Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich ohne Datum, vom 23. März 1928

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Der editierte Text

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Liebste Hannah (Details anzeigen)!1

Dieses wird wohl der letzte Brief sein, ehe ich komme. Wahrscheinlich fahre ich Dienstag hier ab und komme Mittwoch im Lauf des Nachmittag in L. (Details anzeigen) an. Wenn es technisch möglich ist, schreibe ich nach dem Zug. Sonst gehe ich einfach ins Albergo und an den Strand. Hier geht die Strapaze immer weiter. Inzwischen sind Litt (Details anzeigen) (Leipzig (Details anzeigen)) und Hartmann (Details anzeigen) (Marburg (Details anzeigen)Köln (Details anzeigen)) gekommen. Die Debatte: Griesebach (Details anzeigen)Medikus (Details anzeigen) und ich wird jetzt auch in den Vorlesungen fortgesetzt.2 Sonnabend gibt Einstein (Details anzeigen) ein Konzert. (Er ist auch ein bedeutender Musiker.) Sonntag fahren wir alle im Extrazug nach St. Moritz (Details anzeigen). Heut, Freitag Abend, habe ich meine Besprechung mit den Studenten. Es wird sehr zahlreich und sehr heftig werden.

Seit zwei Tagen ist Frau Weinhagen (Details anzeigen) hier. Von Arosa (Details anzeigen) herübergekommen. Ich sehe sie verhältnismäßig selten, da sie viel Ski läuft. Sie hat in Arosa (Details anzeigen) einen internationalen Preis erhalten. Ich verstehe mich eigentlich gar nicht mit ihr. Dabei glaube ich, daß sie ein wertvollerer Mensch ist, als man annimmt. Heut fährt sie nach Zürich (Details anzeigen) ab, da es ihrem Mann (Details anzeigen) wieder schlecht geht. – Gestern bin ich mit Frau Medikus (Details anzeigen) die Drahtseilbahn hinaufgefahren; die Analyse hatte schon viel geholfen. Ich konnte mich ganz ruhig unterhalten. – Weiter existiert die Frau eines finnischen Konsuls in Genua, Pragerin, ein Schützling der Frau Bankdirektor. Sie hat uns für die Rückfahrt nach Genua (Details anzeigen) eingeladen, falls sie schon herunter darf. – Weiter ist eine Ärztin da, selbst krank, die mir durch| ihren Mann sagen ließ, daß sie mich von einem Sozialistenball her kennt. Wir stellten dann fest, daß sie mich versetzt hatte, weil ich zu viel philosophierte. Ich erinnerte mich genau, denn mich hatte das damals etwas getroffen; und sie war so schön, daß Greti (Details anzeigen) mir damals sagte, solche schönen Frauen wären nichts für mich. Jetzt scheint sie recht krank zu sein. Weiter ist da eine Berichterstatterin Frau Dr. Herzberg (Details anzeigen), Schützling von Hugo Simon (Details anzeigen). – Weiter ... u. s. w. du siehst: Die Möglichkeiten sind gleich „unendlich“. Die Wirklichkeiten infolgedessen gleich „Null“. Außer der Abendstunde frißt Arbeit und {Sonne} alles auf. Und Abends auch nur von 10-11 zum Tanz. Bis dahin wird debattiert.

Die Atmosphäre von Davos (Details anzeigen) ist unheimlich für mich. 4-5000 Kranke auf den Hallen aller Sanatorien, auf den Straßen und Wegen; ständige Suggestion, selbst krank zu werden. Sehr viel Schönheit und Eleganz. Sehr viel Klatsch und Erotik. Der Ort unerhört häßlich in unerhört schöner Landschaft. Man kann hier ebenso krank wie gesund werden. Jedenfalls würde ich freiwillig nicht wiederkommen. Was allen fehlt ist die Einfügung in den sozialen Arbeitszusammenhang. Es ist eine irgendwie abstrakte Existenzform. Für mich ist es überaus unheimlich. – Herr Gideon (Details anzeigen) und Frau (Details anzeigen) (Askona (Details anzeigen)) lassen Dich grüßen. – Hab Dank für die Briefe! Von Sonntag an lasse ich alle Post nach Laigueglia (Details anzeigen) schicken. Grüß Heinrich (Details anzeigen) herzlich. Er hat einen Konkurrenten in Oppenheimer (Details anzeigen), der fast wörtlich wie er über seine Lösung der sozialen Fragen spricht und sich beklagt, daß er nicht gehört wird.

