Der editierte Text

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Mein lieber Paul! (Details anzeigen),

Nun ich wieder daheim bin, will ich versuchen e. ausführlichen Brief an Dich zu schreiben.

Von Nervi (Details anzeigen) aus sandte ich Dir 2 Karten mit meinen Segenswünschen zur Geburt Deines Jungen (Details anzeigen). Und nun nochmals meine innigste Mitfreude u. meine innigsten Wünsche. Ich danke Dir, liebe Hannah (Details anzeigen), daß Du mir e. Tillichschen Namenhalter geschenkt hast. Möge er gut gedeihen u. möge es Euch gelingen, ihn so zu erziehen, daß von der großväterliche Erbmasse nur der wertvolle Teil zur Geltung kommt. - Der Name Stephan ist in unserer Familie ganz neu. Ich habe von jeher mehr Wert auf d. Sinn als auf d. Klang der Vornamen gelegt. στεφανος, renatus, {(hebräische Buchstaben)}, das ist sehr sinnvoll u. kennzeichnet auch d. humanistische Abstammung. Sei also Eurem Jungen {(hebräische Buchstaben)}, daß er als ein Renatus den στεφανος της ζοηες {λιογιου} {erbringe} u. Euch ein {Kranz} werde. - Deinen langen Rundbrief über d. große Reise habe ich mit {hohem} Interesse gelesen und | mich dabei auch u.a. über Deine schöne Ausdrucksweise gefreut. Deine sozialen Gedanken werden dabei viel neue Nahrung erhalten haben. Ich meine: Es ist schlimm, wenn primitive Völker nur moderne "Zivilisation" und nicht auch {???unsere} Kultur erhalten: sie bleiben dann doch "minderwertige" Menschen und das sollte nicht sein. Wieviel Kulturaufgaben sind in Amerika u. auch sonst auf Erden noch zu lösen! - Den schönen Wald der D? hat übrigens Oberförster nur "angelegt", indem er schon {versandene} Pflanzen in das Erdreich tat? "?" fort? "gebaut" hat ihn ein andrer. -

Nun zu mir. Am 5. Juli bin ich heimgekehrt mit Fr. Krüger, die mir dann hier noch 8 Tage die Wirtschaft geführt hat. In Italien habe ich oft an Euch u. Sorrent (Details anzeigen) gedacht. Der Aufenthalt in Nervi (Details anzeigen) war mir bekömmlich und ich bereue es nicht diese Reise gewagt zu haben. Freilich: ein bleibender Erfolg davon ist nicht eingetreten u. ist auch nicht zu erwarten. Die Altersschwäche läßt sich eben nicht mehr {heben}, | sie hat sehr zugenommen seit unserem letzten Zusammensein im herbst 1933. herz und Nieren sind wenig leistungsfähig. Der Weg bis zu unserem Friedhof fällt mir schon beschwerlich. Mehrmals am Tage muß ich liegen u. nichts tun oder denken. Dazu kommen dann nervöse Depressionen, die man wohl oder übel ertragen muß wie Zahnschmerzen. Länger als höchstens 2 Stunden kann ich e. Gespräch oder e. Unterhaltung nicht ertragen. Gottlob ist der Intellekt noch noch in Ordnung, wenn auch das Gedächtnis schwächer u. "Leistung" {träger} geworden ist. Ich schreibe dies alles, damit Du ganz im Bilde bist u. Dich nicht wunderst, wenn ich sage, daß ich etwas lebensmüde oder doch wenigstens vom Erdenleben gesättigt bin - soweit es nicht das Ergehen meiner Kinder u. Enkel betrifft. Das darfst Du aber keineswegs nur auf physische u. psychische Altersschwäche zurückführen. ? ich protestiere dagegen, daß es sich bei | mir um Altersstumpfheit handelt; ich beobachte u. beurteile die Umwelt u. die Zeitvorgänge mit demselben geistigen Interesse wie früher u. vielleicht noch schärfer, aber das lange Leben hat soviel Erfahrung gebracht, daß nichts wesentlich Neues hinzukommt. Es ist immer dasselbe Spiel, auch in unserer übertechnisierten Zeit, ja auch im Geisteskampf der Ideen {taucht} kaum etwas auf, daß nicht irgendwie schon dagewesen wäre. In jüngeren Jahren spürt man das nicht so deutlich u. das ist gut so, denn? jedes? {neue} Geschlecht muß das alte neu erfahren. Für mich ist das Erdenleben u. die Menschheitsgeschichte sinnlos u. sind d. Probleme des Seins u. Daseins unlösbar ohne d. christliche Glaubenswahrheit, u. ich bin sehr froh, daß ich jetzt als Greis das als d. Ergebnis meiner Erfahrungen u. meines geistigen Ringens aussprechen kann ohne Resignation u. Verletzung des logischen Gewissens in Freiheit. So kann ich denn auch dem Abschied von dieser Erdenwelt, ob er kurz oder lang eintritt, ruhig entgegensehen.|

Du willst also in diesem Jahr nicht nach Europa (Details anzeigen) kommen u. das ist wohl auch gut so. Jedenfalls wäre ich kaum imstande, noch einmal in diesem Jahr eine Reise ins Ausland zu machen. {Schriftlich} bleiben wir ja innig verbunden u. der Briefverkehr ersetzt doch viel. In der {Linienführung} der geistigen Spannungen, die Dir u. mir besonders nahegehen, werden wir wohl im weiten Maß übereinstimmen. Mir scheint die Entwicklung rasch fortzuschreiten; die Gegensätze werden immer deutlicher. In Italien ist, soviel ich sehen konnte, die Stimmung gleichmäßiger. Wir erfuhren auch viel Freundlichkeit gegen uns als Deutsche. Italienische Gespräche machten uns nicht viel Schwierigkeit. Wir hatten genug Übung um uns mit gebildeten u. einfachen Leuten unterhalten zu können, und das machte uns Freude, –| Seebergers und Fritz's in Brannenburg (Details anzeigen) trafen wir wohl an, Elisabeth (Details anzeigen) ist rührend um mich besorgt u. bemüht; u. sie ist immer so frisch u. leistungsfähig.

Nun weiß ich nicht mehr zu schreiben; hoffentlich kannst alles entziffern.

Gott sei mit Euch!

1000 Grüße! Dir, lieber Paul (Details anzeigen), Dir, liebe Hannah (Details anzeigen), ", liebe Erdmuthe (Details anzeigen), u. e. Kuß dazu

", lieber Stephan (Details anzeigen), " " " " den Dir Dein Mütterchen geben wird. Euer greiser Vater und Großvater

Tillich (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aBerlin
bTillich, Paul
cNervi
dTillich, René Johannes Stefan
eTillich, Hannah
fSorrent
gNervi
hGundolf, Friedrich
iBrannenburg
jSeeberger, Elisabeth
kTillich, Paul
lTillich, Hannah
mFarris, Erdmuthe
nTillich, René Johannes Stefan
oTillich, Johannes Oskar

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/193
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom April 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 9. August 1935

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 14. Juli 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10217.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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