Der editierte Text

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Lieber Paulus (Details anzeigen)!

Wenn mich nicht eine formidable Erkältung gestern und heute ans Bett gefesselt hätte, würde ich Dir schon gestern geschrieben haben: doch ist mein Glückwunsch nun nicht weniger herzlich, den ich Dir, Deiner Frau (Details anzeigen) und Deinem Baby (Details anzeigen) sende:1 möge es blühen, wachsen und gedeihen! Zwar bin ich seit geraumen Wochen immer stärker zur Überzeugung gekommen, dass die menschliche Geistes-Welt das Greisenalter des Erdenlebens darstellt, – aber da wir offensichtlich in der russifizierenden Jugendlichkeits-Epoche des Expressionismus stehen, so hoffe ich trotz allem mich immer mehr erfüllenden Pessimismus doch bei diesem Enkel (Details anzeigen) Deines Vaters (Details anzeigen) auf frische Jugendkraft.

Bist Du so gut gewesen, meine Dekadenz-Kultur (Details anzeigen) an S. Müller (Details anzeigen)München (Details anzeigen) zu senden? Bitte schicke mir doch das erste Buch: Philosop „Metaphysik“,2 wieder, ja? Ich will es jetzt gründlich umarbeiten, insbesondere die verschiedenen Arten |:der Lösung:| des Negativitätsproblems untersuchen, besprechen, kritisieren. Es soll| daraus also eine „Metaphysik des Negativen“ (mit allen dessen Abarten) werden.3 In den Ferien, die jetzt kommen, habe ich hoffentlich Zeit dazu. Schicke mir das Manuskript bitte mit 1500,- Mark-Versicherung und ziehe die dafür verausgabte Summe von der: so um 67 M ungefähr sich belaufenden Kauf Summe für das Berlit (Details anzeigen)-Bild ab.

Ich denke dem Negativitäts-Problem z.T. auch sprachstruktural zu Leibe zu gehen. Mir scheint es gibt dabei eine Menge von Problemen, die in den gewöhnlichen Logiken gar nicht vorkommen, – u.a.: wie sind in der Lehre von der Wahrheit unwahre Sätze überhaupt formulierbar? Wie kann der der die Wahrheit erlebt, auch eben von Unwahrheiten erlebnismässig Kenntnis haben? usw. –

Was machen Deine Vorlesungen? und so weiter.......

Ich schicke Dir einen Aufsatz über „Primitivitäts-Kultur u. -Kunst;“4 bitte schicke ihn mir doch mit der Dekadenz-Arbeit (Details anzeigen) zurück. – Ich wiederhole meinen Dreifachen Gruss noch einmal zum Schluss: Dein Eckart (Details anzeigen)

Michen (Details anzeigen) war reizend, als sie mir Gretlis (Details anzeigen) Karte vorlas: als ob sie von eigenem glücklichen Erleben berichtete, – ganz reizend.


Fußnoten, Anmerkungen

1Wolf Tillich (Details anzeigen) wurde am 19. Juli 1919 geboren und verstarb am 28. Juli 1919. Der Brief ist undatiert, lässt sich aber durch die Gratulation zur Geburt auf Ende Juli 1919 datieren. Leiblicher Vater war allerdings Richard Wegener (Details anzeigen).
2Gemeint ist der erste Teil von Sydows Die Kultur der Dekadenz (Details anzeigen): Die Dekadenz im metaphysischen Bewusstsein.
3Im Vorwort von Die Kultur der Dekadenz (Details anzeigen) kündigt von Sydow an: „Nachdem mit diesem Buch zunächst ‚Die Kultur der Dekadenz’ durchforscht ist, wird sich das nächste Buch mit der ‚Metaphysik der Lebensverneinung’ beschäftigen.“ Ein Werk mit diesem oder ähnlichen Titel konnte nicht ermittelt werden.
4Nicht ermittelt.

Register

aTillich, Paul
bTillich, Margarete
cTillich, Wolf
dTillich, Wolf
eWegener, Carl Richard
fTillich, Wolf
gTillich, Johannes Oskar
hSydow, Die Kultur der Dekadenz, 1921
iMüller, S.
jMünchen
kSydow, Die Kultur der Dekadenz, 1921
lSydow, Die Kultur der Dekadenz, 1921
mBerlit, Rüdiger
nSydow, Die Kultur der Dekadenz, 1921
oSydow, Eckart von
pMichen
qTillich, Margarete

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/191(6)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Eckart von Sydow an Paul Tillich vom Juli 1919, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00618.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00618.pdf