Süße liebe Hannah (Details anzeigen), ich freue mich auf Euch!
Dein

Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Das Datum dieses im Original undatierten Briefes wurde durch seinen Kontext ermittelt.
2Die Struktur der „Davoser Hochschulkurse“, von denen aus Tillich hier schreibt, sah neben den regulären Vorträgen einerseits auch öffentliche Disputationen von – in der Regel – zwei Vertretern entgegengesetzter Standpunkte zu einer aktuellen Frage vor. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang die Debatte Martin Heideggers (Details anzeigen) mit Ernst Cassirer (Details anzeigen) im Jahr 1929. Andererseits gab es auch Sprechstunden der Vortragenden (was von Tillich im Folgenden ebenfalls erwähnt wird). Auch auf diese Weise sollten die Hochschulkurse eine Begegnungsraum zwischen etablierten Professoren sowie Studierenden ermöglichen. Die eingeladenen Professoren waren eingeladen worden, zwei bis drei ihrer fähigsten, möglichst unbemittelten Studierenden mitzubringen. Die Davoser Bürgerschaft hatte zu diesem Zwecke 130 Freiplätze finanziert. Über Tillichs Vortragstätigkeit sowie die damit verknüpften und hier von Tillich angesprochenen Debatten berichtet (Details anzeigen) beispielsweise das „Stuttgarter neue Tagblatt“ am 13. April 1928: Tillich „stellt Religion und Kultur in ihrem ursprünglichen lebendigem Sachverhalt einander gegenüber. Dabei geht er von dem religiösen Erlebnis aus, das als solches noch nicht in die erkennbare Subjekt-Objekt-Beziehung eingetreten ist, das aber dann sofort das Erlebnis vergegenständlicht und damit in den Kreis der Erkenntnis rückt. Das religiöse Erlebnis erwächst aus einem gebrochenen Sein, das zur unbedingten Bedrohtheit des Menschen führt, weil es ein Uebersein fordert. Die Bedrohtheit besteht in der Freiheit des Menschen, sich diesem Uebersein hinzugeben oder es zu verfehlen. Deshalb schafft er sich die Kultur, die als ein Entweichen von der Bedrohtheit eine Sicherung sein kann. Anerkennen wir aber die religiöse Bedrohtheit, so stellt sich die eigentlich religiöse Frage: wie kann jene überwunden werden? Der Kulturprozeß gibt keine Antwort, weil er nicht über die Spannung von Sein und Geist hinausführt. Der asiatische Weg negiert die Kultur durch seinen Nachdruck auf das Uebersein, schafft aber trotzdem eine stark religiöse getragene Kultur. Der abendländische Weg legt den Nachdruck auf den Geist und will Kultur. Dabei reißt diese Kultur sich von den religiösen Hintergründen los, wird autonom und stellt eine bequeme Sicherung dar. – Diese Ausführungen fanden im Rahmen einer lebhaften Diskussion mit den Studenten, an der auch Professor Th. Litt (Details anzeigen)Leipzig (Details anzeigen), der Münchener (Details anzeigen) Jesuitenpater Przywara (Details anzeigen) und der Barthianer Eberhard Griesebach (Details anzeigen)Jena (Details anzeigen), teilnahmen, eine anregende Fortsetzung. – In diesem Zusammenhang fügten sich auch die Vorlesungen über Ethik und Soziologie, vor allem der Professoren Nicolai Hartmann (Details anzeigen)Marburg (Details anzeigen), Medicus (Details anzeigen)Zürich (Details anzeigen), Häberlin (Details anzeigen)Basel (Details anzeigen) und Rothacker (Details anzeigen)Heidelberg (Details anzeigen) leicht ein.“

Register

aTillich, Hannah
bLaigueglia
cLitt, Theodor
dLeipzig
eHartmann, Nicolai
fMarburg an der Lahn
gKöln
hGrisebach, Eberhard
iMedicus, Fritz
jHeidegger, Martin
kCassirer, Ernst
lLenz, Die internationalen Hochschulkurse in Davos, 1928
mLitt, Theodor
nLeipzig
oMünchen
pPrzywara, Erich
qGrisebach, Eberhard
rJena
sHartmann, Nicolai
tMarburg an der Lahn
uMedicus, Fritz
vZürich
wHäberlin, Paul
xBasel
yRothacker, Erich
zHeidelberg (Deutschland)
aaEinstein, Albert
abSankt Moritz
acFrau Weinhagen
adArosa
aeArosa
afZürich
agHerr Weinhagen
ahMedicus, Clara
aiGenua
ajTillich, Margarete
akFrau Dr. Herzberg
alSimon, Hugo
amDavos
anGiedion, Sigfried
aoGiedion-Welcker, Carola
apAscona
aqLaigueglia
arGoesch, Heinrich
asOppenheimer, Franz
atTillich, Hannah
auTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976., bMS 721/2(24)
Typ

Brief, eigenhändig. Briefpapier der "Davoser Hochschulkurse/Cours Universitaires à Davos".

Postweg
Davos - unbekannt
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Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich ohne Datum, vom 23. März 1928, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00971.html, Zugriff am ????.

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