Der editierte Text

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Bremen (Details anzeigen), den 15. Juni 1948

Lieber Freund Tillich (Details anzeigen)!

Gerüchtweise hatten wir gehört, daß Sie nach Deutschland (Details anzeigen) kämen. In der Göttinger Universitätszeitung fand ich, daß Sie in Marburg (Details anzeigen) schon lesen,1 und gleichzeitig schickte mir Er oder vielmehr uns (Details anzeigen) Erika Stoevesandt (Details anzeigen) Ihren Gruß, der uns sehr freute. Denn wie oft haben wir, mindestens seit dem Zusammenbruch, davon gesprochen, daß wir mit Ihnen jetzt einmal die Dinge dieser Welt und dann auch wohl der jenseitigen besprechen möchten. Denn daß Sie uns entschwunden waren, haben wir immer wie einen Schicksalsschlag empfunden. Sie haben ja nun schon einiges Wesentliche von uns gehört. Wir können es nicht so bezeichnen, als habe der Krieg oder Hitler (Details anzeigen) uns die 3 Söhne genommen. Sie sind eine köstliche Leihgabe an uns gewesen, und Gott ist es, der sie zu sich zurückgefordert hat, denn sie haben alle aus seiner Kraft gelebt und den Krieg ertragen, besonders der Älteste ist sich immer über den Ausgang des Krieges klar gewesen und hat sein wahrscheinliches Schicksal in la als Tod oder langjährige Gefangenschaft vorausgesehen, ohne darüber zu klagen. Etwas endgültig Bestimmtes wie über die beiden anderen wissen wir über ihn nicht. Aber alles deutet darauf hin, daß er ganz am Schluß des Krieges in hoffnungsloser Situation trotz Abratens seiner Kameraden bei seinen Verwundeten zurückgeblieben ist – er war Stabsarzt – und dabei den Tod gefunden hat.

Aber dies jetzt nur am Rande. Wenn es Ihnen irgend möglich ist, dann kommen Sie doch zu uns! Für einen Amerikaner sind doch die paar km in dem so klein gewordenen Deutschland (Details anzeigen) überhaupt nichts. Ein einziger Abend schon wäre etwas Herrliches, obwohl er gewiß in Wirklichkeit nicht ausreichen würde. Aber abgesehen von allem andern müßte ich auch durchaus mit Ihnen den Plan einer „internationalen Universität“ besprechen, die hier in Bremen (Details anzeigen) über kurz oder lang eröffnet werden soll. Es ist nicht bremischer Größenwahn, sondern der Motor sind die Amerikaner, wenn auch einige Zutaten dazu von hier ausgegangen sind. Diese haben besonders eine medizinische Akademie, dann also medizinische Fakultät betroffen, woran ich als Vorsitzender des Ärztlichen Vereins beteiligt bin. Das Wort „international“ pflege ich in kleinem Kreise mit „anthropologisch“ zu verdeutschen, und die Gedanken der Amerikaner und Engländer scheinen in ähnlicher Richtung zu gehen. Das wäre dann eigentlich ein zweiter Abend, zu dem ich ein paar meiner Kampfgenossen| auf diesem Gebiete einladen möchte.

Um Ihren Überlegungen gleich ein Knochengerüst zu geben, muß ich Ihnen sagen, daß meine Frau (Details anzeigen) hoffentlich Anfang August zu einer dringend gewordenen Badekur wegen chronischer Arthritis und zu einer ebenso dringlichen allgemeinen Erholung in die Schweiz (Details anzeigen) reist. Am 13.–15. Juli werde ich hier durch einen amerikanischen Kirchenmann gebunden sein, den man mir aus Genf (Details anzeigen) vom Ökumenischen Rat gemeldet hat mit der Bitte, ihm hier die nötigen Hilfen zu geben. Ende August soll ich – falls es dazu kommt – nach England (Details anzeigen) zu einer ärztlich-fürsorgerischen Tagung. In der 2. Hälfte September hoffe ich auch noch in die Schweiz (Details anzeigen) zu kommen. Vor Anfang Oktober wird meine Frau (Details anzeigen) sicher nicht zurück sein, vielleicht wird das sogar noch einige Wochen später.

Wie ich dies nun so konkret schreibe, kommt es mir denn doch wie eine Anmaßung vor. Denn Sie werden genug Menschen in Deutschland (Details anzeigen) haben, die Sie von sich aus sehen möchten, und ebenso viele, die ebenso wie wir danach trachten, Sie zu sehen. Also buchen Sie es nur als eine Bitte mehr in Ihre Pläne und Termine, und nehmen Sie diese Bitte jedenfalls als ein Zeichen, mit welcher Dankbarkeit wir uns freuen würden, Sie wiederzusehen. Ob Ihre Frau (Details anzeigen) mit da ist, haben wir nicht gehört[.]


Fußnoten, Anmerkungen

1In dem Teil „Von den Hochschulen des In- und Auslandes (Details anzeigen)“ der Göttinger Universitäts-Zeitung vom 11. Juni 1948 wird gemeldet, dass Tillich (Details anzeigen) in Marburg (Details anzeigen) eine Gastvorlesungen halten wird, jedoch nicht, dass diese schon begonnen haben.

Register

aBremen
bTillich, Paul
cDeutschland
dMarburg an der Lahn
eo.A., Von den Hochschulen des In- und Auslanes, 1948
fTillich, Paul
gMarburg an der Lahn
hStoevesandt, Karl; Stoevesandt, Dorothe
iStoevesandt, Erika Opelt
jHitler, Adolf
kDeutschland
lBremen
mStoevesandt, Dorothe
nSchweiz
oGenf
pEngland
qSchweiz
rStoevesandt, Dorothe
sDeutschland
tTillich, Hannah
uStoevesandt, Dorothe
v

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/190 (23)
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Unterschrift eigenhändig; Briefkopf am oberen linken Blattrand: „Dr. med. Karl Stoevesandt, Kohlhökerstraße 56, Fernsprecher 27317“

Postweg
Bremen - unbekannt
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Karl Stoevesandtvom 21. Juni 1948

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Karl Stoevesandt an Paul Tillichvom 15. Juni 1948, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11158.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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