Der editierte Text

| Pfarrer lic. Hans Christoph von Hase (Details anzeigen).
Marburg-Lahn (Details anzeigen), 8.7.47
Marbacherweg 10.

Sehr verehrter lieber Herr Professor (Details anzeigen)!

Es tut mir leid, dass wir seit unserm Abschied 1934 in New York (Details anzeigen) so ganz die Fühlung verloren haben. Sie wissen ja selbst, wie es seither bei uns zugegangen ist und dass wir in jenen Jahren des kirchlichen Strassenkampfes wenig dazu kamen, die Fühlung nach draussen aufrechtzuerhalten und aus naheliegenden Gründen auch nicht wagen konnten, wirklich das zu schreiben, was wir gern berichtet hätten. Ich habe aber doch indirekt manches von Ihnen gehört und freue mich von Herzen, dass Sie, der Sie damals noch ein wenig fremd in Union waren, inzwischen so festen Fuss gefasst und so grossen Einfluss auf die amerikanische theologische Jugend gewonnen haben. Hoffentlich ist Ihrer Familie inzwischen Union Seminary auch eine rechte Heimat geworden. Es wäre mir eine grosse Freude, wenn ich Sie gelegentlich eines Deutschlandbesuches einmal wiedersehen und von Ihnen hören könnte, wie sich das Seminary inzwischen entwickelt hat und was Sie in der Zwischenzeit erlebt haben.

Den unmittelbaren Anlass zu diesem Brief gibt mir eine Sorge, die mir schon lange auf dem Herzen liegt. Es handelt sich um Professor Dr. Rudolf Richter (Details anzeigen), Frankfurt a. Main-Eschersheim (Details anzeigen), Kesslerstr. 9, unsern wohl grössten derzeitigen Paläonthologen [sic!] . Ich lernte diesen ungewöhnlichen Mann kennen, als wir zusammen in Rumänien (Details anzeigen) zwei Jahre von den Russen interniert worden. Es war keiner in unserm Lager, dessen Persönlichkeit so verehrungswürdig gewesen wäre und der eine so vorbildlich bescheidene, charakterliche Haltung gezeigt hätte wie er. Obwohl er im Lander [sic!] keinerlei helfende Freunde hatte, lehnte er jede besondere Hilfe und Zuwendung ab aus lauter persönlicher Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Die Russen wollten ihn gern als Forscher nach Russland (Details anzeigen) verpflichten, nahmen aber davon Abstand wohl auf Grund einer Intervention amerikanischer Freunde, die ihn besonders hoch schätzten. Er hat in Amerika (Details anzeigen) ein aussergewöhnliches Ansehen, war zum Präsidenten des Internationalen Geologenkongresses gewählt worden und hat sehr viele wissenschaftliche Freunde in seinem Fach, die sich jetzt auch sehr bemüht haben, ihm zu seiner politischen Entlassung zu verhelfen. Als Präsident der Senckenberggesellschaft musste er 1937 in die Partei eintreten, weil er nur so die Gesellschaft dem nazistischen Einfluss entziehen konnte, und er hat unter grösstem Risiko den jüdischen Mitgliedern der Gesellschaft geholfen, die ihn nun durch ihre Fürsprache völlig entlastet haben. Da er aber ein weltfremder Gelehrter und ein so unerhört bescheidener und taktvoller Mann ist, hat er sich bisher nicht entschliessen können, einen seiner vielen Freunde um eine Lebensmittelhilfe zu bitten. Ich weiss, wie sehr er und seine Frau (Details anzeigen), die sich auch ganz der Wissenschaft widmet, hungern müssen und wie bitter es für ihn ist, dass er mit seinen 65 Jahren seine Kraft nicht voll| einsetzen kann, um sein Lebenswerk zu vollenden, von dem für die Wissenschaft so viel abhängt. Nun hatte er meinen dringenden Rat, sich an seine wissenschaftlichen Freunde um Hilfe zu wenden, immer wieder abgelehnt, wie Sie aus seinem letzten beigefügten Brief sehen. Seine Freunde setzten aber offenbar voraus, dass ihm bereits geholfen wird. Ich habe ihm schon einmal trotz seines Widerstrebens aus den Spenden eines Hilfswerks etwas geholfen, kann aber eine grössere Zuwendung für einen Mann schlecht verantworten, dem zu helfen gewiss Dutzende von Kollegen gern bereit wären. Darf ich mich deshalb mit der Bitte an Sie wenden, dem Präsidenten oder einem andern Mitglied der Paläontological Society oder vielleicht dem Direktor des Museum of Natural History einen Wink zu geben, dass, wenn irgendwo, hier eine Hilfe mit Lebensmitteln wirklich am Platze wäre. Ich kenne leider persönlich die Namen der Herren nicht, und Prof. Richter (Details anzeigen) würde sie mir aus seiner Grundeinstellung heraus auch nicht nennen, sodass ich Sie bitten möchte, diesen Dienst zu übernehmen.

