Der editierte Text

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Verehrter Herr Professor Tillich (Details anzeigen)!

Nach Ihrem Vortrag (im Hörsaal der Berg-Akademie in Clausthal-Zellerfeld (Details anzeigen)) erlaubten Sie mir, Ihnen schreiben zu dürfen, und von dieser Erlaubnis mache ich heute Gebrauch.

Je weiter Sie mir Ihren Ausführungen kamen, umso mehr fiel mir die sachliche, klare Gliederung auf. Ordnung schaffen, die Zusammenhänge ihrem Wesen nach erkennen, mit Namen benennen und alles wieder auf den ursprünglichen Platz zurückstellen: Ich täusche mich nicht, wenn ich vermute, dass hinter diesen scheinbar mühelosen Beginnen die ernste Lebensarbeit eines Ringenden steht. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“

Unmittelbar berührt wurde ich durch Ihre Ausführungen über Ehrfurcht und Selbstachtung. Gegenüber solchem Gefühl von der Würde des Geschöpfes mutet das moderne laute Selbstbewusstsein wie das marktschreierische Ausrufen eines Tingeltangel-Besitzers an, der die Armut seines Lebens hinter grellem Flitter versteckt. Hier zeigten Sie auf eine Stelle menschlichen Seins, aus dem die Not deutlich spricht. Hoffentlich haben Sie damit manchem Hörer den schwankenden Mut gestärkt, den klugen Eigensüchtlern wohl kaum; die können weder sich noch andre achten. Wie es auf mich wirkte, werden Sie verstehen können, wenn Sie das nachfolgende Zitat aus meiner Novelle „Die Wandlung“ bedenken. Zwei junge Menschen, beide verheiratet in Ehen, denen der Gleichklang mangelt, im Gespräch. Er sagt, nachdem er unvermutet einen Blick in ihre Ehe tun durfte: „Diese Liebeleerheit! Soviel Unverständnis unter den Menschen! – Menschen dürfen sich miteinander nur um der Liebe willen miteinander verbinden, sonst ist die Folge Hass und Streit! Aber wer begreift es denn, dass Ehrfurcht vor dem andern nur bei Selbstachtung möglich ist? Und wer hat Ehrfurcht vor sich selbst als einem Geschöpf Gottes?“

Als Künstler habe ich es mit der Gestaltung von Menschen und Geschehnissen zu tun und soll nicht philosophieren. So führt auch dieser Ausruf nicht zum Zwiegespräch, sondern zu gefühlsmässiger Auswirkung. – Die beiden kommen sich näher, sie wissen kaum wie. Im stummen Sich-wehren gegen den Anspruch des Egoistischen in und ausser ihnen empfinden sie das gegenseitige Erleben wie das Licht einer Gnade. Als dann eine Stunde kommt, in der er leidenschaftlich wird und begehrt, er sich scheiden lassen will, wehrt sie sich für beide gegen ein „verständliches“ Absinken. Jetzt sind es Selbstachtung und Ehrfurcht vor dem anderen, eine wahre, überwindene Liebe, die beide vor dem fast Unvermeidlichen behüten. Als er scheidet, hatte er das gefunden, was er immer gesucht: Einen Menschen, dessen Herz grösser war als das all derer, denen er bisher begegnet war. Das erhebt ihn in seinem Leid.

Dieses Novellenmanuskript von 56 Seiten ist das erste, das ich wieder als Eigentum besitze; denn ich verlor meine ganze Lebensarbeit. Ich hüllte den Kern der Erzählung in Bilder ein, wie meine Fantasie sie nur hergeben wollte. Man wird sie vielleicht einmal eine „Liebesgeschichte“ nennen, falls ihr die Ehre der Veröffentlichung zuteil werden sollte, und wird damit in einem zweiten Sinnes recht haben: Liebe, die ich meine! Eros mit einem Schimmer von Agape. „Gott und Tier, beide sind im Menschen! Die Seele sucht das Lichte, das Tier aber trachtet danach, satt zu werden“ schrieb ich mir selbst als Motto| Motto über das Manuskript. –

Nun arbeite ich an einer Rahmenerzählung von acht Novellen. Darunter wird sich die Geschichte eines Arztes befinden („Der Hässliche“), der zu dem „Neuen“ findet, der versöhnt ist und nicht nur mit Rezepten hilft, sondern auch mit der Seele. Auch hier sollten es nicht philosophische Dialoge werden, sondern Bilder und Gestalten; ich aber, der ich sie erschaffen will, kann keinen Grad der Klarheit erreichen, der zu hoch wäre. So werden Sie, verehrter Herr Professor, es verstehen, dass ich Verlangen danach trage, von ihren lichtvollen Gedanken zu erfahren. Ihr Vortrag in Clausthal (Details anzeigen) berührte mich so sehr, dass ich den Besitz seines Wortlautes für einen grossen Gewinn ansehen müsste. Ist eine Brücke möglich? Vielleicht haben Sie dort oder in Deutschland (Details anzeigen) einen Kreis, der mich in zweckentsprechender Weise teilnehmen liesse, denn ich weiss nicht, ob und was gedruckt greifbar ist, und ich kann Sie unmöglich mit einer derartigen Korrespondenz belasten. Ich bin über die Möglichkeiten völlig im Unklaren.

Ich habe es sehr bedauert, Sie, verehrter Herr Professor, nach dem Vortrag nicht noch eine Viertelstunde sprechen zu dürfen. Der Segen einer echten Persönlichkeit ist gross. Ich bin nach Ihrer Einfachheit und Klarheit süchtig, aber sie ist selten, viel seltener als die Geschäftigen im Geiste ahnen. Und ich lebe vorsätzlich in der Stille.

Diesen schon viel zu langen Brief muss ich nun wohl beenden, doch möchte ich noch ein paar Strophen anfügen. Diese sollen aus dem neu gehorteten Vorrat an Manuskripten gewissermaßen Stationen von 1945-1948 anzeigen und Ihnen – hoffentlich – eine Kleinigkeit sagen.

Mit dem Ausdruck tiefer Verehrung und für Ihre Geduld dankend grüsse ich Sie!

Ihr Diesing (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aDiesing, Johannes
bClausthal-Zellerfeld
cTillich, Paul
dNew York City
eTillich, Paul
fClausthal-Zellerfeld
gClausthal-Zellerfeld
hDeutschland
iDiesing, Johannes

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 136(29)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Diesing an Paul Tillich vom 21. August 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11220.html, Zugriff am ????.

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