Der editierte Text

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Lieber Paulus (Details anzeigen),

wie ich hörte, wirst Du am 20. August 60 Jahre alt, und da Briefe durchschnittlich 10 Tage brauchen, um den Ozean zu durchqueren, so schreibe ich heute schon, um Dir meine Wünsche und die von Alice (Details anzeigen) zu senden. Als ich vor Jahren Deine Berufung nach Dresden (Details anzeigen) erwirkte, ahnte ich nicht wie Du persönlich bist, und wie wir persönlich stehen würden. Und selbst als wir 1929 wieder schieden, Du um nach dem schönen Süden zu gehen, ich um nach dem kühlen Norden zu wandern, wußte ich noch nicht, in welcher persönlichen Beziehung ich mit Dir stünde.|

Die schicksalsvollen Ereignisse des Jahres 1940 mußten eintreten, um mir die Natur dieser Beziehung klar zu machen. An jenem für mich so bedeutungsvollen Tage, an welchen Du mir schriebst, ich solle nach N. Y. (Details anzeigen) zu Dir kommen, Du habest mir etwas Wichtiges zu sagen, trat diese Beziehung zuerst ins volle Licht.1 Ich habe seit diesem Tage immer besser und tiefer Deine Seele verstehen und lieben und schätzen gelernt, – Deine Seele, denn Deinen Geist kannte ich, seit ich Deine Schriften zuerst gelesen hatte. Die Seele, glaube ich, ist mehr als der Geist des Menschen; sie reicht tiefer hinunter in die Abgründe des Geheimnisses, das uns umhüllt und aus dem wir leben. Ich weiß, daß Du niemals Deine Seele hingeben würdest, um die Welt zu erlangen, und | das ist vielleicht das Höchste, was man von einem Menschen sagen kann. So wird auch das Altern diese Tiefe Deines Seins nicht beschatten oder verdunkeln, selbst wenn es, wie anzunehmen, manche Entsagung fordern wird. Die Schöpferkraft dieses Geistes, das bin ich sicher, wird sich im kommenden Jahrzehnt noch weiter entfalten und ihren Höhepunkt erreichen. Und auch der Umkreis Deiner Wirkung wird sich entsprechend erweitern und die „Welt“ umgreifen. Dies sind daher nicht Wünsche, sondern Prophezeiungen. Verzeih, daß ich Dir ins Handwerk pfusche! Wünschen möchte ich nur Leben und Gesundheit, die Vorbedingungen für die Erfüllung.

Sei mit Hanna (Details anzeigen) [sic!] und den Deinen in alter herzlicher Freundschaft gegrüßt von

DeinemRichard (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Liegt nicht vor.

Register

aRichmond (Surrey)
bEngland
cTillich, Paul
dKroner, Alice
eDresden
fNew York City
gTillich, Hannah
hKroner, Richard

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/159(45)
Erstpublikation
Alf Christophersen, Friedrich Wilhelm Graf: Journal for the History of Modern Theology / Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte . Band 18 (2). : De Gruyter, 2011, 281–339.
Typ

Brief, als Abschrift überliefert.

Postweg
Richmond (Surrey), England - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Richard Kroner an Paul Tillich vom 10. August 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10967.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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