Der editierte Text

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Lieber Herr Tillich (Details anzeigen),

Es ist lange her, seitdem wir voneinander gehört haben, obschon das eigentlich insofern nicht stimmt, als ich viel über ihr Buch gehört und gelesen habe. Bis jetzt habe ich nicht die Zeit gefunden, es zu lesen, hoffe aber, dass ich noch dazu kommen werde.

Seitdem ich Sie besucht habe, bin ich nicht wieder in New York (Details anzeigen) gewesen. Sie werden sich erinnern, dass ich Ihnen von meinem Jungen Jan (Details anzeigen)(22) gesprochen habe, der in New York (Details anzeigen) bei De Gogorza (Details anzeigen) Singen studiert. Er war während des Sommers drei Monate hier und wird heute Nacht nach New York (Details anzeigen) zurückfahren.

Da ich gewöhnt bin, mit Ihnen Probleme des täglichen Lebens zu wälzen, obschon wir, oder wenigstens ich, damals in Berlin (Details anzeigen) noch nicht so weise ware, als wir es jetzt sind, muss ich dort fortfahren, wo wir ungefähr vor 25 Jahren stehen geblieben sind. Das letzte Jahr war für mich und uns nicht einfach: ich verlor mit der Schliessung der Rationing hier meine Stellung und habe nichts Neues gefunden, was ja bei meinen 55 Jahren nicht so verwunderlich ist, weil ja in diesen Zeiten die „Überalterung“ mit 22 beginnt. Wenn ich auch Blumen, die ich zog, und Honig, den ich gewann, verkaufte, so genügt das ja nicht um zwei Kindern eine höhere Erziehung zu geben. Glücklicher Weise hatten wir noch etwas Reserven, und inzwischen hat ein Freund von mir eine Fabrik gebaut, dich nun mit leiten werde: Sie werden lachen: eine Reinigung und Wäscherei hier in St. Rose (Details anzeigen), ein sehr modernes Gebäude, das ich zu bauen geholfen habe. Sie werden verstehen, dass das Waschen schmutziger Wäsche ja eigentlich schon mein Beruf in Deutschland (Details anzeigen) war.–

Wir kamen vorgestern in Produktion, aber natürlich muss die Sache zunächst aufgebaut werden, und so ist mein Einkommen immer noch nicht genügend, um z.B. den teilweisen Unterhalt meines Sohnes Jan (Details anzeigen) zu bestreiten. Er hatte bis jetzt einen half time job als Chauffeur, sucht sich nun aber einen full time job, der es ihm ermöglicht, seine Studien fortzusetzen. Wenn er seinen Unterhalt noicht völlig bestreiten kann, |:+(incl. Stunden):| bin ich bereit, ihm noch einen Zuschuss zu geben.–
b.w.|

Die erste Bitte, oder vielmehr Frage, die ich habe, ist also, ob Sie ihm irgendwie behülflich sein können, einen „job“ zu finden.

Die zweite Frage ist, ob Sie irgend Jemanden wissen, der ihn als boarder aufnehmen würde. Er hatte eine sehr nette Unterkunft gefunden, aber die Leute, früher Frankfurter Zeitung, benötigen das Zimmer nun selbst. Natürlich würde er bezahlen, ich würde es aber sehr gerne sehen, wenn er eine Art „Heim“ finden würde, wo er auch abends, wenigstens im Allgemeinen, essen könnte. Und dann ist es so sehr wichtig, das da ein Klavier ist, sodass er üben könnte, ohne endlose Strecken dafür fahren zu brauchen. Es würde auch schon wundervoll sein, wenn er überhaupt eine Ueben-Möglichkeit in der Nähe hätte.

Giebt es in New York (Details anzeigen) keine Tante Tonis??

Natürlich erwarte ich auf diesen Brief keine Antwort, bevor Sie Jan (Details anzeigen) gesprochen haben. Ich glaube nicht, dass ich als Vater un-objektiv bin, wenn ich sage, dass er ein ganz besonders feiner Junge ist. Seine Stimme ist sehr vielversprechend für klassischen und auch natürlich Kirchengesang. Vielleicht haben Sie einmal Gelegenheit, ihm eine Chance zum Singen zu geben, bei sich oder Freunden, Sie werden es bestimmt geniessen.

Es kommt mir ein wenig komisch vor, dass ich Ihren Rat in praktischen Dingen erbitte. Ich weiss wie beschäftigt Sie sind und bitte Sie, dieses nur als eine Anregung anzusehen und nicht das Gefühl zu haben, dass ich Ihnen lästig fallen will. Irgend ein Zufall, wenn man so sagen will, mag sich ergeben, und deshalb wollte ich dass Sie unterrichtet sind, wenn der Junge Sie besucht.

Wir sind alle wohl. George (Details anzeigen), der Aelteste ist nun auch mit seiner Frau in Montreal (Details anzeigen), wo sie im März meinen ersten Enkel bekamen, einen goldigen Jungen, Christopher John (Details anzeigen). Merkwürdig wie die Lebenswege verschlungen sind, auf denen sich die Kuh Bellona bestimmt nicht mehr zurecht finden würde.

Mit herzlichen Grüssen für Ihre Frau (Details anzeigen) und Sie,
Ihr

Hugo Simons (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bNew York City
cTillich, Paul
dNew York City
eSimons, Jan Hugo
fNew York City
gDe Gogorza, Emilio Eduardo
hNew York City
iBerlin
jSainte-Rose
kDeutschland
lSimons, Jan Hugo
mNew York City
nSimons, Jan Hugo
oSimons, George
pMontreal
qSimons, Christopher John
rTillich, Hannah
sSimons, Hugo

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 186(31)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hugo Simonsvom 5. Februar 1947

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Hugo Simons an Paul Tillich vom 11. September 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11225.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11225.pdf