Der editierte Text

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Halle a. S. (Details anzeigen) 6. XI. 1907. Goebenstr 23II.

Lieber Bundesbruder (Details anzeigen)!

Eben teilte mir Balke (Details anzeigen) Deinen Brief1 vom 5. N mit u. ich beeile mich ihn sofort zu beantworten u. Dir die gewünschten Aufschlüsse an die Hand zu geben.

Ad 1) Joh. Brachmann (Details anzeigen) hat kurz vor dem Austritt auf einer Besprechung erklärt, nachdem nun die Bundessache bereinigt sei, sei es wohl an der Zeit, daß die Verbindung an ihre eigene Reinigung gehe. Er wurde ausgelacht.

Auf einem von Philister Bachmann (Details anzeigen) u. Schornbaum (Details anzeigen) einberufenen Konvent, erklärte ich (Lotz (Details anzeigen)) in der Verbindung bestehe ebenfalls der Kampf zwischen Rechts u. Links. Der x | erklä wies diese Behauptung achselzuckend zurück.

Ad 2) Es kann wohl sein, daß einer von uns eine Kouleur sich kurz vorher gekauft (daß er sie zurückgegeben glaube ich nicht) das beweist aber nur, daß dann betr. die Plötzlichkeit des Austritts überraschend kam, nicht aber dieser selbst.

Ad 3) Der Erlanger Ton ist gekennzeichnet durch Zellfelders (Details anzeigen) Wort: Ein Erlange spuckt auf einen Hallenser. Daß Grießhammer (Details anzeigen) sich betrunken ist nicht widerlegt u. kann nicht widerlegt werden. Der xx2 hat selber sich mit seinen Exkneipen gerühmt.

Ad 4) Eine Unverschämtheit. Nur mein Vater hatte einen Sohn in der V. Daß Zahn (Details anzeigen) u. Zucker (Details anzeigen) ihre Namen unter eine Erklärung setzten, für die sie nicht einstehen konnten, ist | eine schwere Beleidigung.3 Die Marburger Philister sind nicht durch die Erlanger Philister bearbeitet worden. Zu Wort gekommen ist auf ihrem Konvent hauptsächlich Rupprecht (Details anzeigen), nicht Philister Weber (Details anzeigen).

Ad 5) Über Johannes Brachmann (Details anzeigen) steht seinem Leibfux kein Urteil zu.

Gegen Hopfmüller (Details anzeigen) hat Behrens (Details anzeigen) wegen Beleidigung beim Erlanger Disziplinarausschuß Klage erhoben.

Ad 6) Die Blamage für die Verbindung beruht darin, daß wir durch den traurigen Ton in der Verbindung gezwungen wurden auszutreten.

Ad III von einem Ehrengerichtsverfahren gegen meinen Vater ist mir nichts bekannt, das könnte nur zu einer Suspendierung v. E.W. wegen Beleidigung eines Professors führen.

