dass das proletarische Programm die Erfüllung des
               historischen Sinnes verfehlte, indem es im Konfliktfalle Vergesellschaftung über
               Freiheit setzte.</p>
            <p>Meine Entfernung von der Arbeiterbewegung ist meine Annäherung an die Bauernbewegung.
               Die Arbeiter stehen mir nicht näher als andere, denen es ebenso schlecht geht, und
               die Bauern in Russland stehen mir näher als die russischen Arbeiter. Die
               Produktivitätsfrage ist erstens ungeklärt, zweitens ist sie nicht von
               ausschlggebender grundsätzlicher Bedeutung und die sinnvolle russische Lösung habe
               ich in meinem Demokratieaufsatz zu analysieren versucht. Ich habe alle diese <pb n="6"/>Gedanken zuerst in etwas systematischer Form im Herbst 1933 in Ammersfoort
               vorgetragen und erinnere mich genau, wie Mannheim mich nach beiden Vorträgen ansprach
               und mich fragte, wo es eigentlich geschrieben stehe, dass man die Bauern nicht
               vergewaltigen dürfe. Ich hatte darauf keine Antwort und habe sie heute ebenso wenig.
               Aber Du siehst, dass dies der springende Punkt für mich ist, und wie ich zu meiner
               Kritik an seinem Buch gekommen bin. Du schreibst, der Satz sei nicht widerlegt, dass
               echte Ratio Gewaltlosigkeit sei, und auch Mannheim schreibt in seinem neuesten Brief,
               er könne mir verraten, dass Planung in Richtung der Spontanität das eigentlich von
               ihm gemeinte sei. Dann kommen wir zusammen. Planung in Richtung der Spontanität ist
               die historische Form des demokratischen Grundgedankens der Ordnung durch Freiheit,
               und der Verminderung der Gewaltsamkeit auf das Minimum. Aber sie fordert den
               produktiven Sinn, den ich meine, wenn ich von einer materialistischen Noologie
               sprach. Denn eine wirkliche Reibungslosigkeit des Gesellschaftsprozesses hat mit
               einer bestimmten gegebenen Natur der Menschen zu rechnen, in der zu leben Seine
               Freiheit ausmacht, auch wenn diese Natur noch so sehr historisch bedingt und
               gewandelt ist. Indieser Natur ist der Mensch er selber, das Geschöpf, mit dem wir zu
               rechnen haben, und da so wie es ist einen Sinnbeitrag in sich trägt. Indem<del rend="s">n</del> wir ihn
               entfalten, bauen wir das allein mögliche Reich der Freiheit und nicht dadurch, dass
               wir eine bestimmte, einer bestimmten Gruppe entsprechende Freiheitsform anderen
               Gruppen auferlegen.</p>
            <p>Ich hoffe, klar gemacht zu haben, warum ich diese Überlegungen für äusserst
               realistisch halte, ich fürchte, sie enthalten den Schlüssel zu der Lage, die der
               Sozialismus nicht gemeistert hat, und der doch ausschließlich mit den Mitteln seiner
               eigenen Lehre gemacht ist.</p>
            <closer>Allen ein recht gutes Jahr ! Ich schliesse diesen Brief drei Stunden vor seinem
               Beginn, und bin sehr stolz, dass ich mein Versprechen doch noch gehalten habe.
            </closer>
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