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         <titleStmt>
            <title>Brief von Johannes Diesing an Paul Tillich vom 21. August 1948</title>
            <author ref="#tillich_person_id__4956">Johannes Diesing</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
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         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
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                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 136(29)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
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         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__4956">Johannes Diesing</persName>
               <date when="1948-08-21">21.08.1948</date>
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            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__4956">Korrespondenz mit Johannes Diesing</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11216.xml">Brief von Wally P. Schultz an Paul Tillich vom 18. August 1948</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11221.xml">Brief von Anneliese Hamann an Paul Tillich vom 27. August 1948</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1948-08-21"/></creation></profileDesc>
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         <change who="MI" when="2026-04-26">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
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         <div type="writingSession">
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            <opener><dateline><rs ref="#tillich_person_id__4956" type="person">Johannes Diesing</rs> (21b) <rs ref="#tillich_place_id__107" type="place">Clausthal-Zellerfeld</rs>,<lb/> den <date when="1948-08-21">21. August 1948.</date><lb/>Gr. Bruch 2<lb/>p.A. Steinhoff.<lb/>
               <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herrn Prof. Paul Tillich</rs><lb/>
            Columbia-University<lb/>
               <rs ref="#tillich_place_id__319" type="place"><hi rend="underline">New York.</hi></rs></dateline>
               <salute>Verehrter <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                  Professor Tillich</rs>!</salute>
            </opener>
            <p>Nach Ihrem Vortrag (im Hörsaal der Berg-Akademie in <rs ref="#tillich_place_id__107" type="place">Clausthal-Zellerfeld</rs>) erlaubten Sie mir, Ihnen schreiben zu
               dürfen, und von dieser Erlaubnis mache ich heute Gebrauch.</p>
            <p>Je weiter Sie mir Ihren Ausführungen kamen, umso mehr fiel mir die sachliche, klare
               Gliederung auf. Ordnung schaffen, die Zusammenhänge ihrem Wesen nach erkennen, mit
               Namen benennen und alles wieder auf den ursprünglichen Platz zurückstellen: Ich
               täusche mich nicht, wenn ich vermute, dass hinter diesen scheinbar mühelosen Beginnen
               die ernste Lebensarbeit eines Ringenden steht. <q>Ich lasse dich nicht, du segnest
                  mich denn!</q></p>
            <p>Unmittelbar berührt wurde ich durch Ihre Ausführungen über Ehrfurcht und
               Selbstachtung. Gegenüber solchem Gefühl von der Würde des Geschöpfes mutet das
               moderne laute Selbstbewusstsein wie das marktschreierische Ausrufen eines
               Tingeltangel-Besitzers an, der die Armut seines Lebens hinter grellem Flitter
               versteckt. Hier zeigten Sie auf eine Stelle menschlichen Seins, aus dem die Not
               deutlich spricht. Hoffentlich haben Sie damit manchem Hörer den schwankenden Mut
               gestärkt, den klugen Eigensüchtlern wohl kaum; die können weder sich noch andre
               achten. Wie es auf mich wirkte, werden Sie verstehen können, wenn Sie das
               nachfolgende Zitat aus meiner Novelle <q>Die
               Wandlung</q><!-- verm. nicht publiziert --> bedenken. Zwei junge Menschen, beide
               verheiratet in Ehen, denen der Gleichklang mangelt, im Gespräch. Er sagt, nachdem er
               unvermutet einen Blick in ihre Ehe tun durfte: <q>Diese Liebeleerheit! Soviel
                  Unverständnis unter den Menschen! – Menschen dürfen sich miteinander nur um der
                  Liebe willen miteinander verbinden, sonst ist die Folge Hass und Streit! Aber wer
                  begreift es denn, dass Ehrfurcht vor dem andern nur bei Selbstachtung möglich ist?
                  Und wer hat Ehrfurcht vor sich selbst als einem Geschöpf Gottes?</q></p>
            <p>Als Künstler habe ich es mit der Gestaltung von Menschen und Geschehnissen zu tun und soll nicht philosophieren.
            So führt auch dieser Ausruf nicht zum Zwiegespräch, sondern zu gefühlsmässiger Auswirkung. –
            Die beiden kommen sich näher, sie wissen kaum wie. Im stummen Sich-wehren gegen den Anspruch des 
            Egoistischen in und ausser ihnen empfinden sie das gegenseitige Erleben wie das Licht einer Gnade.
