Der editierte Text

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Bonn (Details anzeigen), Humboldtstr. 48 26.6.21

Lieber Paul (Details anzeigen),

ich schicke meinem Briefe an Dich einen zweiten hinter her, auf die Gefahr hin, daß er sich mit Deiner Antwort kreuzt.

Ich habe die ganzen Tage gerungen darum, ob ich das Nein vermeiden könnte. Ich habe jetzt die Klarheit. Ich bitte Dich um der Klarheit willen, und um das Recht der Korporationen zu achten, Deinen Übergang zur philos. Fakultät in die Wege zu leiten.

Es geht nicht anders. Ich kann Dir das |:innerlich:| nicht ausführlicher begründen, als ich es im letzten Brief tat. Der äußere Anstoß aber ist die Antwort, die ich auf Mitteilung Deiner Gesichtspunkte an den |:Betreff.:| erhalten habe. Sie hat mir gezeigt, daß es sich bei Deinen Frauenfreundschaften nicht um etwas noch Unbekanntes handelt, sondern um etwas mit allem Detail Bekanntes. Es gibt ist schon vorgekommen, daß sich ein Mädchen in aller Gemütsruhe als |:gewissermaßen:| „eine der vielen Frauen“, die Du bei Deinem Bedürfnis nach Wechsel und Deiner Ungeeignetheit für die Einehe nötig hättest, bezeichnet hat. Wenn Du willst, nenne ich den Namen des Mädchens und dessen, zu dem sie es gesagt hat. Die Nachricht ist unbedingt wahr, da kein weiterer Mund zwischen mir und dem der es gehört hat und dem Mädch selber, steht. Es ist auch soweit, daß jedem Verteidiger der Relg Soz Sache Dein Verhältnis zur sexuellen Moral als ernster Einwand im persönl. Gespräch entgegen gehalten wird.

Nach meiner Meinung kannst Du den Schritt nicht mehr vermeiden.

Auch das gebe ich zu bedenken, ob Du noch das Wingolfsband tragen darfst. Der Austritt könnte ganz allgemein mit dem Hinweis auf die Gesinnungsunterschiede, die Dich vom Wingolf in vielen Punkten trennen, geschehen, würde also keine Bloßstellung bedeuten. Der Wingolf ist nun einm. mit der alten Moral verbunden, und Du wirst wissen, was Du selbst als junger Philister mit einem, der Deine Gesinnung und Dein Verhalten hatte, getan hättest. –

Ich schreibe das alles mit Zittern. Aber ich darf nicht anders. Bitte, Paul (Details anzeigen), ehre die nun bestehenden Normen der Theol. Fakultäten.

Das Paradox der Spannung brauchte Dir nicht verloren zu gehen. Ich meine, trägst Du die Gewissensfrage der Theologie ganz innerlich in Deinem Geiste, so brauchst Du einen äußeren Stachel nicht mehr. Hast Du sie aber nicht im Geiste, so ist die äußere Stellung nicht fähig, Dir einen Stachel einzudrücken.

Vergiß nicht, Paul (Details anzeigen), daß der Brief von diesem liebenden Menschen geschrieben ist, der Dich nächst * Frede (Details anzeigen) am liebsten hat. Und vergiß nicht, daß ich Dich lieb behalten werde.

Noch eins: aus Deinem Eheunglück gibt es kein Detail das nicht als Gerücht (und zwar zieml richtig, wie ich fürchte) bekannt wäre. Du mußt das wissen. Auf die Entscheidung der Frage des Briefs ist das |:aber:| natürl. ohne Einfluß. -


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBonn
bTillich, Paul
cTillich, Paul
dTillich, Paul
eFritz, Alfred
fHirsch, Emanuel

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/152
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Bonn - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Emanuel Hirsch an Paul Tillich vom 26. Juni 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00719.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00719.pdf