Der editierte Text

|

Sehr verehrter Herr Professor (Details anzeigen)!

Zu Weihnachten kommt dieser Brief zu spät; aber vielleicht ist er zum Jahresanfang in Ihren Händen. Dann mag er vieles Unliebsame und Sorgenvolle hinter sich lassen, um frei zu sein für das, weswegen er geschrieben wird.

Erreicht hat mich ihr Aufsatz, der Brief an Hirsch (Details anzeigen). Aber noch mehr: Er hat auf mich – wie auf so viele – nach Herkunft und Umgebung, durch innere Sicherheit und äussere Gestaltungskraft befreiend gewirkt. Ihr Aufsatz musste bei seinen Lesern lösend wirken, d.h. etwas entbinden, das seit langem gebunden war – eben weil man so lange schwieg. Dieses Schweigen von der Seite des „man“ wurde sicherlich in persönlichen Gesprächen des öfteren unterbrochen; doch immer so, dass der Angeredete es kaum merkte, wer uns was gemeint war. Und wenn wir uns in gewissen Kreisen nach Erscheinen von Hirsch (Details anzeigen)'s Buch (Details anzeigen) bemühten, einiges aufzuzeigen, so geschah dies meistens durch ähnliche Fragestellungen wie sie Kuhlmann (Details anzeigen) Hirsch (Details anzeigen) gegenüber errichtete. Wir wiesen hin auf die mit Ressentiment und doch mit unverkennbarer Willensanspannung geschriebenen Stellen; auf das geradezu gefährliche an Verzerrung und Verkürzungen leidende geschichtsphilosophische Konstruieren, das bewusst oder unbewusst sich von den Wünschen der eigenen Person des Verfassers – immer im Hinblick auf seinen persönlichen Aufgabenkreis – näherte. Vielleicht – und Ihr Aufsatz beweist es doch wohl in erschreckendem Maße – war auch das richtig, das wir sagten, Hirsch (Details anzeigen) sei in der ganzen Arbeit der formalen Seite nach in Abhängigkeit von Gedankenreihen verfallen – verfallen, weil er scheinbar garnicht dahin gehören möchte –, die im Ausdruck Ihnen und Ihren Freunden nahe stünden, bei näherem Zusehen aber gerade die Verkehrung und Umdeutung dieser Ihrer Gedankenreihen darstellen. Dass|:Es:| mag genug sein! Sie haben ja als Berufener dies alles und vieles mehr, besser und tiefer gesagt, vielleicht sogar positiver.

In| In diesem Zusammenhang nur noch eins: Ihr Aufsatz zeigt mir, wie orientiert Sie sind über literarische Neuerscheinungen, die ja, wenn auch – ebenso wie für uns – oft verspätet, der Ausdruck einer jeweiligen geistigen Lage sind. So glaube ich, es mir ersparen zu können, Ihnen davon zu berichten. Dass Sie mir Ihren Aufsatz zusenden liessen, danke ich Ihnen sehr mit der Bitte, mich auch weiterhin nicht zu vergessen. Denn dies ist der einzige Weg, die Verbindung aufrecht zu erhalten, deren man dringend bedarf. –

Nachdem ich Ende Oktober mein Examen gemacht habe, suche ich nun nach einer neuen Möglichkeit wissenschaftlichen Arbeitens. Hoffentlich bietet sich mir bald ein geeigneter Ort dafür.

So gedenke ich denn Ihrer mit herzlichen Wünschen zum Jahresanfang
In Dankbarkeit
Ihr

Alfred Trommershausen (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTrommershausen, Alfred
bHalle (Saale)
cTillich, Paul
dHirsch, Emanuel
eHirsch, Emanuel
f
gKuhlmann, Gerhardt
hHirsch, Emanuel
iHirsch, Emanuel
jTrommershausen, Alfred

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 194(10)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Alfred Trommershausen an Paul Tillich vom 22. Dezember 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10081.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10081.html |titel=Brief von Alfred Trommershausen an Paul Tillich vom 22. Dezember 1934 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=22.12.1934 |abruf=???? }}
L10081.pdf