Der editierte Text

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Mein liebes Paulchen (Details anzeigen)!

Eigentlich hatte ich mich hoch verschworen, Dir nicht mehr zu schreiben, bis ich erfahren habe, ob Du noch lebst oder ob Dich die Wallfische [sic!] gefressen haben, aber nun ist heute Dein Geburtstag, da muß ich wohl oder übel mich einstellen. Meine herzlichen Glückwünsche sende ich Dir. Ja was soll ich Dir wünschen, Du hasts ja so gut, daß man Dir nichts zu wünschen weiß, als daß dies ferner so geht. Aber nun fällt mir ein: „Ruhe“ will ich wünschen, Ruhe in jeder Beziehung, äußerlich mehr Einsamkeit u. daraus folgt ja auch innerliche Ruhe. Ich bin froh an dem stillen Sem. das hinter mir liegt u. Du gehst ja wohl einem solchen entgegen. Daß Albert (Details anzeigen) nach Be (Details anzeigen) kommt | ist richtig fein für Dich. Vielleicht kommen sonst noch ein paar nette Leute; so daß Du genügend Verkehr hast. Im übrigen sorge jetzt etwas mehr für Deine Gesundheit. Du muß [sic!] dran denken, daß vor Dir noch ein hoffentlich langes Leben liegt, in dem Du auch was leisten sollst. Dazu ist zuerst Gesundheit nötig. Doch ich will nicht „moralisch“ werden, sondern befehle Dir, obwohl Du jetzt wohl mündig bist, jeden Tag Deines neuen Lebensjahrs zeitig ins Bett zu gehen. – Sonst wünsche ich Dir recht viel Freude an der Theologie, auch wenns nun mehr nach dem Spruch „was werden wir sagen, was werden wir schreiben“ geht. Es ist mir bisher noch nie langweilig geworden, selbst hebräisch horribile dictu ist mir lieb geworden. Doch ist eben schade, daß man nicht recht verweilen u. sich vertiefen kann in den Stoff, sondern weiter eilen muß. Aber, Kerl, | sie ist fein die heilige Theologie. Besonders da sie heute nicht „Mode“ ist, ist sie mir lieb. Doch ein Plätzchen, wo man von den Massen verschont bleibt. Bei uns ist die Theologieflucht jetzt auch groß. Außer den Stiftlern, die alle gern Philologen werden möchten, sind es nur 9 Stadtstudierende. Es ist ja einesteils erschreckend; aber auch gut. Das Material ist nun sicher ein besseres. Ich weiß nicht, ob Du immer noch Theologie neben der lieben Philosophie als Stiefkind behandelst, ich hoffe es nicht. Man hat es jedenfalls in der Th. mehr mit Realitäten zu tun als in der Philosophie.

Ich bin zur Zt sehr stolz Euch Berlinern gegenüber. In Stuttgart (Details anzeigen) tagt der internationale Sozialistenkongreß. In das feine Schwabenländle, so etwas sollte in Preußen passieren. Interessant ist es jedenfalls. Bei der Eröffnung des Kongresses sprachen | Bebel (Details anzeigen), Rosa die rote (Details anzeigen), Singer (Details anzeigen), Van der Velde (Details anzeigen).1 Als Eingangslied wurde das geschmackvolle Lied: „Eine feste Burg ist unser Bund“ nach der Mel. des Lutherliedes gesungen. Es war sehr erhebend. Leider fielen mir immer die Worte der Lutherlieder ein u. die paßten nicht hieher oder sie paßten hieher:

„U. wenn die Welt voll Teufel wär“.

Bebel (Details anzeigen) ist eine sympathische Gestalt, Singer (Details anzeigen) ein widerlicher Geselle, Rosa (Details anzeigen) häßlich, aber gescheit. Neue Gedanken werden keine gebracht, aber ich bewundere die Ausdauer u. Arbeitskraft der Führer. Klara Zetkin (Details anzeigen) übersetzt fortwährend in Französisch u. Englisch, fließend u. klar.

Sonst treibe ich nicht viel. Anfang letzter Woche kam ich hieher u. führte auch hier ein Junggesellenleben; Gestern kam nun meine Mutter wieder vom Schwarzwald. Aber die Wohnung ist recht öde. Daniel (Details anzeigen) seh ich hie u. da. Seiner Mutter, die schwer krank war, geht's jetzt besser.

Also nochmal viele Glückwünsche. Frl. Schwester (Details anzeigen) bitte ich zu grüßen.

Dein Alfred (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Vom 18. bis 24. August 1907 tagte der Internationale Sozialisten-Kongreß in Stuttgart. Bei der Eröffnungssitzung am Vormittag des 18. Augusts in der „Liederhalle“, für deren Besuch Eintrittskarten gekauft werden mussten, sprachen der Reichstagsabgeordnete und Vorsitzende der SPD August Bebel und der Vorsitzende des Internationalen sozialistischen Bureaus der Zweiten Internationalen Émile Vandervelde. (Siehe [Anonym]: Internationaler sozialistischer Kongreß (1907). (Details anzeigen)) Reden von Rosa Luxemburg und Paul Singer, mit Bebel Vorsitzender der SPD und Reichstagsabgeordneter, auf der Eröffnungssitzung sind nicht überliefert. Die Eröffnungssitzung endete mit der Annahme einer „Tagesordnung“, über deren einzelne Punkte in den darauffolgenden Tagen in Kommissionen gesprochen werden sollte. Diese Punkte waren: „Der Militarismus und die internationalen Konflikte“, „Die Beziehungen zwischen den politischen Parteien und den Gewerkschaften“, „Die Kolonialfrage“, „Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter“ sowie „Frauenstimmrecht“. Am Nachmittag des Eröffnungstages fand auf dem Cannstater Wasen eine Massenkundgebung statt, bei dem neben Bebel und Vandervelde u.a. auch Luxemburg und Singer nebst Clara Zetkin sprachen. (Vgl. ebd.) Die Sitzungsprotokolle der Kommissionen finden sich in: Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Stuttgart 18. bis 24. August 1907 (1907). (Details anzeigen)

Register

aStuttgart
bTillich, Paul
cKilger, Albert
dBerlin
eStuttgart
fBebel, August Ferdinand
gLuxemburg, Rosa
hSinger, Paul
iVanderwelde, Émile
j[Anonym], Die proletarische Internationale in Stuttgart, 1907
ko.A., Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Stuttgart, 1907
lBebel, August Ferdinand
mSinger, Paul
nLuxemburg, Rosa
oZetkin, Clara
pSchubert, Daniel
qFritz, Johanna
rFritz, Alfred

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974., bMS 649/143(11)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Stuttgart - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Alfred Fritz an Paul Tillich vom 20. August 1907, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00194.html, Zugriff am ????.

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