            Als dann eine Stunde kommt, in der er leidenschaftlich wird und begehrt, er sich scheiden lassen will,
            wehrt sie sich für beide gegen ein <q>verständliches</q> Absinken. Jetzt sind es Selbstachtung und Ehrfurcht vor dem
            anderen, eine wahre, überwindene Liebe, die beide vor dem fast Unvermeidlichen behüten. Als er scheidet, hatte er das gefunden, was
            er immer gesucht: Einen Menschen, dessen Herz grösser war als das all derer, denen er bisher begegnet war.
            Das erhebt ihn in seinem Leid.</p>
            <p>Dieses Novellenmanuskript von 56 Seiten ist das erste, das ich wieder als Eigentum
               besitze; denn ich verlor meine ganze Lebensarbeit. Ich hüllte den Kern der Erzählung
               in Bilder ein, wie meine Fantasie sie nur hergeben wollte. Man wird sie vielleicht
               einmal eine <q>Liebesgeschichte</q> nennen, falls ihr die Ehre der Veröffentlichung
               zuteil werden sollte, und wird damit in einem zweiten Sinnes recht haben: Liebe, die
               ich meine! Eros mit einem Schimmer von Agape. <q>Gott und Tier, beide sind im
                  Menschen! Die Seele sucht das Lichte, das Tier aber trachtet danach, satt zu
                  werden</q> schrieb ich mir selbst als <hi rend="underline">Motto</hi><pb n="2"/>Motto über das Manuskript. –</p>
            <p>Nun arbeite ich an einer Rahmenerzählung von acht Novellen. Darunter wird sich die
               Geschichte eines Arztes befinden (<q>Der Hässliche</q>), der zu dem <q>Neuen</q>
               findet, der versöhnt ist und nicht nur mit Rezepten hilft, sondern auch mit der
               Seele. Auch hier sollten es nicht philosophische Dialoge werden, sondern Bilder und
               Gestalten; ich aber, der ich sie erschaffen will, kann keinen Grad der Klarheit
               erreichen, der zu hoch wäre. So werden Sie, verehrter Herr Professor, es verstehen,
               dass ich Verlangen danach trage, von ihren lichtvollen Gedanken zu erfahren. Ihr
               Vortrag in <rs ref="#tillich_place_id__107" type="place">Clausthal</rs> berührte mich
               so sehr, dass ich den Besitz seines Wortlautes für einen grossen Gewinn ansehen
               müsste. Ist eine Brücke möglich? Vielleicht haben Sie dort oder in <rs ref="#tillich_place_id__122" type="place">Deutschland</rs> einen Kreis, der mich
               in zweckentsprechender Weise teilnehmen liesse, denn ich weiss nicht, ob und was
               gedruckt greifbar ist, und ich kann Sie unmöglich mit einer derartigen Korrespondenz
               belasten. Ich bin über die Möglichkeiten völlig im Unklaren.</p>
            <p>Ich habe es sehr bedauert, Sie, verehrter Herr Professor, nach dem Vortrag nicht noch
               eine Viertelstunde sprechen zu dürfen. Der Segen einer echten Persönlichkeit ist
               gross. Ich bin nach Ihrer Einfachheit und Klarheit süchtig, aber sie ist selten, viel
               seltener als die Geschäftigen im Geiste ahnen. Und ich lebe vorsätzlich in der
               Stille.</p>
            <p>Diesen schon viel zu langen Brief muss ich nun wohl beenden, doch möchte ich noch ein
               paar Strophen anfügen. Diese sollen aus dem neu gehorteten Vorrat an Manuskripten
               gewissermaßen Stationen von 1945-1948 anzeigen und Ihnen – hoffentlich – eine
               Kleinigkeit sagen.</p>
            <closer>
               <salute>Mit dem Ausdruck tiefer Verehrung und für Ihre Geduld dankend grüsse ich Sie!</salute>
               <signed><hi rend="hand"> Ihr <rs ref="#tillich_person_id__4956" type="person">Diesing</rs></hi></signed>
            </closer>
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                  <placeName>New York City</placeName>
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                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
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                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
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                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
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                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
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                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__4956">
                  <persName>Diesing, Johannes</persName>
               </person>
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