Der editierte Text

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Lieber Arnold (Details anzeigen)!

Hannah (Details anzeigen) berichtet mir, dass Lenz (Details anzeigen) Deine Arbeit1 so günstig beurteilt hat. Ich bin sehr erfreut darüber, nicht nur für dich sondern auch für Lenz (Details anzeigen), dass er ein so gutes Urteil hat. Du kannst nun ohne Sorge wegen des Examens sein, denn die Bewertung der Arbeit ist durchaus das Entscheidende. Natürlich musst Du dafür sorgen, dass Du in Keinem der Nebenfächer direkt hereinfällst, wie z.B. ich in Geschichte, wo ich mich allerdings überhaupt nicht vorbereitet hatte. – Du hast mir noch nicht auf meine Frage geantwortet, ob Du meinen Aufsatz gegen Barth (Details anzeigen) bekommen hast. Er ist insofern wichtig, als Schmidhauser (Details anzeigen) in seinem Brief2 an Kullmann (Details anzeigen) mich mit Barth (Details anzeigen) in eine Linie rückt, was den Tatsachen durchaus nicht gerecht wird. Ich schicke dir, sobald ich es selbst erhalten habe, die Antwort (Details anzeigen) von Barth (Details anzeigen) und meine Schlussantwort (Details anzeigen). Falls Du meinen Artikel (Details anzeigen) nicht erhalten hast, teile es mir bitte sofort mit. Deinem Brief3 an Mennike (Details anzeigen) stimme ich gefühlsmässig weitgehend zu. Aber ich sehe die Dinge doch noch etwas anders und zwar gerade vom Begriff der Mächtigkeit her. Jede theonome Idee ist getragen von einer Schicht, in der sich Lebenswirklichkeit und Ideal zusammenfindet. Auch die Theonomie hat ihre soziologische Struktur und der ed Grundgedanke des Sozialismus scheint mir der zu sein, dass der Zusammenschluss der künftigen theonomen Idee und der Träger des wirtschaftlichen Prozesses, in denen die grösste Mächtigkeit zu finden ist in der Arbeiterschaft und der aus ihr hervorgehenden Führerschicht stattfind. Von hier aus allein gebe ich dem Klassenkampf eine Bedeutsamkeit, für das Werden der Theonomie. Freilich kommt dabei alles auf die wirkliche Mächtigkeit der industriellen Arbeiterschaft und der von ihr getragenen Führerschicht, sowieso auf das Zusammenwachsen des theonomen Sinnes der Bewegung mit dem Machtwillen an. Bei den gegenwärtigen Kapitalisten sehe ich die Mächtigkeit ohne die soziologische Möglichkeit theonomer Haltung. In der gegenwärtigen Arbeiterschaft sehe ich Ohnmacht, aber Möglichkeiten einer mit der Idee zusammengeschlossenen Mächtigkeit. Ich sehe die Möglichkeit, dass der Klassenkampf mehr als bisher heiliger Krieg wird. Jedenfalls kann ich mich nicht dazu verstehen, von einem Gleichgewicht der Stände auf Grund einer geistigen Neuschöpfung das Kommen der Theonomie zu erwarten. Im Urchristentum gingen Macht und Mächtigkeit sehr schnell auf die Bischöfe über, die im endenen Römerreich auch die politische Macht hatten. Eine neue wahrhaft theonome Kultur aber wurde erst durch den christlichen Schwertadel der germanisch-romanischen Völker geschaffen. Wir dürfen auf keinen Fall so weit von der marxistischen Grundeinsicht abbiegen, dass wir die soziologische Bedingtheit aller Geistverwirklichung vergessen. Der Kampf um einen neue soziale Struktur kann darum in sich selbst den Sinn eines Werdens zur Theonomie tragen, auch wenn die Mittel noch auf lange hinaus recht autonom aussehen. Das ist in der Politik wie in der Wissenschaft, wo die Not der autonomen Form in keinem Augenblick die Notwendigkeit ausschliesst, sie zu gebrauchen. Denn überwunden werden kann sie nur durch Gebrauch aus einem neuen verborgenen Sinn heraus, durch Umformung und nicht durch Abbruch: Bemerkungen, durch die ich auch eine vorläufige Verteidigung meiner „dämonischen Begriffsbildung“4 versucht habe.

|:in Treue
Dein:|

Paul (Details anzeigen)

Dieses als Vorläufiges zu Deinem Brief an Mennicke (Details anzeigen). Alles andere später


Fußnoten, Anmerkungen

1Gemeint ist Wolfers' Dissertation mit dem Titel „Die Aufrichtung der Kapitalherrschaft in der abendländischen Gesellschaft (Details anzeigen)“. Wolfers wurde 1924 in Gießen (Details anzeigen) promoviert.
2Dieser Brief liegt nicht vor.
3Dieser Brief liegt nicht vor, vgl. aber zum Kontext den Artikel Mennickes „Zu Tillichs Systematik (Details anzeigen)“ in den „Blätter für den religiösen Sozialismus“.
4Wie aus dem Folgebrief (Details anzeigen) Tillichs an Wolfers hervorgeht, spielt Tillich mit dieser Formulierung auf einen Vorwurf Wolfers' gegenüber Tillich an.

Register

aBerlin-Friedenau
bWolfers, Arnold
cTillich, Hannah
dLenz, Friedrich
eWolfers, Die Aufrichtung der Kapitalherrschaft in der abendländischen Gesellschaft, 1924
fGießen
gLenz, Friedrich
hTillich, Kritisches und positives Paradox: Eine Auseinandersetzung mit Karl Barth un..., 1923
iSchmidhauser, Julius
jKullmann , Gustave
kBarth, Karl
lBarth, Von der Paradoxie des "positiven Paradoxes". Antworten und Fragen an Paul T..., 1923
mBarth, Karl
nTillich, Antwort an Karl Barth, 1923
oTillich, Kritisches und positives Paradox: Eine Auseinandersetzung mit Karl Barth un..., 1923
pMennicke, Zu Tillichs Systematik. Eine Erläuterung, 1924
qMennike, Carl
rBrief von Paul Tillich an Arnold Wolfers vom 15. Dezember 1923
sTillich, Paul
tBarth, Karl

Überlieferung

Signatur
USA, Princeton, NJ, Princeton Theological Seminary Libraries, Special Collections, The Wilhelm and Marion Pauck Collection, Box 44, Folder 13 (2)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Friedenau - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Arnold Wolfers vom 13. Dezember 1923, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00805.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00805.html |titel=Brief von Paul Tillich an Arnold Wolfers vom 13. Dezember 1923 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=13.12.1923 |abruf=???? }}
L00805.pdf