Seit ich im letzten Jahr wirklich durch eine Kette von Wundern aus der russischen Gefangenschaft heimgekehrt bin, habe ich hier an der Universitätskirche in Marburg (Details anzeigen) ein neues Amt gefunden, über das ich sehr froh bin, und vor einigen Wochen auch meine Familie hierher gebracht. Inzwischen habe ich eine arbeitsreiche Zeit im Zentralbüro des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen hinter mir und bin mit mannigfachen Aufträgen für die oekumenische Arbeit beschäftigt. Die Aufgaben hier sind so gross, dass man viele Hände haben möchte und vor allem viel Zeit. Ich muss sehr dankbar sein, dass mir durch meine alten Freunde von Union wenigstens die Nahrungssorgen zum guten Teil abgenommen sind. Wir tun, was wir können, um über die Pastorenkirche hinauszukommen und unsere Gemeinden zur lebendigen Mitarbeit heranzuziehen, sodass möglichst viele ein Amt als wirkliche Mitarbeiter erhalten und sich als Träger der mannigfachen Dienste Christi, die in der Gemeinde Christi nötig sind, empfinden. Aber Sie wissen auch, dass wir da einen langen Weg vor uns haben und darum beten müssen, dass uns dazu noch eine Gnadenfrist geschenkt wird, bis unsere Gemeinden für eine Feuerprobe gerüstet sind. Das Kriegsgeschrei im Osten und Westen, die starken Einziehungen ehemaliger deutscher Soldaten und Offiziere in die russische Wehrmacht und dergleichen mehr bekümmert uns zurzeit wenig oder besser gesagt, wir wollen uns davon nicht bekümmern lassen, da wir nach dem gegenwärtigen Stand der militärischen Kräfte durchaus damit rechnen müssten, dass der Rest des Kontinents von den Russen überrannt wird, wenn auch vielleicht nicht auf immer. Ob es sich danach noch lohnen wird, Europa (Details anzeigen) zu retten, ist freilich zweifelhaft, und es wäre gut, wenn die Grossmächte des Westens sich dessen bewusst wären. Man erlebt es hier im täglichen kirchlichen und politischen Leben immer wieder, dass es doch nur eine kleine Schicht von Menschen ist, die den Willen und die Fähigkeit zum Aufbau einer echten Demokratie hat, und es ist nur allzu sicher, dass diese Schicht durch eine Flutwelle aus dem Osten total ausgewischt werden würde. Wer soll danach aus einem Haufen erschütterter Massenmenschen, die nur noch parieren können, eine organische Gemeinschaft wieder aufbauen?

Unser altes Marburg (Details anzeigen) sieht äusserlich und leider auch innerlich noch genau so aus wie vor 20 Jahren. Die unzerstörte Stadt ist wie eine stille Insel zwischen den vielen Ruinen, und es herrscht ein reges geistiges Leben. Aber mir scheint, dass die wilde Flut der Diskussionen, Vorträge und Zeitschriftenaufsätze doch mehr einen Akt der Entspannung als den Beginn eines wirklichen Neuaufbaues darstellt. Die Theologie scheint mir wenigstens an anderen Hochschulen doch wesentlich weiter zu sein und sich mehr darauf einzustellen, wie denn eine lebendige Kirche nach handfesten urschriftlichen Grundsätzen aufgebaut werden sollte. Die Studenten selbst machen einen durchaus erfreulichen Eindruck, aber es fehlt ihnen eine wirklich geistliche Führung, wie sie sich ja in der Kirche selbst auch nur sehr schrittweise entwickelt.

Grüssen Sie, bitte, Ihre Gattin (Details anzeigen) und Ihre Tochter (Details anzeigen) herzlichst ebenso wie die Professoren, bei denen ich 1934 hören durfte. Mit herzlichen Grüssen bin ich

Ihr ergebener v. H (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHase, Hans-Christoph von
bMarburg an der Lahn
cTillich, Paul
dMarburg an der Lahn
eRichter, Rudolf
fFrankfurt (Main)-Eschersheim
gRumänien
hRussland
iVereinigte Staaten von Amerika
jRichter, Rudolf
kRichter, Rudolf
lMarburg an der Lahn
mEuropa
nMarburg an der Lahn
oTillich, Hannah
pFarris, Erdmuthe
qHase, Hans-Christoph von

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Berlin, Diakonie, Archiv für Diakonie und Entwicklung, HCH – Hans Christoph von Hase, ADE, HCH 788
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Unterschrift eigenhändig; adressiert: „Herrn Professor D.Dr. TILLICH, Union Theological Seminary, Broadway 122nd Street, New York City, New York.“

Postweg
Marburg an der Lahn - New York

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Hans Christoph von Hase an Paul Tillich vom 8. Juli 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11093.html, Zugriff am ????.

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