Der editierte Text

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Juni 22

Mein liebes Margot (Details anzeigen)-Kind.

Hab Dank für Deinen Brief! Er traf mich zur Abreise, so daß ich erst heut, wo Du Jena (Details anzeigen) verläßt, zum Antworten komme. Es ist hier sehr viel Betrieb, dadurch, daß die Bremer auch hier sind; eben habe ich mit Frede (Details anzeigen) einen langen {dramatischen} Spaziergang um den Schloßsee gemacht und sitze jetzt hier unter Kastanie, Flieder und Goldregen und denke an unseren Gang durch Sanssouci; der alte Schloßpark erinnert fortwährend daran, er ist über die Maßen schön. Leider ist das Wetter etwas kalt und staubig, so daß man sich nach einem Regen sehnt. Wir machen meinem Schwager (Details anzeigen) Garten und Haus in Ordnung. Von einer uralten Linde haben wir gewaltige Äste abgesägt, unten im Gemüsegarten eine Wasserstelle gebaut, heute sollen die Gartenmöbel gestrichen werden. Dazu täglich 11 Stunden Schlaf. Wenn ich jetzt nicht mit Riesen

| kräften nach Hause komme, dann bin ich wirklich ein alter Mann. Wie es mit der Arbeit wird, weiß ich noch nicht; es ist noch kein starker Impuls da, und darum bin ich eben abhängig, mehr als es sich für einen Dozenten geziemt. – Von Hannah (Details anzeigen) noch nichts Neues. Es geht ihr aber im Ganzen offenbar nicht gut. Sie will auch nicht, daß ich oder sonst jemand ihr schreibt. Sie verkriecht sich wie ein wundes Tier und sie ist wund an Leib und Seele. Hoffentlich wird sie nun wenigstens fertig, damit Du sie sehen kannst. – Ich freue mich, daß Du es so schön hast und wünschte, Du würdest Dich recht gründlich aller Weisheiten entledigen, mit denen Du die Fakultät erschlagen hast und aus dir heraus bräche Frühling und Sommer und alles tolle Leben, was in Dir ist, und alle Reflexie und alles Wissen bräche zusammen vor dem milden Wesen des Geistes der Abgründe!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHahl, Margot
bJena
cFritz, Alfred
d
eTillich, Hannah
fTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marbug, Archiv der Universitätsbibliothek Marburg, Tillichiana 1, Ms. 1041/6
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vermutlich aus dem Juni 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01536.html, Zugriff am ????.

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