Der editierte Text

| Herrn
Prof. Dr. Paul Tillich (Details anzeigen)
Union Theological Seminary
New York (Details anzeigen)
U. S. A. (Details anzeigen)
8.1.1946

Lieber und verehrter Herr Tillich (Details anzeigen)!

Ich weiss nicht, ob die verschiedenen Grüße und Nachrichten, die ich Ihnen bisher zu senden versucht habe (u. a. durch Vermittlung von Oskar Seidlin (Details anzeigen)), Sie erreicht haben,1 und ob Sie etwa auch das Ihnen zugedachte Exemplar der ersten Nummer unserer Zeitschrift erhalten haben.2 Es ist so unendlich schwer, nach so langer Entfernung, gleichsam im Auftauchen, schon das Wort zu finden, das durch den Nebel hindurch sein Ziel erreicht und zugleich den eigenen Zustand ausspricht. Darum wäre es mir ein hilfreicher Gedanke, wenn ich bei Ihnen schon einige Vorbereitung durch Bericht und Lektüre voraussetzen könnte. Wir – d. h. im besonderen meine Frau (Details anzeigen) und ich – fühlen uns zwar gerettet und von Lasten befreit, die das Gedächtnis in seiner unkontrollierbaren und doch ärgerlichen Wohltätigkeit sehr rasch in die tiefsten Winkel seines Baues versenkt hat und die doch wieder heraufzuholen und zur Präsens zu bringen beinahe jeder Tag verlangt. Aber man blinzelt noch ins Licht und scheut sich aus geheimnisvollen Gründen, all das auszusagen, was in den finsteren Jahren insgeheim in Geist und Herz herangereift ist. Wir gehen in jedem Sinne noch in den alten abgetragenen Kleidern umher und gewinnen nur in seltenen Fällen die Initiative, das Graue abzutun oder zurückzuschlagen und die Farben sehen zu lassen und zu zeigen.

Ich möchte Ihnen darum auch heute nur einen herzlichen Gruß senden und Ihnen sagen, wie sehr wir uns freuen würden, von den alten Lehrern und Freunden zu hören und die alten Beziehungen, die wir durch all diese Zeit, wenn auch mehr und mehr verstummend, bewahrt haben, aufs Neue zu erproben.

Zu der Sendung der Zeitschrift darf ich noch die Bemerkung fügen, dass sie nicht zum wenigsten auch als Anfrage gemeint ist: ob Sie uns einmal bei der unerhört schwierigen geistigen Aufgabe, die einem solchen Unternehmen| heute und hier gestellt ist, helfen mögen. Sehr gern wüßte ich in jedem Falle, ob das Heft Ihnen in diesem Sinne einladend vorkommt, und ob es Ihnen möglich erscheint, – was ich für mein [sic!] Teil jedenfalls herzlich wünschte – die Stimmen der deutschen Emigration mit den Stimmen oder doch mit diesen Stimmen der Heimat wieder zu vereinigen.

Mit vielen Grüßen und Wünschen für Sie und die Ihrigen, auch im Namen meiner Frau (Details anzeigen), bin ich wie ehedem

Ihr ergebener


Fußnoten, Anmerkungen

1Liegen nicht vor.
2Gemeint ist die Zeitschrift „Die Wandlung“, die Sternberger (Details anzeigen) 1945 gegründet hat.

Register

aTillich, Paul
bNew York City
cVereinigte Staaten von Amerika
dTillich, Paul
eSeidlin, Oskar
fSternberger, Dolf
gSternberger, Ilse
hSternberger, Ilse

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marbach, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Dolf Sternberger (1907-1989)., Nachlass, Handschriftensammlung. A: Sternberger, Dolf/Die Wandlung., HS009149026
Erstpublikation
Alf Christophersen Friedrich Wilhelm Graf: Scherben ihrer Bilder, verlorne Klänge ihrer Stimmen .... Die Korrespondenz zwischen Paul Tillich und Dolf Sternberger. Berlin/ Boston, MA: De Gruyter, 2009, 75–111; hier 93f. ( Journal for the History of Modern Theology / Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte , Bd. 16 (1))
Typ

Brief, als Abschrift überliefert.

Postweg
unbekannt - New York
voriger Brief in der Korrespondenz
Undatierter Brief von Paul Tillich an Dolf Sternberger vermutlich von Januar 1934
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Dolf Sternbergervom 20. Februar 1947

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Dolf Sternberger an Paul Tillich vom 08. Januar 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10900.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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