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Mit herzlichem Gruß

Dein E. Lotz (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Die Korrespondenz liegt nicht vor.
2Als XX bezeichnet man einen Zweitchargierten oder Fuxmajor. Der XX ist für neu eingetretene Füxe verantwortlich.
3Kurz nach dem Wartburgfest 1907 waren Ende Mai und Anfang Juni 1907 innerhalb kurzer Zeit sieben Mitglieder des Erlanger Wingolfs (Details anzeigen) aus demselben ausgetreten. Unter ihnen befand sich auch der Ernst Lotz (Details anzeigen). Die Ausgetretenen warfen ihrer Verbindung vor, die in dem Verbindungsprinzip festgehaltene Verpflichtung auf eine christliche Lebensführung zu verletzen, und kündigten die Gründung eines „Alt-Wingolfs“ in Erlangen an, wovon sie jedoch schließlich absahen. (Siehe die Bekanntmachung des Austritts der sieben Mitglieder durch die Verbindung: Johannes Remmers: Erklärung (1907) (Details anzeigen); siehe auch eine Erklärung im Namen aller Ausgetretenen: Johannes Brachmann: Erklärung (1907). (Details anzeigen)) In seiner Bekanntmachung des Austritts der sieben Mitglieder behauptete Johannes Remmers (Details anzeigen) im Namen der Erlanger Verbindung, dass die Erlanger Philisterschaft den Ausgetretenen ihre Unterstützung versagt habe. Um dieser Behauptung entgegenzutreten, veröffentlichten die Philister Philipp Bachmann (Details anzeigen), Wilhelm Lotz (Details anzeigen) –dies war der Vater von Ernst Lotz-, Heinrich Weber (Details anzeigen), Theodor Zahn (Details anzeigen) und Marcus Zucker (Details anzeigen) eine auf den 7. Juli 1907 datierte und die Ausgetretenen unterstützende Erklärung. (Siehe: Philip Bachmann, Wilhelm Lotz, Heinrich Weber, Theodor Zahn, Marcus Zucker: Erklärung in Sachen des Erlanger Wingolfs (1907). (Details anzeigen)) Unter Vermittlung des ortsansässigen Philisterverbands beschloss die Erlanger Verbindung, unter zwei Bedingungen auf ihr in den Bundes-Statuten des Wingolfsbundes verankerten Einspruchsrecht bei einem Wechsel der Ausgetretenen in andere Wingolfsverbindungen zu verzichten: Sie mussten sich bei ihrer Aufnahme erstens beim Erlanger Wingolf entschuldigen, und zweitens mussten sie den Vorwurf des Verstoßes gegen die christliche Lebensführung, den sie der Erlanger Verbindung gemacht hatten, zurücknehmen. Johannes Brachmann (Details anzeigen) teilte dem Erlanger Wingolf am 24. November 1907 im Namen der Ausgetretenen mit, diese Bedingungen anzunehmen. (Vgl. Rudolf Tschudi: Der Erlanger Wingolf an seine Bruderverbindungen (1908). (Details anzeigen)) Zum Wintersemester 1907/08 wurde Ernst Lotz vom Hallenser (Details anzeigen) Wingolf als Fuchs aufgenommen. Dies geschah zunächst ohne Absprache mit Erlangen und daher unter Verletzung der genannten Bedingungen. Daraufhin brach die Erlanger Verbindung am 30. Oktober 1907 ihre Beziehungen zu Halle ab, bis sie diese am 29. November desselben Jahres nach Vergleichsverhandlungen und der erfolgten Entschuldigung aller Ausgetretenen wieder aufnahm. (Vgl. Konrad Gaiser: Bundesprotokoll für das I. Quartal des Wintersemesters 1907/08 (1908), [S. 1]. (Details anzeigen)) Warum Lotz Zahn und Zucker den Vorwurf machte, für ihre Erklärung nicht einstehen zu können, hat sich nicht ermitteln lassen.

Register

aHalle (Saale)
bTillich, Paul
cBalke, Hans
dBrachmann, Johannes
eBachmann, Philipp
fSchornbaum, Karl
gLotz, Ernst
hZellfelder, August
iGrißhammer, Wilhelm
jZahn, Theodor
kZucker, Marcus
lErlangen
mLotz, Ernst
nRemmers, Erklärung, 1907
oBrachmann, Erklärung, 1907
pRemmers, Johannes
qBachmann, Philipp
rLotz, Wilhelm
sWeber, Heinrich
tZahn, Theodor
uZucker, Marcus
vBachmann et al., Erklärung in Sachen des Erlanger Wingolfs, 1907
wBrachmann, Johannes
xTschudi, Der Erlanger Wingolf an seine Bruderverbindungen, 1908
yHalle (Saale)
zGaiser, Bundesprotokoll für das I. Quartal des Wintersemesters 1907/08, 1908
aaRupprecht, Johannes
abWeber, Heinrich
acBrachmann, Johannes
adHopfmüller, Wilhelm
aeBehrens, Johann
afLotz, Ernst

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974., bMS 649/162
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Halle - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Ernst Lotz an Paul Tillich vom 6. November 1907, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00238.html, Zugriff am ????.

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